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Die Lebensmittelknappheit im Ersten Weltkrieg trifft die Bevölkerung hart

Biersuppe für Kinder

Die deutsche Militärführung ging von einem kurzen Krieg aus und hatte keine
Vorkehrungen für eine langjährig gesicherte Nahrungsmittelversorgung der
Soldaten und erst recht nicht der Bevölkerung getroffen. Bereits in den ersten Kriegsmonaten geriet die freie Lebensmittelversorgung aus den Fugen, so dass die Militärführung zur staatlichen Lenkung überging. Unter der Verknappung hatten besonders ärmere Bewohner in den Städten zu leiden.

Von Olaf Piontek und Wilfried Altkrüger

Mit der Ankündigung der Mobilmachung suchten die Bürger auch in Hameln durch Hamsterkäufe vorzusorgen und brachten so den Lebensmittelhandel ins Stocken. Der Regierungspräsident in Hannover ordnete noch im August 1914 Höchstpreise an und drohte mit der Bestrafung „wucherischer Ausbeutung“. Wegen der Verknappung des Angebots an Kartoffeln sah sich die Landwirtschaftskammer Hannover veranlasst, die Landwirte aufzufordern, die „ungerechtfertigte Zurückhaltung der Kartoffeln vom Markte“ aufzugeben und „Heer und Volk“ ausreichend zu versorgen.

