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Bei jeder Kleinigkeit gleich zur Polizei

Wir werden immer stärker instrumentalisiert“, sagt Arno Hansing, Leiter des Einsatz- und Streifendienstes bei der Bückeburger Polizei. Beschwerden über Nachbarn und Anrufe wegen Streitigkeiten häufen sich speziell in den heißen Monaten. Immer weniger Menschen regeln solche Konflikte selber. Sie scheuen das Gespräch, haben sowieso keinen Draht zum Mann oder zur Frau von nebenan, rufen deshalb lieber auf der Wache an, tragen das Problem vielleicht sogar persönlich dorthin.

Autor:

Stefan Lyrath

Wer Beamte als Streitschlichter in Uniform sieht, hat meistens diese Begründung: „Die Polizei wird dafür bezahlt, ich zahle schließlich Steuern.“ Hansing weiß es aus eigener Erfahrung: „Die Polizei wird von vielen als Dienstleister angesehen.“ Damit kein falscher Eindruck entsteht: „Wir sind für den Bürger da“, betont der Bückeburger Dienstabteilungsleiter Jürgen Milde. Dennoch fragt Milde in vielen Fällen, ob Anrufer das Problem vielleicht auch allein lösen können. Man könnte ja mal miteinander reden. „Wenn ich sofort mit der Polizei agiere, trägt das nicht zum guten Klima bei“, gibt Hansing zu bedenken. Und ein Streifenwagen vor dem Haus macht sich nie besonders gut. Getuschel ist dann programmiert.

Gabriela Mielke, Sprecherin der Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg, kennt diverse Fälle dieser oder ähnlicher Art. Einer spielt im Raum Rinteln: Ein Städter ist aufs Land gezogen, um abseits aller Hektik die himmlische Ruhe zu genießen. Nur der Schreihals auf Nachbars Misthaufen kümmert sich nicht darum. Arno Hansing: „Die Polizei soll dann dafür sorgen, dass der Hahn ruhig ist – egal wie.“

Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt, wie es ist, weiß der Volksmund. Manchmal ziehen aber auch dunkle Wolken auf, die nicht von Regen künden. In Nienstädt hat sich ein weiterer Fall aus dem Tierreich zugetragen: Sobald ein etwas größerer Hund allein zu Haus ist, vertreibt er sich die Zeit mit Bellen. Und ein Nachbar lässt es sich nicht nehmen, ebenso regelmäßig bei der Polizei anzurufen. Wenn der Vierbeiner nach 22 Uhr bellt, müssen die Beamten wohl oder übel raus – wegen Ruhestörung.

Auf der Wache: Polizeihauptkommissar Jürgen Milde nimmt Anrufe entgegen, schickt Streifenwagen los oder fährt selber raus. Das Polizeikommissariat Bückeburg ist zuständig für die Städte Bückeburg und Obernkirchen sowie die Samtgemeinden Eilsen und Nienstädt. Foto: ly

Nur indirekt mit Tieren zu tun hat diese Begebenheit, die nicht unter Nachbarn spielt: Eine Frau, die am Straßenrand Eier verkauft, kommt zur Wache und will unbedingt Anzeige erstatten. Vor dem Kauf hat sich ein Kunde erlaubt, ein kaputtes Ei gegen ein heiles auszutauschen. Im Supermarkt wäre das selbstverständlich. Wirklich überzeugend findet die Verkäuferin die Idee, dass sie im Unrecht sein könnte, auch nach längerer Diskussion auf der Polizeiwache nicht.

Den Weg hätte die Frau sich sparen können. Nie war es so einfach wie heute, in der Blütezeit der Telekommunikation, die Polizei zu verständigen. „Jeder hat ein Handy“, erklärt Gabriela Mielke. „Da ruft man schneller an.“ Wenn speziell am Wochenende Alkohol hinzukommt, kann dies die Zunge lockern, wenigstens am Telefon. Das direkte Gespräch, so die Erfahrung der Polizei, scheuen viele aus Angst vor Repressalien – oder schlicht aus Bequemlichkeit.

Ältere Menschen neigen erfahrungsgemäß eher dazu, unliebsame Nachbarn anzuzeigen, Kriminalhauptkommissarin Mielke kann das bestätigen. Ihr Kollege Arno Hansing liefert eine denkbare Erklärung: „Die Älteren haben andere Wertvorstellungen und vielleicht eher die Erwartung, dass eine Anzeige geschrieben wird.“ Toleranz gegenüber sogenannten Dumme-Jungen-Streichen scheint ebenfalls weniger ausgeprägt zu sein.

Stichwort demografische Entwicklung: Weil die Gesellschaft insgesamt altert, steigt nach Auffassung von Kriminologen unterm Strich auch die Bereitschaft, bei kleineren Vorkommnissen gleich die Polizei zu behelligen, quasi mit Kanonen auf Spatzen zu schießen. Die Neigung, Bagatellen zur Anzeige zu bringen, wächst unterdessen auch auf dem Dorfe. „Früher gab es ein Stadt-Land-Gefälle, heute wohnen viele Pendler auf dem Land“, erklärt Gabriela Mielke. Die Folge: Anonymität nimmt zu, Nachbarn kennen einander häufig nicht mehr näher. Guten Tag und guten Weg, das war’s dann auch schon. Wenn es zum Streit kommt, muss die Polizei einspringen.

In der Statistik tauchen viele Kleinigkeiten gar nicht beziehungsweise nur am Rande auf, obwohl sie die wertvolle Zeit von Beamten gekostet haben. Bevor eine Anzeige gefertigt wird, müssen schon Straftaten oder Ordnungswidrigkeiten passiert sein. Ist dies nicht der Fall und liegt auch keine „Gefahrenlage“ vor, die nach dem Gefahrenabwehrgesetz „behandelt“ werden muss, findet sich der polizeiliche Einsatz als „sonstiges Ereignis“ wieder, kurz SO. Darunter fallen: Rausfahren, überprüfen, befragen, Ast von der Straße nehmen, Gullydeckel wieder einsetzen, um nur einige Beispiele zu nennen.

Ruhestörung gehört zu den Ordnungswidrigkeiten. Im Sommer nehmen die Anzeigen in diesem Bereich zu, besonders an den Wochenenden. Sieben Ruhestörungen während einer Zwölfstundenschicht sind auf der Bückeburger Wache schon vorkommen. Wenn die Beamten bereits am Telefon erkennen, dass am anderen Ende der Leitung ein Scherzbold spricht, erfolgt kein Eintrag. Nur am Rande: Wer die eigene Nummer unterdrückt, mag sich auf der sicheren Seite fühlen, liegt aber gründlich falsch. „Die Polizei kann unterdrückte Nummern sehen“, warnt Mielke.

Missbrauch von Notrufen ist zudem kein Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat, die mit bis zu zwei Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden kann, wenn der Richter partout keinen Spaß versteht. In Nienburg hat es einmal 180 Anrufe innerhalb weniger Tage gegeben, alle unter der Nummer 110. „Jedesmal ist dann eine Leitung blockiert“, sagt Mielke.

Aber das sind Ausnahmen. In der Nienburger Einsatzleitstelle gehen jährlich rund 50 000 Anrufe aus den Landkreisen Schaumburg und Nienburg ein, die zu etwa 23 000 Einsätzen aller Art führen. Kleinvieh macht auch Mist: Über das ganze Jahr 2010 verteilt verzeichnete das Polizeikommissariat Bückeburg 180 Ruhestörungen und liegt damit im Vergleich zu Bad Nenndorf (147), Rinteln (133) sowie Stadthagen (119) klar an der Spitze. In allen Fällen musste die Polizei tätig werden. Bei Streitigkeiten führt das Polizeikommissariat Stadthagen (195), gefolgt von Rinteln (125), Bückeburg (104) und Bad Nenndorf (83).

Es muss nicht immer Streit sein. Jürgen Milde vom Einsatz- und Streifendienst der Bückeburger Polizei weiß zum Beispiel über Autofahrer zu berichten, die nach den Ordnungshütern rufen, wenn ein Landwirt Mist auf der Straße verloren hat. Manchmal antwortet Milde dann mit der passenden Gegenfrage: „Haben Sie eine Schaufel?“ Ein beliebtes Ärgernis sind auch Äste, die auf der Fahrbahn liegen. Man könnte natürlich rechts ran fahren, aussteigen, auf den Verkehr achten und das Hindernis von der Fahrbahn nehmen. „Aber aus dem Ast wird dann schnell ein ganzer Baum.“

Bei Grillgeruch, der vom Nachbargrundstück herüberweht, kann es ratsam sein, ganz einfach die Fenster zu schließen. Kein Vertun gibt es bei Brandgefahr, dann muss die Polizei raus. Aber wer darf den Zweig schneiden, der über den Zaun ragt? Und ist es dem Nachbarn erlaubt, mein Grundstück zu betreten, um Früchte von seinem Baum aufzusammeln? Oder ist das vielleicht ein glasklarer Fall von Hausfriedensbruch?

Die Wünsche einiger Bürger an ihren Freund und Helfer sind recht vielfältig, die Erwartungen hoch: So soll die Polizei in eigener Regie und ohne Abstimmung mit anderen Behörden Schilder errichten, den Verkehr umleiten, auf Zuruf Tempokontrollen durchführen oder gar die Erziehung von Kindern übernehmen, wenn es in Familien gärt, bevorzugt nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Manche Mütter sprechen gleich von Kindesentziehung, wenn der geschiedene Vater die gemeinsame Tochter fünf Minuten zu spät abliefert.

„Manchmal sind wir einfach nicht zuständig“, muss Gabriela Mielke passen – und manchmal doch, auch wenn es noch so absurd klingt. Es soll Menschen geben, die Anzeige wegen Diebstahls erstatten, weil ihrem Kind in der Schule ein Buntstift geklaut worden ist. Wenn sich Eltern dies partout nicht ausreden lassen, müssen Polizisten zähneknirschend selber zum Stift greifen.

Man sieht sich. Und weil Nachbarn sich im Sommer häufiger draußen sehen, können sie auch leichter in Streit geraten. Gern wird dann die ohnehin überlastete Polizei eingeschaltet, um Bagatellen von der Staatsmacht klären zu lassen. Die Klassiker: Rasenmähen zur Mittagszeit, laute Musik vom Nachbargrundstück, Rauch, der beim Grillen herüberzieht, Zweige, die über den Zaun ragen. Und natürlich der Hahn, der auf dem Misthaufen kräht.




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