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Beim Geld hört die Freundschaft auf

Einfach, offen, nah am Kunden – glaubt man den Banken, ist das die Finanzwelt der Zukunft. Anleger sollen sich wohlfühlen bei „ihrer“ Bank, die Kunden insgesamt wieder Vertrauen gewinnen in eine Branche, die mit unverständlichen Kunstprodukten in einer Jahrhundertkrise Milliarden verbrannte. Doch Verbraucherschützer und Ökonomen zweifeln, ob neue Transparenz Einzug hält und sich das System grundlegend ändert. Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) behält sich weiterhin vor, die Banken notfalls per Gesetz zu verständlicheren Informationen für die Kunden zu zwingen.

Autor:

Jörn Bender, Sascha MeyerUnd Thomas Thimm

Der politische Druck zeigt immerhin erste Wirkung: Der Bankenverband hat mittlerweile ein Muster für ein einheitliches „Produktinformationsblatt“ vorgestellt. Wie ein Beipackzettel für Arznei soll es Risiken und Funktionsweise von Fonds oder Zertifikaten auflisten. Ob, wann und wie die Institute das Muster nutzen werden, ist aber offen. Es könne bis Frühsommer dauern, bis erste Produkte damit verständlich gemacht werden, räumte der Bundesverband deutscher Banken (BdB) ein. Weiteres Problem: Eine gemeinsame Regelung der gesamten Kreditwirtschaft – inklusive der Genossenschaftsbanken und Sparkassen – kam bisher nicht zustande. Andere Institute wie Europas größte Direktbank ING-DiBa haben bereits eigene Info-Blätter.

Die Deutsche Bank versorgt ihre Kunden bereits mit dem „Beipackzettel“. Der Direktor des Investment- und Finanzcenters in Hameln, Markus Eimecke, sagt: „Das ist auch gut für uns selbst. Wir haben zwar auch früher schon beraten, heute ist es aber übersichtlicher und auf einen Blick.“ Die Deutsche Bank Hameln, so Eimecke, spüre fast anderthalb Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise bereits wieder, wie einige Anleger ihre Zurückhaltung aufgeben. Als Bank sei der deutsche Branchenprimus gut durch die Krise gekommen – schließlich habe es die Kundschaft auch beeindruckt, dass Bankchef Josef Ackermann einst verkündete, die Deutsche Bank benötige keine staatliche Unterstützung. Dies habe, so Eimecke, eine positive Stimmung erzeugt.

„Wir begrüßen jede Bemühung zu mehr Transparenz, aber wir brauchen eine einheitliche Lösung“, mahnt der Leiter des Fachbereichs Finanzdienstleistungen beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, Manfred Westphal. An eine Rückkehr zu Bescheidenheit und Einfachheit glaubt er ohnehin nicht: „Die Produkte sind eher komplexer geworden, die Verbraucher ersticken schier in einem Wust verschiedener Produkte.“ Der FDP-Verbraucherpolitiker Erik Schweickert kritisiert: „Jedes Frühstücksei unterliegt strengeren Etikettierungsrichtlinien als eine Bank bei der Kennzeichnung ihrer Produkte.“

Indes kennt die Kreativität der Bankstrategen keine Grenzen, wenn es darum geht, verlorenes Vertrauen zurück- oder neue Kunden dazuzugewinnen: Die Volks- und Raiffeisenbanken streben an, in immer mehr ihrer bundesweit 13 600 Filialen Briefe und Pakete anzunehmen und als Postkonkurrent Kunden zu locken. Die Postbank entrümpelt ihr Angebot und versucht, Privatkunden mit Produkten zu überzeugen, die auch Laien verstehen. „Banken verdienen mit Privatkunden tendenziell nicht viel, da wollen sie nicht auch noch ein mögliches Haftungsrisiko wegen vermeintlicher Falschberatung aufbauen“, erklärt dazu der Darmstädter Bankenprofessor Dirk Schiereck.

Einer repräsentativen Gallup-Umfrage zufolge glaubt nur jeder vierte Bankkunde (26 Prozent), dass sein Geldinstitut hält, was es verspricht. Auch im internationalen Vergleich fällt das Gesamturteil der Kunden schlecht aus: In Deutschland zeigen sich 39 Prozent der Anleger mit ihrer Geschäftsstelle äußerst zufrieden. In Großbritannien sind es 46 Prozent, in den USA sogar 69 Prozent.

