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„Bei uns sind fast alle Türken integriert“

Insgesamt 8456 Mitmenschen mit ausländischer Staatsbürgerschaft aus rund 120 Nationen sind in der Statistik des Landkreises Schaumburg verzeichnet, davon besitzen 2616 Menschen einen türkischen Pass. Während diese Zahlen bis in die neunziger Jahre anstiegen, nehmen sie inzwischen von Jahr zu Jahr ab, unter anderem auch deshalb, weil sich jährlich bis zu 200 Menschen einbürgern lassen. Im Jahr 2009 waren es 127 Einbürgerungen, im ersten Halbjahr des Jahres 2010 bisher 56. Dabei ist jede Einbürgerung verbunden mit festen Auflagen, zu denen auch der Nachweis über die Beherrschung der deutschen Sprache gehört.

Autor:

Cornelia Kurth

Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) gehört neben der Volkshochschule zu den wichtigsten Anbietern von Sprachkursen und Beratungsleistungen für ausländische Mitbürger. „Wir haben schon in den siebziger Jahren darauf hingewiesen, dass solche Integrationsangebote nötig sind. Schon damals hätte die Politik wissen können, dass die ins Land gerufenen ,Gastarbeiter‘ bleiben würden und dass man daraus politische Konsequenzen ziehen muss“, erklärt Awo-Geschäftsführerin Heidemarie Hanauske. Während in der großen Fläche des Landkreises Schaumburg insgesamt gar nicht viel zu spüren war von den neuen Mitbürgern, steigerte sich der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund in Stadthagen nach und nach auf etwa 15 Prozent. Firmen wie Rentrop (heute Faurecia), Alcatel oder Otis brauchten neue Mitarbeiter, und die meisten von ihnen kamen aus der Türkei.

„Wir stießen zunächst auf keine große Gegenliebe mit unseren Integrationsangeboten, die in den achtziger Jahren starteten“, sagt die Awo-Leiterin. „,Die Ausländer sollen arbeiten und abends auf ihre Bude gehen, die bleiben eh nicht lange‘, so hieß es. Eine Kollegin von mir, die aus der Türkei stammte und fragte, wie und wo sie denn deutsch lernen könne, bekam die Antwort: ,Du bist hier nicht zum Reden, du bist hier zum Arbeiten!‘.“

Dass es Türken gibt, die seit 20, 30 Jahren hier leben und trotzdem die deutsche Sprache nur mangelhaft beherrschen, das habe seine Ursache in diesen Anfängen der Zuwanderung, wo die Migranten größtenteils auf sich allein gestellt waren. „Wo man sich so zurückweisend einer ganzen Generation gegenüber verhält, ist es kein Wunder, wenn sich dann irgendwann ein Integrationsproblem herausstellt.“ Erst in den neunziger Jahren sei erkannt worden, dass man etwas versäumt habe. Für viele Familien kamen da die Sprachkurse und Migrationsberatungen zu spät.

Inzwischen aber sieht die Lage ganz anders aus. Im Jahr 2005 bildete sich in Stadthagen der Integrationsbeirat, in dem ausländische und deutsche Institutionen vertreten sind und sich vor allem im Bereich der Sprachförderung engagieren. Das Multikulturelle Zentrum ist unter anderem dabei, die Alevitische Gemeinde und die Türkisch-Islamische Gemeinde, dazu die Arbeiterwohlfahrt, die katholischen und die evangelischen Kirchengemeinden. Auch in den anderen Städten des Landkreises gibt es überall Anlaufstellen für ausländische Mitbürger, darunter auch spezielle Angebote für Mütter, die direkt in den Kindergärten vor Ort unter dem Stichwort „Mama lernt deutsch“ an Sprachkursen teilnehmen, während ihre Kinder betreut werden.

