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Mit speziellen Netzen sammeln die Fischer Muschellarven und setzen sie auf gepachtetem Boden aus

„Bauern des Meeres“ bestellen ihren Acker

Westerland. Stundenlang dreht die „Truntje“ im Wattenmeer vor Sylt geheimnisvolle Kreise, und an Bord regt sich scheinbar nichts. Sollte dieser Kutter der legendäre Fliegende Holländer sein? Peter Ewaldsen lacht. Der Vorsitzende der Erzeugerorganisation Schleswig-Holsteinischer Muschelfischer erklärt: „Das sind Muschelfischer, die ihr Feld bestellen.“ Sie bringen mit der „Truntje“ ihre Saat aus: Muschellarven, von den Fischern auch „Saatmuscheln“ genannt, die sie zwei Jahre später ernten können. Wilde Miesmuschelbänke dürfen in Deutschland nämlich seit rund 20 Jahren von den Fischern nicht mehr abgeerntet werden. Daher seien die Muschelfischer jetzt die „Bauern des Meeres“, sagt Ewaldsen. Ihre Äcker sind 2300 Hektar Meeresboden, die sie vom Land Schleswig-Holstein gepachtet haben.

Ein Fischer arbeitet an Bord eines Muschelkutters vor der Insel Sylt an einem Fangnetz. Die Fischer experimentieren jetzt mit La

Autor:

Wolfgang Runge

Doch ganz verzichten können die Muschelfischer auch heute nicht auf die wild lebenden Miesmuscheln: Sie müssen zunächst junge Miesmuscheln von Naturbänken abfischen, um diese dann auf den gepachteten Arealen wieder „auszusäen“, erläutert Ewaldsen. Dafür flutet der 31 Jahre alte Kapitän Julien Deleeuw die Laderäume des Kutters und öffnet unterhalb der Wasserlinie gelegene Spülrohre. Durch die bei der Fahrt entstehende Strömung werden die Muscheln aus dem Kutter herausgesogen. Sie sinken ab und vertäuen sich mit ihren Byssusfäden aneinander. So entstehen auf dem Meeresboden neue Muschelbänke. Damit sich die Muscheln auf dem Grund möglichst gleichmäßig verteilen, dreht das Schiff große Kreise. Bislang ist die Muschel-Aquakultur also vom regelmäßigen Vorhandensein ausreichender Mengen an Miesmuschellarven und deren Ansiedlungserfolg, dem sogenannten Brutfall, abhängig. Doch Miesmuscheln sind unzuverlässig, weiß Uwe Walter vom Forschungsunternehmen „mytilamar“ in Wilhelmshaven: „Natürliche Brutfälle von fischereilich interessanter Dimension erfolgen im Wattenmeer nur sporadisch und sind quantitativ äußerst variabel.“ Wissenschaftler versuchen daher seit 2001, mithilfe der sogenannten Langleinenkultur den Fischern die notwendigen Saatmuscheln regelmäßig und in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Das sind schwimmende Röhren – mehrere 100 Meter lang –, an denen eine Art grobmaschiges Treibnetz hängt. Die Muschellarven, die nach dem Schlüpfen aus dem Ei zunächst noch ohne Muschelschale sind und frei durchs Wattenmeer schwimmen, siedeln sich gern auf diesen Netzen an, erklärt Walter. Aus den Larven entwickeln sich in wenigen Wochen zwischen 4500 und 20 300 Saatmuscheln – eine Menge zwischen zwei und neun Kilo pro Meter. Die werden von den Netzen abgebürstet – „das funktioniert im Prinzip wie in einer Autowaschanlage“ –, um dann auf den gepachteten Unterwasser-Äckern wieder ausgesät zu werden.

„Nach zwei Sommern sind die Miesmuscheln groß genug, um geerntet und als Konsummuscheln vermarktet zu werden“, sagt Ewaldsen weiter. Walter selbst bezeichnet die Langleinenkultur als ein umweltschonendes Verfahren. Da viele Muschellarven auf ihrem Weg zu den Sandbänken sterben, seien die von den Leinen abgefangenen 11 000 bis 64 000 Larven pro Meter sozusagen zusätzliche Tiere für das Ökosystem. Die wilden Muschelbänke im Wattenmeer würden trotzdem wie gewohnt besiedelt, betont der Mitarbeiter des Forschungsunternehmens. Bislang bereiten die Strömungen im Wattenmeer den Wissenschaftlern jedoch Probleme.



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