Dass Banken ein Imageproblem haben, hat sich auch in den Führungsetagen herumgesprochen. Deutsche-Bank-Chef Ackermann etwa gab sich neulich betont bescheiden: „Es gibt eine Verantwortung auch für die Menschen, und hier müssen wir noch besser werden. Wir müssen deutlich machen, dass wir nicht nur vom Geld getrieben sind, sondern von Werten.“ Postbank-Chef Stefan Jütte sekundierte: „Wir wollen uns wieder konsequent als Bank für das Wesentliche aufstellen und unseren Kunden die Entscheidung in Finanzfragen so leicht wie möglich machen.“

Auf diesem Kurs sieht sich Dirk Zimmermann von der Sparda-Bank Hannover-Hameln schon seit Jahren: „Wir haben seit eh und je eine transparente Produktpalette, gerade auch im Bereich der Investmentfonds. Wilde Spekulationsgeschäfte bieten wir erst gar nicht an, und das haben wir auch schon vor der Finanzkrise nicht getan.“ Die Unruhe in der Kundschaft gespürt hat Zimmermann 2009 dennoch, und seiner Meinung nach haben da die beiden Strategien der Sparda-Bank geholfen: „Erstens haben wir unsere Kunden sehr offensiv informiert. Zweitens legen wir als Sparda großen Wert auf unsere Seriosität und Bodenständigkeit. Das ist letztlich das positive Kundenbindungsinstrument.“ Zimmermann wirbt mit einer Weiterempfehlungsrate von 91,4 Prozent seiner Kunden – und das, so ist sich der Hamelner Sparda-Chef sicher, „hat auch immer mit den Beschäftigten vor Ort zu tun“.

Ähnlich sieht das die Sparkasse Schaumburg: Die regionale Verbundenheit und das Setzen auf eine langfristige Vertrauensbasis sei die Geschäftsgrundlage für die Sparkassen. Der Vorstandsvorsitzende Hans-Heinrich Hahne sagt, sein Institut habe heute „eine ähnliche Produktpalette wie vor der Krise“, allzu spekulative Anlageprodukte habe die Sparkasse ohnehin nicht angeboten. Hahne erzählt von Kunden, die 2009 gesagt hätten, „bei euch passiert das doch nicht“.

Eine Renaissance des Filialgeschäfts mit mehr Kundenkontakt sehen andere Experten trotz aller Bemühungen der Institute dennoch nicht. In den vergangenen Jahren sank die Zahl der Bankstellen stetig, nach jüngsten Zahlen der Bundesbank gab es Ende 2008 noch gut 41 700 bundesweit. Im Jahr 1997 waren es noch über 66 700. „In den letzten Jahren gab es eher den Drang, die Leute aus den Filialen rauszuhalten“, schimpft Verbraucherschützer Westphal. Ökonom Schiereck erwartet keine Trendwende, er rechnet mit einer Zersplitterung des Privatkundenmarktes: „Zum Einen die Massenkundschaft, die einen Waschzettel bekommt oder Produkte, die man nicht mehr erklären muss, zum Anderen vermögendere Kunden, die individueller beraten werden.“

Für Zimmermann von der Sparda-Bank keine brauchbare Option: „Wir erklären allen unseren Kunden im persönlichen Gespräch die Anlagemöglichkeiten und auch die Risiken.“ Schließlich sehe das auch das neue Anlageschutzgesetz so vor. Dass die Anleger durch die Krise nun die Finger von Aktien und Fonds ließen, kann Zimmermann nicht erkennen – ganz im Gegenteil: „Der Dax hat Höchststand. Das heißt, dass das Vertrauen wieder im Markt ist.“ Und der Schaumburger Sparkassen-Chef Hahne sieht bereits wieder Kunden etwas risikofreudiger agieren: „Das ist spürbar so.“

Die Volksbank Hameln-Stadthagen nimmt für sich in Anspruch, den von Verbraucherministerin Aigner geforderten neuen Bestandteil der Anlageberatung bereits seit Jahren zu leben. Frank Engelking von der Wertpapierabteilung: „Wir fragen gezielt nach den Erfahrungen der Kunden bei der Geldanlage. Darüber hinaus halten unsere Berater in jedem Kundengespräch die Themen und Ziele des Kunden fest. Es gibt auch bereits seit Jahren Produktinformationsblätter, die alle wesentlichen Merkmale beinhalten, also bereits der geforderte Beipackzettel sind.“ Inwiefern eine Standardisierung dem Kunden einen größeren Nutzen bietet, das stellt die Volksbank infrage, denn: „Die Finanzmarktkrise ist nicht durch unverständliche Finanzprodukte bei Privatanlegern entstanden, sondern vielmehr durch rendite-hungrige institutionelle Anleger, die leider nicht in der Lage waren, die Risiken ihrer Anlageentscheidungen selbst einzuschätzen, wenn nach dem Domino-Prinzip das erste Finanz-Konstrukt ins Fallen gerät.“

Auch die Postbank – zu der die Hamelner Bausparkasse BHW gehört – will sich wieder konsequent als Bank für das Wesentliche aufstellen und ihren Kunden die Entscheidung in Finanzfragen „so leicht wie möglich machen“. Postbank-Chef Jütte betont: „Wir wollen wieder ,einfacher‘ werden, mit einer schlankeren und transparenteren Produktpalette.“ Das gelte auch für den Bereich der Investmentfonds, aktuell biete die Postbank ihren Kunden nur noch elf Fonds an.

Die Bankenkrise von 2008 beeinflusst seit nunmehr anderthalb Jahren die gesamte Finanz- und auch die Wirtschaftswelt. Die Banken sind bemüht, das Vertrauen verunsicherter Anleger zurückzugewinnen. Ein Blick in die Branche.




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