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Aus der Redaktion: Wie wir über mögliche Schulschließungen berichtet haben

Am Donnerstag machte plötzlich eine Nachricht die Runde: Ab Montag schon sollen alle Schulen in Niedersachsen schließen. Am Ende des Nachmittags gab es viel Verwirrung - und die Erkenntnis: Entschieden wird erst am Freitag. NDZ-Redaktionsleiter Christian Zett erklärt, wie wir berichtet haben. Und wo es gehakt hat.

Nicht erst seit dem Ausbruch des Corona-Virus wird vor allem Online-Medien gerne vorgeworfen, Panik zu schüren, um Klicks zu holen, Geld zu verdienen. Das mag mitunter stimmen - die weitaus meisten Kollegen wie auch wir sind aber bemüht, akkurat, unaufgeregt und einordnend zu berichten. Die Berichterstattung vieler Medien hat am Donnerstagnachmittag leider eher zur Verwirrung beigetragen. Auch wir können uns davon nicht ganz freimachen - auch wenn wir uns Zeit zur Recherche genommen haben.

Klar ist das eine wichtige Nachricht - wenn plötzlich im ganzen Land zigtausend Eltern überlegen müssen, wie sie ihren Alltag noch mehr umstricken müssen, weil plötzlich zwei Wochen zusätzlich schulfrei im Raum stehen. Auch deshalb verbreitete sich die Exklusivmeldung des seriösen Landespolitik-Magazins "Rundblick" aus Hannover gegen 14.30 Uhr wie ein Lauffeuer: "Coronakrise: Schulen in Niedersachsen schließen ab Montag" hieß die Schlagzeile. Schnell übernahmen Radiosender, Zeitungen, Magazine landauf und landab die Meldung, verbreiteten sie mal offensiver, mal zurückhaltender formuliert weiter.

Und auch unter Eltern, in sozialen Medien und WhatsApp-Gruppen kursierte die Nachricht rasch. Nun ist der Rundblick keine Quelle, die einen grundsätzlich skeptisch machen sollte: Das Magazin ist etabliert, logischerweise insbesondere in der Landespolitik top vernetzt. "Wenn die das sagen, wird das schon stimmen", werden sich da viele Journalisten gesagt haben.

Nun berichten wir auf ndz.de mit einem Schwerpunkt im Lokalen: Was passiert rund um Springe und Bad Münder, was bedeutet das? In diesem Fall haben wir uns entschieden, unsere Leser auch über eine Entscheidung auf Landesebene zeitnah informieren zu wollen: Schließlich wären viele Menschen hier vor Ort davon betroffen, wenn tatsächlich am Montag schon alle Schulen schließen.

Wir taten also, was Journalisten tun: Wir nahmen Kontakt auf zu Quellen vor Ort und in Hannover. Logisch: Offiziell wollte uns niemand etwas sagen, weil eine solche Entscheidung nun mal Sache des Landes ist und das Land auch offiziell verkünden muss, wenn die Schulen schließen. Unsere Quellen verwiesen uns auf interne Behördenmails, auf Aussagen und Indizien, die uns schließlich sicher sein ließen: Da ist was dran, da passiert was.

Um 16.10 Uhr veröffentlichten wir unseren ersten Artikel - deutlich nach vielen anderen Medien. Unsere Überschrift war zunächst ähnlich deutlich wie bei den Rundblick-Kollegen. Gleichzeitig verwiesen wir auf unsere Quellen wie auch auf den Rundblick-Artikel. Eine Stunde später verschickte das Land eine Pressemitteilung - mit dem Verweis, eine Entscheidung werde erst am Freitag fallen. Und auch beim "Rundblick" klang die nächste Schlagzeile "Noch keine Entscheidung zu Schulschließungen" nicht mehr so eindeutig.

Fast gleichzeitig erreichte uns jedoch ein Schreiben des Niedersächsischen Städtetags, einer Interessenvertretung vieler Städte im Land. An die Bürgermeister dieser Städte schrieb der Städtetag-Geschäftsführer in ziemlich eindeutigen Worten, man habe erfahren, das Land wolle "ab nächstem Montag (16. März 2020) sämtliche Schulen in Niedersachsen (...) schließen." Es solle "dem Vernehmen nach" einen Notbetrieb für Eltern geben, die etwa "im Gesundheitswesen arbeiten". Dasselbe sei demnach "für die Kindertagesstätten geplant, wegen der heterogenen Trägerstruktur ist diese Maßnahme aber anscheinend nicht so einfach umsetzbar wie in den Schulen".

Wir haben schließlich beide Informationen in unseren Artikel eingearbeitet - samt Hinweis auf die Änderungen und Aktualisierungen.

Was bleibt als Fazit? Unsere erste Überschrift und Berichterstattung war sicher zu eindeutig formuliert - nicht zurückhaltend genug. Insgesamt bleibt die Erkenntnis, dass jedes einzelne Medium, gerade im Internet, gut daran tut, auch in solchen Situationen besonnen zu sein. Auch mal zu warten, bis etwas offiziell ist - oder eben auch nicht. Zumindest erst mal.




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