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Vor Gericht: Verfahren eingestellt / Betrunkener schätzt Situation offenbar falsch ein

Bei Vergewaltigung dem Opfer nicht geholfen

Bückeburg (ly). "Ich habe gestern Abend einen getrunken", entschuldigt sich der Angeklagte bei seinem Verteidiger Volkmar Mirsch für die mehr als einstündige Verspätung. Der Verhandlung könne er aber folgen. Gebracht hat den 21-Jähri gen die Polizei, weil dieser den Termin beim Landgericht nach eigenen Angaben verschwitzt hatte.

Alkohol spielt offenbar eine wichtige Rolle im Leben des jungen Mannes, und auch die Tat, um die es vor der 1. Großen Jugendkammer ging, ist im Suff passiert. Während einer kleinen Einweihungsfeier in seiner Wohnung war der Bückeburger vor knapp zwei Jahren Zeuge einer Vergewaltigung geworden, ohne einzugreifen und dem Opfer zu helfen, einer damals 17-Jährigen. Erst am nächsten Tag, nachdem der Alkoholnebel halbwegs verzogen war und das Mädchen dem Hausherrn eine SMS aufs Handy geschickt hatte, regte sich das schlechte Gewissen: "Natürlich habe ich mir Vorwürfe gemacht." Um es kurz zu machen: Das Verfahren wegen unterlassener Hilfeleistung ist ohne Auflagen eingestellt worden. Die Vorsitzende Richterin Dr. Birgit Brüninghaus sprach von geringer Schuld. An einer Strafverfolgung bestehe kein besonderes Interesse mehr. Für eine Verurteilung hätte dem Angeklagten nachgewiesen werden müssen, dass er die Notlage des Opfers erkannt hat. Und das schien schwierig. Erstens war er wahrscheinlich volltrunken, zweitens war er wohl nicht die ganze Zeit im Zimmer und hat daher nur einen Teil des Geschehens mitbekommen, drittens liegt die Sache länger zurück. "Wir haben wirklich andere Kriminelle im Bezirk, um die wir uns kümmern müssen", befürwortete Oberstaatsanwalt Bodo Becker eine Einstellung des Verfahrens. Ein Mann, der an der Tat beteiligt gewesen sein soll, ist zwischenzeitlich gestorben. Dem anderen hatte dieselbe Kammer vor einem Jahr wegen Vergewaltigung in Tateinheit mit sexueller Nötigung eine Geldbuße von 2500 Euro auferlegt, zu zahlen an das Opfer. Eingedrungen war dieser Haupttäter mit einem Finger, was juristisch ebenfalls als Vergewaltigung eingestuft wird. Begonnen hatte die Tat mit harmlosen Annäherungsversuchen, bevor "eine jugendliche Verfehlung in nicht hinnehmbarer Weise eskalierte", wie es seinerzeit im Urteil hieß. Möglicherweise hat der Augenzeuge, der jetzt vor Gericht stand, die Situation unterschätzt. Das Mädchen konnte sich jedenfalls losreißen und die Wohnung verlassen. Getrunken hatten alle Beteiligten. Das Verfahren gegen den Mann, der tatenlos zugesehen hatte, war schon einmal eingestellt worden, allerdings gegen 500 Euro Geldauflage. Zur Wiederaufnahme kam es nun, weil der 21-Jährige seitdem nur zwei Monatsraten gezahlt haben soll. Dass er offenbar einen Dauerauftrag eingerichtet hat, wurde erst vor Gericht bekannt. Anscheinend hat die junge Frau nicht geprüft, ob das Geld angekommen ist. Nach Einschätzung von Richterin Brüninghaus ist das Opfer noch immer traumatisiert.




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