Bettina Hartmann von der Leitstelle Integration in Stadthagen ist eine Art Wegbereiterin für das breite Netz von Integrationsangeboten, das sich über den Landkreis spannt. Sie initiierte das Projekt „Integrationslotsen“, innerhalb dessen insgesamt 46 ehrenamtliche Mitarbeiter, darunter mehrere Türken, dafür ausgebildet wurden, ausländischen Mitbürgern den Weg zu den verschiedenen Hilfen zu weisen, angefangen beim Jugendamt und seinen Familienhilfen, bis hin zu den Hausaufgabenbetreuungen, Sprach- und Orientierungskursen, den Berufseingliederungsmaßnahmen der Bildungsvereinigung „Arbeit und Leben“ und auch zum Beispiel dem regelmäßigen „Internationalen Frauentreffen“ in Lauenau.

„Ich wüsste nichts von irgendwelchen Problemen im Landkreis, die sich speziell mit den Türken ergeben“, sagt Bettina Hartmann. „Bis auf einige schwarze Schafe gibt es auch keine türkischen Jugendlichen, die als auffällige Gruppe in Erscheinung treten. Im Grunde leben wir hier sehr behütet. Situationen wie in Großstadtstadteilen wie etwa Berlin-Neukölln, die gibt es hier nicht.“ Tatsache sei, dass die Sprachförderung zum wichtigsten Aufgabengebiet der Integrationsförderung gehöre und dass dieses Angebot immer besser ausgeweitet und angenommen werde. „Wir wollen vor allem auch die nicht berufstätigen Familienmütter erreichen, die nicht automatisch durch das Job-Center in Sprachkurse geleitet werden.“

In der Rintelner Moschee ist es Gemeindevorstand Murat Demirel, der speziell für die Frauen der türkisch-islamischen Gemeinde Sprachkurse organisiert, an denen aber auch andere Ausländer teilnehmen können. „Wir wollen gerade die Frauen fördern, von denen manche schon so lange hier sind und noch nie einen Sprachkurs mitgemacht haben“, sagt er. Auf die Frage, wie er die Debatte um Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ einschätze, schüttelt er nur lächelnd den Kopf. „Hier sind fast alle Türken integriert“, sagt er, „und unsere Familie auch. Am Gymnasium gibt es rund 40 türkische Schüler, meine Kinder haben internationale Freunde und überhaupt fühle ich mich nicht als Türke, sondern als ein Mensch und Europäer, der alle Rassen und Religionen anerkennt.“

Murat Demirel kam als Kind nach Deutschland und führt seit vielen Jahren das Schmuckgeschäft „Ephesus“ am Rintelner Marktplatz. Interessanterweise gehen seine beiden ältesten Söhne auf ein Internat in Paderborn, das vor drei Jahren eröffnet wurde und vor allem um türkische Schüler wirbt. An dem angeschlossenen staatlich anerkannten Privatgymnasium wird nach dem Lehrplan von Nordrhein-Westfalen unterrichtet und dazu auch Türkisch angeboten. Dass er seine Kinder damit auf eine Art „Parallelschule“ schickt und so einer gelungenen Integration gerade entgegenwirkt, diesen Verdacht weist Demirel weit von sich: „Ich glaube, dass die Türkei in zehn bis fünfzehn Jahren Deutschland wirtschaftlich überholt haben wird. Deshalb will ich, dass meine Kinder sehr gut türkisch sprechen können. Außerdem werden an dieser Schule gerade die deutschen Tugenden sehr ernst genommen, Fleiß, Sorgfalt und respektvoller Umgang miteinander.“

Auch Arif Sanal, der in Rinteln das beliebte Restaurant „Bodega“ führt, hat sich um die von Sarrazin ausgelöste heftige Debatte nicht viel gekümmert. „Ich erkenne mich darin nicht wieder“, sagt er. „Ich bin zwar in der Türkei geboren, aber in Deutschland aufgewachsen. Ich fühle mich nicht als Türke oder als Deutscher und bin damit vielleicht freier als Menschen, die sich so sehr über ihre Nationalität definieren.“ Am liebsten wäre ihm, Deutsche und Türken würden sich den türkischen Staatsgründer Atatürk zum Vorbild nehmen, der alles daran setzte, um die damals etwa 55 Kulturen in der Türkei zu einen. „Das oberste Ziel sollte sein, friedlich und verständnisvoll zusammenzuleben. An der Gegenwart der Türken in Deutschland ist nichts zu ändern. Man sollte Sarrazin so verstehen, dass es um eine gemeinsame Kultur von Deutschen und Ausländern gehen muss.“

