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Aus für Zivildienst? „Tragische Folgen!“

Die jungen Männer, die vor Jahrzehnten vor Gericht darum stritten, statt des Wehrdienstes einen Zivildienst antreten zu dürfen, sie hätten sich wohl kaum träumen lassen, dass es nun im Raum steht, mit dem Wehrdienst zugleich auch den Zivildienst ganz auszusetzen. Geht es nach den Vorstellungen von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, dann kommen in naher Zukunft nur noch Freiwillige zur Bundeswehr – mit der Konsequenz, dass auch der Zivildienst eine Sache der Freiwilligkeit würde. Wie aber stünden dann all die sozialen Einrichtungen des Landkreises da, zu deren Alltag es jahrzehntelang gehörte, dass junge Zivildienstleistende wichtige Ergänzungsarbeiten übernehmen?

Autor:

Cornelia Kurth

„Nun, wir haben das Kapitel Zivildienst sowieso schon abgeschlossen“, sagt Gabriele Daniel aus der Verwaltung des Rettungsdienstes vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). „Früher hatten wir viele Zivis in unseren Rettungswagen, aber diese Zeiten sind schon länger vorbei. Seit sich die Zivildienstdauer von 18 Monaten auf erst zwölf, dann neun und schließlich sogar nur noch sechs Monate reduzierte, lohnt es sich für uns nicht mehr.“ Drei Monate braucht ein Neuling für die Grundausbildung zum Rettungssanitäter. „Wenn er dann kurz darauf schon wieder verschwunden ist, war das viel Aufwand und wenig Gewinn.“

Nicht viel anders sieht es zum Beispiel im Taubblindenzentrum Fischbeck aus. Auch dort brauchte man immer Zivis, die sich mit aller Energie auf die Arbeit mit den geistig und körperlich behinderten Menschen einließen und auch bereit waren, die schwierige Kommunikation mit den gleichzeitig tauben und blinden Heimbewohnern zu erlernen. „In den Wohnheimen setzen wir schon gar keine Zivis mehr ein“, so Wilhelm Guss, Technischer Leiter im Taubblindenzentrum. „Bis man sich das Vertrauen der Bewohner erworben hat, bis sie die Neuen kennen und Wege gefunden haben, sich mit ihnen zu verständigen, vergehen oft Monate. Was hätte es da für einen Sinn, mit solchen Kurzzeithelfern zu arbeiten?“

In den Werkstätten sah es bisher noch anders aus. Dort konnten Zivildienstleistende auch sinnvoll helfen, wenn sie nur neun Monate Zeit hatten, sich auf die Situation einzustellen. „Ob wir aber für sechs Monate einen Zivi ausbilden oder es gleich ganz sein lassen, das kommt für uns fast auf dasselbe hinaus“, sagt Guss. „Die jungen Leute gehen zwischendurch auf Seminare, haben Urlaub, sind auch mal krank – bereits die Verkürzung auf sechs Monate Zivildienst hat das Ganze sinnlos gemacht. Wir werden jetzt sowieso nur noch Leute einstellen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr machen wollen.“

Genau da könnte es allerdings Probleme geben, nicht nur im Taubblindenzentrum. Gut die Hälfte aller FSJler entscheidet sich für dieses Jahr freiwilliger sozialer Arbeit, weil sie damit zugleich ihre Wehr- und Ersatzdienstverpflichtungen abgelten kann. Ob sich in Zukunft eine vergleichbare Anzahl junger Menschen für ein dann rundherum freiwilliges FSJ entscheidet, ist durchaus fraglich. Immerhin, in Institutionen wie dem Taubblindenzentrum und dem DRK-Rettungsdienst bewerben sich viele FSJler, weil sie später vorhaben, entweder im sozialen oder im medizinischen Bereich zu arbeiten.

Darauf hofft man auch in der Rintelner Lebenshilfe. „Bei uns haben zwei unserer drei Zivis ihre Dienstzeit freiwillig auf neun Monate verlängert“, sagt Margret Böing, Leiterin der Tagesbildungsstätte „Schule am Waldkater“. „Ich gehe davon aus, dass wir auch dann genug Interessenten haben werden, wenn es nur noch einen freiwilligen Zivildienst geben wird.“ Über das Angebot, ein FSJ bei der Lebenshilfe machen zu können, habe man noch nicht wirklich nachgedacht. „In der Lebenshilfe arbeiten ja traditionell überwiegend Frauen. Wir waren immer froh, dass über den Zivildienst auch mal Männer in den heilpädagogischen Kindergarten und die Schule kamen.“

Einer dieser jungen Männer ist der 18-jährige Niels Lachmann. Mit Bedacht wählte er gerade die „Schule am Waldkater“, um dort seinen Zivildienst abzuleisten. Die Arbeit mit den lernbehinderten Kindern, von der ihm bereits ein Freund und eine Cousine erzählt hatten, macht ihm solchen Spaß, dass er plant, eine Ausbildung zum Heilpädagogen zu beginnen. Für ihn war es keine Frage, seine Dienstzeit freiwillig von sechs auf neun Monate zu verlängern – und er kann sich auch gut vorstellen, dass er ein FSJ gemacht hätte, unabhängig davon, ob er irgendeinen Ersatzdienst leisten müsste oder nicht.

