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Serie "Ausland als Chance": Falk Giese mixt Cocktails und serviert auf der MS Europa - und reist dabei um die ganze Welt

Bettelnde Kinder an Land - Champagnerpartys an Bord

Exten. Das Leben auf einem Schiff prägt - die Arbeit, die Eindrücke, die Menschen, denen man dort begegnet und mit denen man um die halbe Welt fährt. Mit ihnen streichelt man Löwenbabys in Südafrika, heizt auf Quads durch die namibische Wüste und leiht sich von ihnen die Schnorchelausrüstung auf den Seychellen.

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Autor:

Caroline Biallas

Auf einem Schiff lernt man Menschen kennen, die man sonst nie getroffen hätte. Weil sie in einer anderen Stadt leben und in einem anderen Job arbeiten, weil sie andere Leute kennen, andere Interessen haben. Doch die MS Europa schweißt sie zusammen. Für sechs Monate. Falk Giese (29) aus Exten gerät ins Schwärmen, wenn er an seine Schiffszeiten zurückdenkt. Zwei Mal, jeweils sechs Monate lang, hat der gelernte Koch, Restaurantfachmann und Hotelbetriebswirt auf der "Europa" gearbeitet, die zum siebten Mal in Folge als "weltbestes Luxuskreuzfahrtschiff" ausgezeichnet wurde: zuerst als Restaurantfachmann, dann als Barkeeper. Stress pur, wenn man jeden Morgen den Kreuzfahrtgästen - die ja einen gewissen Komfort erwarten - pünktlich und in aller Genauigkeit das Frühstück servieren muss und jeden Abend ein exklusives Dinner mit fünf oder sechs Gängen. Oder aus dem Stegreif heraus einen fruchtig-frischen Cocktail nach genauer Rezeptur zaubern muss. Die kleinste Kleinigkeit und jedes Detail muss perfekt durchorganisiert sein, immer wieder aufs Neue reibungslos laufen. "Und natürlich muss alles zügig gehen, weil die Gäste für die abendliche Gala in der Europalounge einen guten Sitzplatz haben wollen", erzählt Falk Giese. Sein Arbeitstag dauerte in der Regel zwischen zehn und zwölf Stunden, eine Woche sieben Tage. "Daher hat man die wenige Freizeit, die man hatte, bis in die letzte Sekunde ausgenutzt." Als Ausgleich für die harte Arbeit bekam die Crew eine deutlich höhere Bezahlung als an Land - und zusätzlich noch ein reichhaltiges Trinkgeld. "Allein davon konnte man gut leben, das eigentliche Gehalt ging dann aufs Sparbuch", sagt der 29-Jährige. Und man bekommt gratis die ganze Welt zu sehen... Seine erste Tour führte Falk Giese von März bis August 2002 von Kapstadt entlang der afrikanischen Küste und den Kanarischen Inseln ins Mittelmeer, wo Stopps in Metropolen wie Barcelona, Monte Carlo, Neapel, Venedig oder Istanbul eingelegt wurden. Um die spanische Küste herum ging die Reise dann weiter bis hoch nach Spitzbergen - und von da aus wieder zurück in die Ostsee bis ins russische St. Petersburg. In Kiel endete die erste Fahrt. Kaum hatte Falk Giese wieder festen Boden unter den Füßen, zog es ihn sechs Monate später, im Frühjahr 2003, wieder aufs Meer - diesmal führte ihn die Reise von Bali aus durch fast alle asiatischen und amerikanischen Häfen. Während er in einem der sechs "Outlets" an Bord - mal an der Poolbar, mal in der Havanna-Bar - exotische Cocktails mixte, zog die "Europa" weiter entlang Indonesien, Thailand, Vietnam, Taiwan, China, Korea und Japan, quer über den Pazifischen Ozean bis nach Hawaii, in den Hafen von Pearl Harbour. Und von dort nach San Francisco, wo man bei Sonnenaufgang die Golden Gate Bridge erreichte. In den Vereinigten Staaten, Kanada und Alaska wurde dann in nahezu jeder großen Metropole gestoppt - in Seattle, Vancouver Island, Los Angeles, San Diego und Santa Barbara. Anschließend ging es nach Mexiko und Guatemala durch den Panama-Kanal nach Jamaika, Florida, South Carolina und Pennsylvania bis nach New York. Dass eine solche Reise viele reichhaltige Eindrücke mit sich bringt und die eigene Persönlichkeit enorm prägt, kann Falk Giese nur bestätigen: "Man bekommt die verschiedensten Kulturen zu sehen und besonders die Unterschiedene zwischen Armut und Reichtum werden einem bewusst - da sieht man, wie Kinder am Straßenrand sitzen und betteln und zwei Stunden später ist man wieder an Bord und schenkt Champagner aus." Doch wie bekommt man eine Anstellung auf dem besten Luxuskreuzfahrtsschiff? Nach seiner Ausbildung zum Koch im Hotel "Zur Grafensteinerhöh" und dem Wehrdienst in Achum (wo er auch als Koch im Offizierskasino tätig war), hat Falk Giese seine zweite Ausbildung als Restaurantfachmann im 5-Sterne-Hotel "Traube Tonbach" in Baiersbronn (Schwarzwald) absolviert. Da er den Gedanken, auf einem Schiff zu arbeiten, schon längere Zeit im Hinterkopf hatte, hat er sich daraufhin bei der Hamburger Personalvermittlungsagentur CSM beworben. In mehreren Einzelgesprächen und einem schriftlichen Test, wo Fachkenntnisse aus dem Gastronomiewesen sowie Englischkenntnisse vorausgesetzt wurden, konnte sich der Extener schließlich gegen rund 30 Mitbewerber durchsetzen und bekam Anfang 2002 die Zusage - wenige Wochen bevor es losging. "Natürlich sind gute Referenzen hilfreich, da sie die Qualifikation widerspiegeln", erklärt Falk Giese, der übrigens gerne weitere Fragen beantwortet und bereit ist, Berufskollegen Tipps zu geben. Dennoch sei letztlich der persönliche Eindruck ausschlaggebend. Sein abschließender Ratschlag für alle, die eine ähnliche Karriere anstreben, doch bislang nicht den Mut für einen solchen Schritt gefunden haben: "Man soll nie denken, dass man das nicht kann, sondern es einfach versuchen!" So, wie er es damals versucht hat...

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