Gönül Maffert, in Stadthagen Mitglied des Integrationsbeirates und außerdem Beauftragte für Frauen und soziale Fragen im Bund der (liberalen) Alevitischen Gemeinde Deutschlands, könnte das sofort unterschreiben. „Wenn es Probleme im Zusammenleben gibt, dann ist das weniger ein Problem der Integrationsunwilligkeit von bestimmten Gruppen, sondern ein Problem von Bildung. Man kann sehr wohl Moslem sein, ob sunnitisch oder alevitisch, und sich trotzdem diesem Land zugehörig fühlen.“

Sie selbst habe sich ohne Deutschkurse durchgeschlagen, als sie mit 22 Jahren in Deutschland ankam, wo sie in Obernkirchen mit einem Rechtsanwalt ihre Familie gründete und in Bad Eilsen das Seniorenheim „Haus Désiree“ eröffnete. „Ob ich türkisch bin oder deutsch, ich kann es nicht sagen. Doch ich und fast alle, die ich kenne, fühlen sich hier zu Hause. Klar – ich kann perfekt türkisch sprechen, ich bin ja in Istanbul aufgewachsen. Aber für meine beiden Kinder spielt die Türkei keine Rolle. Sie leben hier und gehören dazu. Ich dränge sie nicht dazu, türkisch zu sein.“

Schon vor drei Jahren, als Stefan Hartmann, Integrationsberater in Stadthagen, im Landkreis Vorträge hielt unter dem Motto „Schaumburg ist bunt“, kamen aus dem Publikum immer wieder Bedenken, ob es vielleicht in Zukunft kein Deutschland mehr geben würde. „Das kommt darauf an, wie wir in einem neuen Deutschland miteinander umgehen“, so Hartmann in solchen Situationen. „Alle Integrationsbemühungen sollen nicht nur die Situation für ausländische Mitbürger erleichtern, sondern beide Seiten für ein interkulturelles Zusammenleben zu öffnen, in dem das Fremde als Bereicherung angesehen werden kann.“

Überall im Land wird über Thilo Sarrazin und seine provokanten Thesen diskutiert. Die in Deutschland lebenden Türken seien nicht wirklich bereit, sich zu integrieren, sie belasteten mit ihren großen, oft bildungsfernen Familien das gesellschaftliche Leben so sehr, dass die Gefahr bestehe, Deutschland verliere seine eigene kulturelle Identität. „Unsinn!“, sagt dazu Heidemarie Hanauske von der Arbeiterwohlfahrt im Landkreis Schaumburg. „Türken, Moslems und andere Ausländer – wir leben hier sehr gut und friedlich zusammen.“

Zu der von Thilo Sarrazin ausgelösten heftigen Debatte kann Arif Sanal nur den Kopf schütteln. „Ich erkenne mich darin nicht wieder“, sagt der in der Türkei geborene Rintelner, dessen Frau Stefanie Deutsche ist. „Man sollte Sarrazin so verstehen, dass es um eine gemeinsame Kultur von Deutschen und Ausländern gehen muss.“

Fotos: tol

„Ob ich türkisch oder deutsch bin, ich kann es gar nicht sagen“: Gönül Maffert (Mitte, im Kreis ihrer Mitarbeiter im Seniorenheim in Bad Eilsen) kam mit 22 Jahren nach Deutschland, schlug sich ohne Deutschkurse durch und kümmert sich heute im Integrationsbeirat um andere Zugewanderte.




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