Die beiden Zivildienstleistenden in Fischbeck haben da allerdings eine andere Haltung. „Ich bin hier, weil ich zum Zivildienst verpflichtet bin“, sagt Andre Preuß (19). „Es ist zwar eine sehr interessante Erfahrung, mit den Taubblinden zu tun zu haben. Aber sechs Monate sind definitiv zu wenig. Kaum haben wir ein bisschen gelernt, schon sind wir wieder weg. Im Grunde Zeitverschwendung!“ Er will bald BWL studieren und wäre von selbst nicht auf die Idee gekommen, statt anderweitiger Praktika in einer sozialen Institution zu arbeiten.

Sein Zivi-Kollege Julius Dohme (21) sieht das nicht anders. Auch er ist ein zukünftiger Betriebswirt und hätte nach der Schule viel lieber Erfahrungen im Betrieb seines Vaters gesammelt, den er später mal übernehmen will. „Die Zeit hier im Taubblindenwerk bringt mir nichts für meine Zukunft“, sagt er ganz pragmatisch. „Zu einem freiwilligen Zivildienst oder einem FSJ hätte ich mich niemals beworben.“ Die meisten seiner Freunde würden sich nur deshalb für Zivildienst oder FSJ entscheiden, weil sie keinen Wehrdienst machen wollten.

Die geplante Abschaffung des Zivildienstes als Ersatzdienst soll nach den Plänen von Bundesfamilienministerin Kristina Schröder auf jeden Fall einhergehen mit der bundesweiten Organisation eines freiwilligen Zivildienstes, der dann – vergütet mit etwa 500 Euro pro Monat – nicht nur jungen Männern offenstünde, sondern ebenso auch Frauen und älteren Menschen. Die Dauer würde dann zwischen sechs Monaten und, im Ausnahmefall, bis zu 24 Monaten liegen. Gefördert werden soll dieser freiwillige Dienst weiterhin aus Steuergeldern. Die Anzahl der entsprechenden Stellen läge dann allerdings nicht mehr, wie bis jetzt, bei bundesweit etwa 90 000, sondern nur noch bei etwa 35 000.

„Das heißt, mit der genannten Zahl würde der Bedarf nicht gedeckt“, meint kritisch Günter Hartung vom Diakonischen Werk der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe. Zudem, so Hartung weiter, könne die ebenfalls im Familienministerium erwogene Einführung eines Pflicht-Zivildienstes das Engagement für das FSJ schwächen.

Auch Klaus Heimann, Pressesprecher des Landkreises Schaumburg, sieht durch die Veränderung der Zivildienstregelungen einen großen Einbruch bevorstehen. Sieben Zivildienstleistende werden bisher in den Kreiskrankenhäusern von Rinteln und Stadthagen eingesetzt. Sollten die nicht mehr zur Verfügung stehen, hätte das starke negative Auswirkungen auf den sozialen Bereich. „Auf jeden Fall entstehen ohne eine ausreichende Anzahl von Zivis höhere Kosten, und die Frage ist, ob und wie diese dann umgelegt werden können.“

Bernd Hermeling, Geschäftsführer der Paritätischen Lebenshilfe Schaumburg-Weserbergland, spricht sogar von „fast tragischen“ Folgen für seine Institution. Die Kosten für die Betreuung der Menschen in den Werkstätten für Behinderte würden steigen, ganz neue Wege müssten gefunden werden. Kirk Van Johnson, Geschäftsführer des DRK-Kreisverbandes, betont, dass sich bereits die Reduzierung der Dienstzeit von neun auf sechs Monate nachteilig ausgewirkt habe. Ein freiwilliger Zivildienst sei überhaupt nur dann sinnvoll, wenn er für mindestens zwölf Monate angesetzt werde.

Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) ist eine der wenigen Einrichtungen im Landkreis, die von der Debatte auf den ersten Blick wenig betroffen scheint. Da die Awo in Schaumburg bis vor kurzem ausschließlich mit Beratungsangeboten zu tun hatte, beschäftigt sie gar keine Zivis. „Allerdings waren wir gerade dabei, die Möglichkeiten für ein FSJ einzurichten“, erklärt Kreisgeschäftsführerin Heidemarie Hanauske. „Jetzt hängt alles davon ab, ob die Finanzierung der FSJ-Stellen weiterhin staatlich so gefördert wird wie bisher.“ Sollte das nicht der Fall sein und die Förderung in Zukunft nicht besser aussehen als bei den Zivildienststellen, die zu zwei Dritteln von den Institutionen selbst finanziert würden, dann müsse man sehr abwägen, was überhaupt machbar sei. „Wenigstens stehen wir nicht ganz mit leeren Händen da. Im Senioren- und Pflegebereich haben wir schon einige Alternativen geschaffen, zum Beispiel die Alltagsbegleiter für alte und behinderte Menschen.“

In Behindertenwerkstätten, im Krankenhaus, im DRK-Rettungsdienst: Aus den sozialen Einrichtungen waren Zivildienstleistende lange Jahre nicht wegzudenken. Jetzt droht durch die geplante Abschaffung des Wehrdienstes auch dem Wehrersatzdienst das Aus. Von „fast tragischen“ Folgen spricht die Paritätische Lebenshilfe, steigende Kosten befürchten die Landkreise.

„Ich hätte hier auch ohne eine Verpflichtung zum Zivildienst gerne gearbeitet“: Zivi Niels Lachmann gefällt seine Arbeit mit behinderten Kindern so gut, dass er seine Zeit bei der Lebenshilfe Rinteln freiwillig verlängert hat.




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