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Der Rohstoffmangel im Ersten Weltkrieg zwingt auch in Hameln zum Sparen, Sammeln und Improvisieren

Barfußgehen für den Sieg

Kaninchenfell und Frauenhaar – es gibt fast nichts, was im Ersten Weltkrieg nicht als Ersatzrohstoff für die Wirtschaft gesammelt wurde.

VON DR. GESA SNELL

Plakate, die zum Sammeln auffordern: für Kaninchenfell und lange

Als der Krieg ausbricht, rechnet kaum jemand mit einer längeren Auseinandersetzung. Moderne Staaten, meint man, könnten keinen langen Krieg mehr führen, denn die wirtschaftlichen Probleme zwängen zur schnellen Beendigung eines Konfliktes.
Folgerichtig ist das Deutsche Reich auch organisatorisch auf einen kurzen Feldzug eingestellt. So wird im Zuge der Mobilmachung zwar die Ausfuhr kriegswichtiger Produkte untersagt, werden Nahrungsmitteleinfuhren erleichtert und Höchstpreise für bestimmte Waren festgelegt. Eine Verwaltungsstruktur für eine Kriegswirtschaft wird aber erst einmal nicht eingeführt.
Die Wirtschaftsblockade der Alliierten führt allerdings dazu, dass 40 Prozent der Lebensmittel- und Rohstoffeinfuhren ausbleiben. Das hat schwere Folgen, denn 46,5 Prozent aller deutschen Einfuhren sind Rohstoffe aus Übersee. Dazu gehören Metalle wie Wolfram, Chrom, Nickel, Aluminium, Zinn und Mangan. Die chemische Industrie ist auf importierte Stoffe wie Salpeter, Schwefel, Kautschuk und Rohöl angewiesen. Die Textilindustrie verarbeitet ganz überwiegend eingeführte Rohbaumwolle.
In Reaktion auf die sogenannte Munitionskrise, in der sich der Rohstoffmangel sehr schnell und an zentraler Stelle zeigt, wird im Herbst 1914 eine Kriegsrohstoffabteilung gegründet. Rohstoffe werden nun zentral bewirtschaftet, und die Bürokratisierung des Wirtschaftssystems nimmt bis dahin unbekannte Ausmaße an. Vor allem aber wird die Produktion von Waffen und Munition so weit es geht gesteigert und entzieht der „Friedenwirtschaft“ viele wichtige Rohstoffe.
Die „zivilen“ Unternehmen sind Zwangsmaßnahmen wie der Beschlagnahmung von Rohstoffen ausgesetzt; die Kriegswirtschaft erhält Vorrang. Ab 1916 werden auch Kohle und Eisen zwangsbewirtschaftet und die rohstofferzeugenden Industrien können ihren Energiebedarf nicht mehr decken. Es kommt zu Leistungseinbrüchen bei Gas-, Wasser- und Elektrizitätswerken. Damit gerät die schon unter dem ungewöhnlich kalten Winter leidende Bevölkerung in teils existenzielle Not.
Man versucht, der Ressourcenknappheit auf verschiedenen Wegen zu begegnen: Durch die Senkung des Verbrauchs, die Wiederverwertung von Material und die Herstellung von Ersatzstoffen. Je länger der Krieg dauert, desto schwieriger wird allerdings die Versorgung der Bevölkerung.
Die teils dramatischen Versorgungsengpässe wirken sich auch im Alltag der Hamelner stark aus. Schon im August 1914 bittet das Elektrizitätswerk Wesertal darum, den Gasverbrauch einzuschränken, weil zu wenig Kohle vorhanden sei. Dieser Engpass ist relativ schnell überwunden, aber es folgen deutlich schwerwiegendere. Der Mangel an Brennstoffen führt 1917 sogar dazu, dass Wesertal den Strom für „elektrische Arbeit“ in seinem Versorgungsgebiet rationiert.
Den Unternehmen werden nur noch 80 Prozent der Bezugsmenge des Vorjahresmonats zugestanden, und das auch nur in einem festgelegten Zeitkorridor. Jede darüber hinaus verbrauchte Kilowattstunde muss teuer bezahlt werden. Es lässt sich leicht vorstellen, was das für die Produktivität der Industrie heißt. Mit Blick auf das Weihnachtsfest genehmigt das Kriegsamt Hannover vom 22. bis 24. Dezember wenigstens eine Beleuchtung der Hamelner Schaufenster bis abends um 6 Uhr. Der Hamelner Hausfrauenverein versucht, mit der Energiekrise pragmatisch umzugehen und schlägt seinen Mitgliedern vor, Kochkisten zu bauen. Damit werde Strom und Zeit gespart, denn das Essen gare, ohne beaufsichtigt werden zu müssen. Allerdings: „Heu, das zum Füllen der Kochkisten früher zur Verwendung kam, muß zurzeit ausschließlich zu Fütterungszwecken für das Vieh verwertet werden. Darum wird nur Zeitungspapier oder Holzwolle zum Füllen der Kisten zur Verfügung stehen.“
Ein überaus deutlicher Hinweis auf die schwierige Versorgungslage bei Leder ist die Mitteilung der Reichsbekleidungsstelle im Sommer 1917. „Erfreulicherweise hat sich die Erkenntnis von der Notwendigkeit des Barfußgehens ziemlich schnell in weiten Kreisen durchgesetzt. Mehrere städtische Behörden haben die Bevölkerung aufgefordert, für die Sommermonate auf das Tragen von Schuhwerk zu verzichten.“ Wer noch Schuhe hat, versucht mit Sohlenschonern zu gehen, um nicht bald in Holzschuhen laufen zu müssen  – die einzige Alternative zum Barfußgehen. Im Angebot der Geschäfte sind nun aber auch Dreibeine, denn der Hausfrauenverein lehrt die Hamelnerinnen in „Schuhanfertigungskursen“, wie sie die Schuhe ihrer Familie reparieren und mit Tricks retten können.
Der Ledermangel betrifft neben der Industrie auch die Landwirtschaft, deren Maschinen meist mit ledernen Treibriemen arbeiten. Zwar werden Riemen aus einem Papier-Stoff-Gemisch angeboten, aber deren Haltbarkeit ist sehr beschränkt. 200 Mark Belohnung bietet der Landwirt Thorns aus Welsede im Sommer 1917 denn auch demjenigen, der ihm die acht aus seiner Dreschmaschine gestohlenen Lederriemen zurückbringt und den Dieb namhaft macht. Das Delikt ist so häufig, dass es einen eigenen Namen erhält: „Treibriemenmarder“ werden die Arbeiter der Hefe&Sprit-Werke bezeichnet, die beim Abschneiden von Riemen an ihrem Arbeitsplatz erwischt werden.
Der Mangel des Rohstoffs Metall wirkt sich beinahe noch deutlicher auf Wirtschaft und Alltag der Bevölkerung aus. Metalle aller Art werden beschlagnahmt, Aluminium enteignet. Nicht nur Türgriffe, Metallzäune und Kupferdächer werden eingeschmolzen, sondern sogar Blitzableiter. Besonders betroffen macht die Hamelner allerdings der Zwang, die Glocken der evangelischen Kirchen in die Schmelze zu geben. In der Predigt zum „Glockenabschied“ in der Marktkirche heißt es: „Jahrhundertelang habe die Glocke der Gemeinde gedient, sie zum Gottesdienst gerufen und den Toten den letzten Scheidegruß nachgerufen. Mit tiefer Trauer lasse die Gemeinde sie ziehen und gewaltig trete der Ernst der Zeit uns vor die Seele, daß wir selbst die Glocken opfern müßten.“
Ganz ironisch berichtet die Dewezet dagegen von einer besonderen Maßnahme im Zusammenhang mit der großen Knappheit an Fasern und Textilien. „Die ‚Reichsbekleidungsstelle‘ hat jetzt einen neuen Gegenstand ihrer Fürsorge entdeckt. Es geht in den Gasthäusern den Servietten und Tischtüchern an den Kragen!“ Sind sie aus gewebtem Stoff, werden sie verboten. Auch bei der Hotelbettwäsche muss gespart werden, „aber nicht mehr, als angemessen erscheint“. Einen Monat später wird die Wäsche sogar beschlagnahmt. Sie darf aber noch gebraucht werden, „soweit ihr Gebrauch nicht von der Reichsbekleidungsstelle angeordneten Verwendungsbeschränkung ausgeschlossen ist“.
Für eine Region, in der Fremdenverkehr eine große Rolle spielt, ein ernsthaftes Problem. Die Tatsache, dass die Brauereien ankündigen, Bier nur noch zu verkaufen, wenn gleichzeitig Flaschen zurückgegeben werden, fällt dagegen kaum noch ins Gewicht.
Das Sammeln von Material ist eine wichtige Strategie neben der Senkung des Verbrauchs. Schon im November 1914 wird zur Abgabe von Katzenfellen aufgerufen, die im Heer zu Leib- und Pulswärmern verarbeitet werden sollen. Argumentiert wird auf eine Weise, die vielleicht nicht jeden überzeugt: „Die Zahl der Katzen sei in allen Ortschaften zu groß; es sei daher nicht mal ein Opfer, wenn ihre Zahl eingeschränkt werde.“

