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Bad Münder statt Rio: Die Sprachbarriere schrumpft

BAD MÜNDER. Im Kurpark waren sie schon ein paar Mal – auch wenn es „schwierig ist, in Deutschland die Natur zu genießen“, meint Nicolle Correa Bezerra. Es sei entweder zu kalt oder zu nass. Seit sechs Monaten wohnt sie nun in Bad Münder – genau wie Taynara Oliviera Vilela de Almeida.

Gerne in Bad Münder, zufrieden als Krankenpflegerinnen: Die Brasilianierinnen Nicolle Correa Bezerra und Taynara Oliviera Vilela de Almeida arbeiten seit Oktober in der Deister-Süntel-Klinik. Foto: Dittrich
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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Die dritte brasilianische Krankenpflegerin, Shardelle Araujo Alexandrino, hat es inzwischen in eine größere Stadt verschlagen – aus dem Trio ist ein Duo geworden.

„Aber ihr bleibt doch, oder?“, wurden Bezerra und de Almeida von Kollegen und Patienten in der Deister-Süntel-Klinik gefragt, als ihre Kollegin die Kurstadt verließ – und die beiden bejahten. Aber ihre Freizeit nutzen sie, um Deutschland und Europa kennenzulernen: In den vergangenen Wochen und Monaten haben sie Hameln und Hannover besucht, Ausflüge nach Göttingen unternommen, Urlaub in Berlin gemacht. „Am Sonntag geht es nach Belgien“, berichtet Bezerra und de Almeida ergänzt: „Ich habe eine Tante und drei Cousinen dort.“ Für Juli planen die beiden außerdem einen gemeinsamen Urlaub in Köln.

Die belgische Verwandschaft ist gleichzeitig auch die einzige, die de Almeida in Europa hat. Die Familie der 29-Jährigen – Großeltern, Mutter, Vater, zahlreiche Cousins und Cousinen sowie ein jüngerer und ein älterer Bruder, leben alle in Brasilien. Sie telefonieren oder schreiben sich täglich. „Der ältere will auch gerne in Deutschland arbeiten, “, erzählt sie. Als Judo-Trainer in Deutschland aber Arbeit zu finden, sei nicht so einfach wie als Krankenpflegerin. In ihrer Generation hätten einige Brasilianer den Wunsch, in Europa, speziell in Deutschland, zu arbeiten. „Aber die meisten haben nicht den Mut dazu“, vermutet sie.

Als sie Ende 2015 im Internet die Werbung der Vermittlungsagentur entdeckt, dachte sie sich hingegen: „Warum nicht?“ Das Leben sei zu kurz, um nur in einem Land zu leben, ist die Frau mit den bunten, lockigen Haaren überzeugt. Außerdem musste sie in Rio de Janeiro, wo sie aufgewachsen ist und gearbeitet hat, täglich zwei Stunden Fahrtzeit in Kauf nehmen. „Ich hatte kaum Zeit für irgendwas.“ Jetzt braucht sie nur wenige Minuten, um von der Kernstadt bis zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen – zu Fuß. „Ich lebe gerne in einer kleineren Stadt“, bilanziert sie nach acht Monaten. Sie findet das kühlere Klima sogar ziemlich angenehm.

Der 25-jährigen Bezerra fehlt nun noch ihr Vierbeiner. Ihr Hund soll, wenn alles klappt, Ende des Monats nach Bad Münder gebracht werden. Ihr Mann zog schon im Dezember zu ihr – als IT-Berater kann er von überall arbeiten (wir berichteten).

Nachdem die beiden Frauen seit einigen Tagen neue Kollegen aus Vietnam hinzugewonnen haben, stellen sie außerdem fest: ihr Deutsch hat sich in den vergangenen Monaten verbessert. „Wir können uns inzwischen gut auf Deutsch unterhalten“, meint Bezerra, ergänzt dann aber, nachdem sie eine Spaziergängerin begrüßt: „aber es gibt auch Tage, an denen man aufsteht und das Gefühl hat: heute kann ich kein Deutsch sprechen.“ Im Arbeitsalltag würden sie immer wieder Komplimente für ihre gute Aussprache bekommen. Zum Arbeitseinstieg haben sie von ihrem Arbeitgeber ein Fachwörterbuch bekommen, um Begriffe wie Nierenschale oder Waschlappen schneller zu lernen. „Dafür haben wir unser Englisch vergessen“, sagt de Almeida und beide brechen in Gelächter aus.

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