Viele Viehhalter brachten ihre Bestände eilig zur Schlachtbank, wodurch eine Versorgungslücke drohte. Daraufhin wurde vom Bundesrat am 1. September ein dreimonatiges Schlachtverbot für Kälber unter 75 Kilogramm und von weiblichen Rindern bis zu sieben Jahren verhängt. Die Kartoffelpreise stiegen bereits im Oktober 1914 auf außergewöhnliche Höhen, und Anfang November wurden die Bürger aufgerufen, Brot zu sparen. Mitte Februar 1915 war Roggenbrot und Roggenmehl nur noch auf Bezugsschein zu erwerben.
Regelmäßig wurden in den Tageszeitungen Hinweise zum sparsamen Umgang mit Lebensmitteln und „Kriegsrezepte“ veröffentlicht. Anfang 1915 nahm die Lebensmittelknappheit besonders in den ärmeren Bevölkerungsschichten bedrohliche Ausmaße an. In der Mittelschule an der Lohstraße richtete die Stadt daraufhin eine „Kriegsküche“ ein und stellte für Einrichtung und Betrieb 2000 Mark bereit. Damit wurde unter anderem ein 600 Liter Inhalt fassender Kochkessel angeschafft. Die im Nationalen Frauendienst zusammengeschlossenen Frauenvereine übernahmen die Betreuung.
 Zwei Monate später, im Mai 1915, mussten die Fleischereien in der Stadt ihre Geschäfte aufgrund der Lieferengpässe bereits mittags schließen. Im gleichen Maße wie die Preise stiegen und die Lebensmittel knapper wurden, nutzten die Bürger jede Möglichkeit der Selbstversorgung und wurden dazu auch explizit angehalten.
Insbesondere die Kaninchenzucht wurde immer stärker gefördert. So hat die Stadt Hameln 250 Mark für Zuchtprämien, 750 Mark für Futter und andere Zwecke bewilligt. Die Dewezet berichtete am 13. Mai 1915: „Das Interesse für die Kaninchenzucht hat einen solchen Umfang angenommen, dass die beiden hiesigen Kaninchenzuchtvereine sich entschlossen haben, am Sonntag 30. Mai ds. Js. einen Kaninchenmarkt, verbunden mit einer Kaninchenausstellung abzuhalten.“ Im Hotel „Zur Börse“ hatte sich ein „bisher dieser Zucht fernstehende[s] Publikum aus weitem Umkreise Hamelns“ eingefunden. Die feilgebotenen 400 Tiere waren bereits in den ersten Vormittagsstunden verkauft.
Im Herbst desselben Jahres durften Fleisch- und Wurstwaren nur noch an vier Tagen in der Woche verkauft werden. Die Beschränkungen setzten sich auch 1916 in zunehmendem Maße fort. Nach dem Backverbot für Kuchen und der Einstellung der gewerblichen Produktion von Fleischkonserven wurden im April auch Hausschlachtungen untersagt. Einen Monat später war auch Fleisch nur noch gegen Bezugsscheine zu erhalten.
Anstelle der herkömmlichen Lebensmittel sollten vermehrt Ersatzstoffe verwendet werden: Kunsthonig, Kaffee-Ersatz (Zichorien) und Kartoffelbrot sind nur einige Beispiele für Nahrungsmittel, die den Speiseplan zwar ausfüllten, aber letztlich nicht den erforderlichen Nährstoffgehalt sichern konnten. Da auch Kuhmilch knapp wurde, sollten die Hamelner stattdessen auf Ziegenmilch zurückgreifen.
Die Dewezet gab am 16. Dezember 1916 bekannt: „Für den Kreis Hameln sind heute 75 Ziegen eingetroffen. Wer eine Ziege kaufen will, wird ersucht, sich auf dem hiesigen Landratsamt, Zimmer Nr. 1 zu melden. Die Ziegenbeschaffung ist namentlich den Einwohnern unserer Stadt zu empfehlen, da vom 8. Januar 1917 ab die Lieferung von Vollmilch nicht mehr im freien Verkauf, sondern nur noch für Bezugsberechtigte (Kinder und Kranke) erfolgt.“
Durch die Seeblockade der Alliierten verschlimmerte sich die Situation vor allem für die ärmere Bevölkerung im sogenannten „Steckrübenwinter“ 1916/17 noch weiter. Kartoffeln waren im Vorjahr von einer Missernte betroffen und so stellte die Steckrübe für viele die letzte Nahrungsreserve dar, die nun in allen nur denkbaren Formen auf den Tisch kam, von der Suppe und dem Auflauf über das Kotelett und den Pudding bis zum Kaffee-Ersatz.
Im Februar 1917 wurden die Versorgungsrationen weiter eingeschränkt: Pro Person und Woche wurden ein Brot, drei Pfund Kartoffeln, 30 Gramm Butter, 75 Gramm Fleisch und monatlich ein Ei zugeteilt. Im April wurden die Brotrationen noch einmal um ein Viertel gekürzt. Wer nicht in der Lage war, bei Hamsterfahrten auf dem Lande „schwarz“ Lebensmittel vom Bauern einzutauschen, dem blieb häufig nur die bereits erwähnte Kriegsküche in der Lohstraße, die im Februar 1917 sogar Biersuppe an Kinder ausschenkte.
Die Stadtverwaltung wollte damit „teilweise das Milchfrühstück ersetzen, das in Friedenszeiten an Schulkinder verabfolgt“ wurde. Das Süßbier, das in der hiesigen Brauerei am Hühnerborn hergestellt wurde, war „mit Zucker, nicht mit Süßstoff versetzt“ und enthielt „nur eine geringe Menge Alkohol, der übrigens durch das Kochen ganz verschwindet“.
Im Gegensatz zu den Großstädten und dem Ruhrgebiet, wo sich der Missmut der Bevölkerung in den als „Lebensmittelpolonaisen“ bezeichneten Schlangen vor den Geschäften aufstaute, scheinen in Hameln keine größeren Unruhen wegen der Lebensmittelknappheit aufgekommen zu sein. Zwar beschwerte sich der Hamelner Magistrat im Juni 1917 über „geräuschvolle Auftritte in der Lebensmittelbezugsstelle“, die vor allem wegen der Verweigerung von Bezugsscheinen zu beobachten gewesen wären. Aus den Unmutsbekundungen Einzelner entwickelte sich aber offensichtlich kein kollektives, geschweige denn organisiertes Aufbegehren. Sicherlich vertrat man aber auch hier den Anspruch: „Der Staat, der die Väter und Söhne, die Versorger der Familien, in den Krieg geschickt hatte, müsste auch in der Lage sein, den Daheimgebliebenen ein Mindestmaß an Lebensmitteln zu sichern.“ Die sich ausbreitende Erschöpfung der Bevölkerung ließ 1917 allerorten den Ruf nach Frieden ertönen.
Eines der ersten Ziele des im November 1918 auch in Hameln gebildeten Arbeiter- und Soldatenrates war es, auf eine Beruhigung bei der Lebensmittelversorgung hinzuwirken. So wurden gestohlene Güterwaggons mit Pferden, Kühen, Schweinen, Wirtschafts- und Ackergerät sowie Nahrungsmitteln beschlagnahmt und der Kriegsamtsstelle zugeführt.
Der Erste Weltkrieg forderte auch in Hameln zahlreiche zivile Todesopfer, die auf mangelhafte Ernährung zurückgeführt werden müssen. Unter den geschwächten Kindern und Alten forderte zudem die Grippeepidemie im Winter 1918/19 einen hohen Tribut. Die Zahl der Hunger- und Grippetoten ist mit über 400 zu beziffern. Somit war auch in Hameln die „Heimatfront“ für die Bevölkerung ein einschneidender, strapaziöser und bedrohlicher Lebensabschnitt.

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