Leichteren Herzens werden vermutlich die Kaninchenfelle abgegeben, die für denselben Zweck gesammelt werden. Mit der Deutschen Frauenhaar-Sammlung tritt das Rote Kreuz an langhaarige Frauen und Mädchen heran. Die Sammlung ist überaus erfolgreich und bald wird nur noch ausgekämmtes Haar angenommen. Die Rüstungsindustrie setzt es als Ersatz für Kamelhaar und zur Herstellung von Dichtungen etwa im U-Boot-Bau ein.
Wie allumfassend und dramatisch die Not ist, wird aus dem Aufruf des Sommers 1917 deutlich, in dem es heißt: „Hausfrauen, Knaben und Mädchen Hamelns! […] Sammelt und schickt alles, auch das Unscheinbarste, zum Sammelplatz der Freiwilligen Kriegshilfe. Wir haben für alles Verwendung.“

Plakate, die zum Sammeln auffordern: für Kaninchenfell und lange
  • Plakate, die zum Sammeln auffordern: für Kaninchenfell und langes Frauenhaar. Letzteres wurde zum Beispiel zur Herstellung von Dichtungen im U-Boot-Bau verwendet.
Das Hamelner Münster muss 1917 seine größte Glocke abgeben. 1921 folgt Ersatz, gestiftet von der Familie Meyer-Hermann für die gefallenen Söhne. Foto: pr
  • Das Hamelner Münster muss 1917 seine größte Glocke abgeben. 1921 folgt Ersatz, gestiftet von der Familie Meyer-Hermann für die gefallenen Söhne. Foto: pr
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