weather-image
29°
Vor Gericht: Angeklagter hält an Berufung fest und muss nun zahlen / "Mein Leben ist kaputt"

Auto-Tuner umfährt die "Goldene Brücke"

Bückeburg (ly). "Goldene Brücken" haben sie ihm gebaut, besetzt mit Diamanten, die Pfeiler aus Kohlefaser. Er hätte nur in einem seiner Sportwagen darüber fahren müssen - bildlich gesehen. Sogar zuhause wollte Friedrich von Oertzen, Präsident des Landgerichts, den bekannten Bückeburger Auto-Tuner besuchen, damit der mal Dampf ablassen kann. Aber erst nach von Oertzens Pensionierung Ende Juli, "sonst hat die Sache ein Gschmäckle".

Seine Berufung gegen ein erstinstanzliches Urteil mochte der Angeklagte trotzdem nicht zurücknehmen. "Mein Leben ist kaputt, ich habe Hunderttausende verloren, bin zu 100 Prozent arbeitsunfähig", sagt er. "Und wann kriege ich meine Entschädigung dafür, dass ich 1995 für 14 Tage rechtswidrig und grundlos in der Irrenanstalt gesessen habe?" Damals war der Bückeburger zur Untersuchung in ein Landeskrankenhaus gekommen, bevor diese Einweisung in zweiter Instanz aufgehoben wurde. Längst ist ihm der Kampf gegen die Justiz, von der er sich seit nunmehr 20 Jahren zutiefst ungerecht behandelt fühlt, zum neuen Lebensinhalt geworden. Sein Aktenberg soll andie 70 Kilo wiegen, und täglich verfasst er neue Schriftsätze. Im jüngsten Verfahren hatte das Amtsgericht eine Geldstrafe auf Bewährung verhängt, die mildeste Sanktion, die es überhaupt gibt. Wer nicht hören will, muss fühlen: Bei 600 Euro bleibt's, aber nach dem Berufungsurteil soll die Geldstrafe wegen Beleidigung diesmal auch vollstreckt werden. In einem vor zwei Jahren verfassten Schreiben an die Justiz hatte der Tuner einen Familienrichter mit einer "stinkenden Kanalratte" verglichen - vom Verstand, nicht vom Aussehen. Das ging denn doch zu weit. "Es war sicherlich falsch", sagt der Angeklagte heute. "Er verprellt alle, die es gut mit ihm meinen", denkt der Leitende Oberstaatsanwalt Thomas Pfleidererüber den zweifelsohne begnadeten Konstrukteur, der von Fans in ganz Europa verehrt wird. Aus Sicht von Berufungsrichter Friedrich von Oertzen ist der renommierte Techniker "ein bisschen Michael-Kohlhaas-Typ" und "völlig uneinsichtig". Dabei sei er ursprünglich ein rechtschaffener Mann, der sich nun selbst im Weg stehe. "Die nächsten Beleidigungen kommen so sicher wie das Amen in der Kirche", befürchtet der Vorsitzende. "Sie reden sich um Kopf und Kragen", musste Verteidiger Dirk Linnemann seinen Mandanten bereits im Prozess zur Zurückhaltung mahnen. Aber Autos bauen kann der Mann. Autos wie den "Le Mans-High Speed" auf BMW-Basis, der bereits gedrosselt (mit Straßenzulassung) 517 PS leistet und sonst fast das Doppelte. "TÜV-abgenommen und eingetragen", wie der Konstrukteur betont. Da kommt der Pulsschlag des Piloten locker in den roten Bereich. Den Wagen hätte sich Friedrich von Oertzen als Pensionär gern mal aus der Nähe angesehen. Wer solche Autos baut, kann eigentlich kein schlechter Mensch sein.

Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare