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Kopf, Miegel, Sohnrey – der Umgang mit der NS-Vergangenheit bleibt schwierig

Ausgestanden?

Jetzt also auch „Landesvater“ Hinrich Wilhelm Kopf. Jüngste Nachforschungen haben bestätigt, was Insidern schon lange bekannt war: Auch der populäre niedersächsische Nachkriegs-Ministerpräsident hatte braune Flecken auf der Weste. Der als gradlinig und glaubwürdig geltende SPD-Politiker hat bei der Verwaltung des Vermögens vertriebener und/oder ermordeter polnischer Juden mitgemischt. Kopf selber hatte Verbindungen zum NS-System stets bestritten.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Der Fall hat – über die Frage nach Art und Umfang der Schuld hinaus – eine auch hierzulande schon des Öfteren geführte Diskussion neu belebt: Wie geht man mit dem Andenken NS-naher, aber ansonsten durchaus respektabler oder gar verdienstvoller Männer und Frauen um? Müssen Straßenschilder abgeschraubt und Gedenksteine entfernt werden?

Der amtierende Nachfolger Kopfs in der hannoverschen Staatskanzlei, StephanWeil, hofft auf Tipps vonseiten der Geschichtsforscher. Presseberichten zufolge wurde die Historische Kommission für Niedersachsen und Bremen, eine Vereinigung landeshistorisch arbeitender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, gebeten, Vorschläge für einen „richtigen“ und „angemessenen“ Umgang mit dem Andenken Kopfs auf den Tisch zu legen.

Wie der Fall ausgeht, ist schwer zu sagen. Erfahrungsgemäß werden Diskussionen dieser Art nicht nur nüchtern-sachlich, sondern auch mit Pathos und Effekthascherei geführt. Es gebe einen „Übereifer von Moral predigenden Aufklärern, die sich als Nachgeborene in die Opferrolle drängen, um stellvertretend für moralisch Anspruchslosere das Problem zu bewältigen“, hat der angesehene Historiker Wolfgang Benz, langjähriger Chef des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung, das Rollenverhalten der zeitgenössischen Pharisäer beschrieben.

4 Bilder
Der Antrag, den langjährigen Rintelner Bürgermeister Dr. Karl Wachsmuth auf einem Straßenschild zu verewigen, wurde Ende der 1980er Jahre abgebügelt.

In der hiesigen Region scheinen die Auseinandersetzungen um prominente Anhänger des NS-Systems weitgehend ausgestanden zu sein. Als einzige aktuelle Ausnahme gilt der Krach um Agnes Miegel in Bad Nenndorf. In der Kurstadt liegen sich bekanntermaßen die Verehrer und Kritiker der einst bekennenden Hitler-Bewunderin in den Haaren. Ein Ende des mittlerweile mehr als fünf Jahren andauernden Glaubenskrieges ist nicht in Sicht. „Eine objektive Bewertung der Schuldfrage ist bei Literaten und Künstlern meist äußerst schwierig“, rät der Journalist und Historiker Frank Werner, Herausgeber des Buchs „Schaumburger Nationalsozialisten“ (siehe Quellenhinweis), von undifferenzierter Schwarz-Weiß-Malerei ab. „Was den Schaden angeht, den Frau Miegel durch ihre Nähe zum Unrechtssystem für dessen Verfolgte und Opfer angerichtet hat, so gab und gibt es sicher bedeutsamere und schwerwiegendere Fälle aufzuarbeiten.“

Bevor es in Nenndorf losging, hat das Thema „angemessenes Erinnern“ hierzulande auch und vor allem die Rintelner beschäftigt. Zunächst sorgte Ende der 1980er Jahre der Vorschlag für Aufregung, eine Straße nach dem von 1912 bis 1941 amtierenden und als opportunistischer Anhänger des NS-Systems geltenden Bürgermeister Karl Wachsmuth zu benennen. Der Antrag wurde nach heftigem Hin und Her abgelehnt. Dafür tauchte vor zwei Jahren die Forderung auf, den „Heinrich-Sohnrey-Weg“ umzutaufen. Auch das stieß auf wenig Gegenliebe. Immerhin führte die Diskussion um das Für und Wider dazu, dass etwas mehr über den seit Langem vergessenen Namensgeber bekannt wurde. Sohnrey (1859-1948) sei ein stark nationalsozialistisch angehauchter niedersächsischer Volksschriftsteller gewesen, war zu hören.

Das Geschehene einfach ausgeblendet

In den meisten anderen heimischen Städten und Dörfern wurden und werden die Auseinandersetzungen um das Ob und Wie des Erinnerns, wenn überhaupt, „unter der Hand“ ausgetragen. Auch das Gros der vielen vorliegenden Ortschroniken und Jubiläumsfestschriften blendet das Geschehen zwischen 1933 und 1945 mehr oder weniger komplett aus.

Für Sigmund Graf Adelmann, Geschäftsführer der Schaumburger Landschaft, ist eine gerechte Bewertung menschlichen Verhaltens nur möglich und zulässig, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen. Irrtümer, Wandlungen und Verfehlungen von Menschen habe es immer gegeben und werde es immer geben. Wenn sich solche Dinge, wie jetzt im Falle von Kopf, erst später herausstellten, dürfe das nicht zu einseitiger Aburteilung führen. Beide Seiten, die gute und die schlechte, gehörten dazu und müssten sorgfältig erforscht und vorteilsfrei dargestellt werden. „Nur so ist ehrliche und weiterführende Erinnerungskultur möglich“, meint Adelmann.

Nicht nur er ist überzeugt, dass diese Art der Vorgehensweise zu den auch überregional als gut und vorbildlichen geltenden Ergebnissen in puncto „Vergangenheitsbewältigung“ geführt hat. Das größte Verdienst komme dabei den Pionieren und Einzelkämpfern vor Ort wie Kurt Klaus, Friedrich Winkelhake, Klaus Maiwald, Hermann Banser oder Rolf-Bernd de Groot zu. Der heute 87-jährige Rintelner Kurt Klaus blickt inzwischen mit milder Gelassenheit auf die einst von ihm mitentfachten Diskussionen um Schuld und Sühne zurück. „Wichtig war und ist, dass wir die Opfer nicht vergessen“.

Quellenhinweis: Wer tiefer in die heimische NS-Vergangenheit und die Welt der „Täter, Komplizen und Profiteure“ (Untertitel) einsteigen will, dem sei das von Dewezet-Chefredakteur Frank Werner herausgegebene Buch „Schaumburger Nationalsozialisten“ (Band 17 der Reihe „Kulturlandschaft Schaumburg“), Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2009, ISBN 978-3-89534-737-S, empfohlen,

Anders als bei Agnes Miegel (l.) ist die völkische Gesinnung von deren engen Freunden und Weggefährten Börries Freiherr von Münchhausen (1874-1945) und Lulu von Strauß und Torney (1873-1956) kaum kritisch hinterfragt worden. Foto von einem Zusammentreffen der drei befreundeten Literaten bei einem „Dichtertreffen“ Anfang der 1930er Jahre.

Die zwischen 1933 und 1945 am häufigsten an Straßen, öffentlichen Plätzen, Standbildern, Schulen und anderen öffentlichen Einrichtungen angebrachten Namensschilder wurden unmittelbar nach Kriegsende klammheimlich entfernt. Im Schaumburgischen waren darauf – neben dem des Führers – vor allem die Namen des zum jugendlichen Märtyrer hochstilisierten, zeitweise in Hessisch Oldendorf lebenden SA-Aktivisten Horst Wessel und des heimischen Gauleiters Dr. Alfred Meyer, abgedruckt.gp (5)




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