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"Internationale Freundschaftsheim" - Pastor Wilhelm Mensching schafft in Bückeburg eine Einrichtung von Weltruf

Bedeutende Tagungsstätte weicht zwei Supermärkten

Bückeburg (gp/thm). Der Weinberg westlich von Bückeburg war schon immer ein symbolträchtiger Ort: Einst düstere Hinrichtungsstätte, hatte dort ab Mitte des vorigen Jahrhunderts die Friedensbewegung ein festes Zuhause. Vor rund 56 Jahren bauten Menschen aus aller Welt auf dem Weinberg das "Freundschaftsheim" - die erste Friedensschule der Nachkriegszeit auf deutschem Boden.

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"Von hier aus wird künftig für alle Zeit die Friedensbotschaft ertönen", war 1952 bei der Einweihung des neuen, als Zentrum von Toleranz und Völkerverständigung gedachten Hauses zu hören. Es blieb ein frommer Wunsch. Knapp 40 Jahre später war die Botschaft verstummt. Meldungen über finanzielle Unregelmäßigkeiten machten die Runde. 1992 wurde die zuletzt vom "Ökumenischen Begegnungszentrum - Internationales Freundschaftsheim Niedersachsen" betreute Einrichtung an eine Firma aus Hameln verkauft. Ein Zeit lang wurden dort die Bückeburg zugewiesenen Asylbewerber und Flüchtlinge untergebracht. Den unrühmlichen Niedergang ihrer Idee hätten sich die Gründungsväter nicht vorstellen können. Sie waren von der Notwendigkeit einer dauerhafter Friedensarbeit und der Zukunft ihres Freundschaftsheims überzeugt. Angefangen hatte alles Pfingsten 1946 - rund ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Damals saßen im Petzer Pfarrhaus Pastor Wilhelm Mensching und sein französischer Amtskollege und Freund André Trocé zusammen. Beide waren erklärte Kriegsgegner und hatten sich - unter eigener Lebensgefahr - während der NS-Zeit für die Opfer und Verfolgten des Regimes eingesetzt. Als dritter im Bunde stieg der Amerikaner George Hogle mit ein. Hogle war Quäker. Der überzeugte Pazifist war unmittelbar nach dem Einmarsch der Alliierten zur Verteilung von Hilfsgütern nach Deutschland gekommen. Am 1. Januar 1948 nahm der Plan konkrete Formen an. Eine Gruppe von 40 Männern und Frauen gründete - ebenfalls im Petzer Pfarrhaus - eine Art Förderverein. Dessen Name lautete: "Freund schafts heim e. V." Das Ziel: Aufbau eines Friedenszentrums und einer Begegnungsstätte für Menschen aller Hautfarben und Religionen. Der Gedanke traf auf große Zustimmung. Die mörderischen Kriegsereignisse lasteten wie ein Alptraum auf großen Teilen der Welt. "Nie wieder!" so die einhellige Forderung und das Bekenntnis der Überlebenden. Die Führung des Vereins übernahmen - neben Pastor Mensching - der letzte Regierungschef des Freistaates Schaumburg-Lippe, Heinrich Bövers, und Bauer Heinrich Deerberg aus Nordholz. Bövers hatte im Krieg seinen Sohn verloren und sich aufgrund dieser Erfahrung in den Dienst der Bewegung gestellt. Er ebnete den Weg durch Ämter und Instanzen. Ein einflussreicher Förderer war Tom Williamson, Stabsoffizier der britischen Militärregierung in Hannover. Bei der Suche nach einem möglichen Standort blieb man am Weinberg "hängen". "Die Ecke wollte sonst keiner haben", begründete Pastor Mensching später den Entschluss. Das auf Petzer Gebiet gelegene, dem Bund gehörende Areal galt als Schandfleck. Die Leute kamen von weit her und kippten Müll und Gerümpel ab. Davor hattees einen Steinbruch gegeben. Das Gelände war zerfurcht und unzugänglich. Auf den Halden machte sich Dornengestrüpp breit. Außerdem galt die Gegend als gruselig. Im Mittelalter war dort eine Hinrichtungsstätte. In alten Unterlagen ist von einem "Galgenberg" die Rede. Die letzten gewaltsamen Todesfälle lagen erst kurze Zeit zurück. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner, im April 1945, hatten deutsche Soldaten auf dem Weinberg eine Artilleriestellung ausgebaut. Sechs von ihnen kamen um. Sie wurden an Ort und Stelle verscharrt. Trotz großer Schwierigkeiten machte sich der Verein sofort an die Arbeit. Mangels Hacke und Spaten wurde vieles mit bloßen Händen gemacht. Die ersten Helfer kamen aus Deutschland, Dänemark, England und den USA. Als Unterkunft dienten von den Engländern ausrangierte Nissenhütten. Zum Essen setzte sich die bunte Truppe draußen zusammen. Zur Wasserversorgung wurde ein Brunnen in den Fels geschlagen. Zeitweise arbeiteten bis zu 300 freiwillige Helfer am Aufbau des Friedenscamps. Parallel dazu liefen die ersten Schulungs- und Vortragsveranstaltungen an. Der Weinberg wurde zu einem multikulturellen Treffpunkt. In den Gästebüchern sind Namen aus Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Polen, Tschechoslowakei, Österreich, Schweiz, Italien, Spanien, Frankreich, Holland, England, Schottland, Irland, Kanada, Amerika, Indien, China, Australien, Neuseeland, Japan, Madagaskar und Sierra Leone verzeichnet. Selbst Bundespräsident Gustav Heinemann schwebte per Hubschrauber ein. Weitere prominente Besucher waren Weltkirchenratspräsident Martin Niemöller, der Bischof und Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland Kurt Scharf sowie Mahatma Ghandis Ärztin Dr. Sushila Nayyar. Im Mai 1952 wurde der Grundstein für ein massives Unterkunftsgebäude gelegt. Es verfügte neben Übernachtungsmöglichkeiten auch über einen Tagungs- und Vortragsraum. Die auf 72 000 veranschlagten Baukosten wurden aus Spenden finanziert. Das meiste Geld kam aus Amerika. Die größten Beträge überwiesen Mennoniten, Quäker unddie Church of Brethern. Später wurden weitere Häuser gebaut. "Es steht dem Manne besser an, die Welt urbar zu machen, als sie zu verwüsten", antwortete Pastor Wilhelm Mensching auf die Frage, was ihn und seine Freunde bewogen habe, den unwirtlichen Weinberg zu einem Ort der Freundschaft und der Begegnung umzubauen. "Umgestaltet" wird das Gelände in nächster Zukunft erneut. Mitte September 2007 hat der Stadtrat beschlossen, auf dem Gelände mit E-Center und Aldi zwei Supermärkte anzusiedeln. Dann wird die einst so bedeutende Tagungsstätte verschwinden.

Von Wilhelm Mensching geschaffen: der Komplex "Freundschaftsheim
  • Von Wilhelm Mensching geschaffen: der Komplex "Freundschaftsheim" Ende der 1950er Jahre.


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