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Auch mit Haus: Die Stadt bleibt hart

August Weiß' Kampf um Entschädigung und Stellplätze

Luise und August Weiß haben die Nazizeit überlebt - viele ihrer Angehörigen nicht. Als sie nach Hameln kamen, hatten sie jedoch weiterhin mit Problemen zu kämpfen, stritten mit der Stadt um einen Stellplatz und um die Entschädigungen für die im Dritten Reich erlittenen Schäden. Das ist ihre Geschichte.

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Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Familie Weiß ist in Hameln ein Begriff. Fast jeder hat von ihr gehört. Fast jeder hat eine Meinung über sie. Häufig ist sie negativ – selbst wenn es keinerlei Berührungspunkte mit der Sinti-Familie gibt. In der Serie „Familie Weiß“ beleuchtet die Dewezet Geschichte und Gegenwart der Hamelner Sinti, stellt Vorurteile auf den Prüfstand und lässt die Angehörigen dieser staatlich anerkannten nationalen Minderheit zu Wort kommen.

HAMELN. Die Wohnwagenlager der Sinti in den 1950er und -60er Jahren waren der Stadt Hameln ein Dorn im Auge. Die Sinti sollten sich anpassen, ihre Wohnwagen aufgeben und Häuser beziehen oder die Stadt wieder verlassen. Dabei verfügte eine Sinti-Familie schon damals über Haus und Grund in Hameln. Doch nutzte ihr dies zunächst kaum. Sie konnte das Haus nicht beziehen – und geriet deshalb einmal mehr in Konflikt mit der Stadt.

Im Januar 1957 stoßen August (45) und Luise Weiß (51) aus Uslar zu der bereits seit drei Jahren in Hameln ansässigen Sippe um Heinrich Weiß dazu. Sie stellen ihren Wohnwagen, in dem sie mit ihren Kindern leben, zu den anderen auf dem Platz an der Ohrschen Landstraße. Kurze Zeit später wird der Platz durch die Stadt zwangsgeräumt, die Großfamilie an den neu angelegten Stellplatz neben der Kläranlage an der Fischbecker Landstraße umgesiedelt. Doch der Gestank, der von der Kläranlage ausgeht, ist für die Weiß’ unerträglich. Im Mai beschließen sie, den Platz zu verlassen und ihr Lager am Frettholz (heute: Tönebönplatz) aufzuschlagen.

3 Bilder
August Weiß Foto: Ramona Weiß/pr

Beim Stellplatz macht die Verwaltung für Ehepaar Weiß keine Ausnahme

Doch dies wird von der Stadt nicht geduldet. Sie fordert die Sinti auf, wieder zur Kläranlage zurückzukehren. Daraufhin schreibt August Weiß im Juli 1957 an Regierungspräsidentin Theanolte Bähnisch in Hannover: „Ich habe diese Umquartierung vorgenommen, um meine Frau, die eine nationalsozialistisch Verfolgte ist, und mich, auch ich bin nationalsozialistisch verfolgt, vor weiteren körperlichen Schäden zu bewahren.“ Er verweist auf ärztliche Atteste. Seine Frau Luise etwa hatte durch die Aufenthalte in polnischen Konzentrationslagern wie Starachowice „arge körperliche Schäden erlitten“ – aber auch seelische. Ihr erster Mann, eine Tochter und zwei Söhne waren in den Konzentrationslagern ermordet worden.

Weiß bittet die Regierungspräsidentin, ihm den Aufenthalt am Frettholz für sechs Monate zu genehmigen. Eine Wasserpumpe sei vorhanden, eine „Abortgrube nebst Klosett“ würde er auf eigene Kosten errichten. Seine Familie, so Weiß, habe eh nicht vor, länger als nötig am Frettholz zu bleiben. „Um nun aber auch der Aufforderung der Stadt möglichst schnell gerecht zu werden, hat meine Ehefrau von ihrer Abfindung aus der nationalsozialistischen Verfolgung ein Grundstück in Hameln auf der Hummenstraße erworben“, schreibt Weiß weiter. Da aber alle Wohnungen derzeit noch vermietet seien, könne die sechsköpfige Familie das kleine Haus noch nicht beziehen. Luise Weiß wolle deshalb eine „Eigenbedarfsklage“ einreichen. Außerdem stellt Weiß klar: „Es kann uns, als nationalsozialistisch Verfolgte, nicht zugemutet werden, dass wir weiterhin durch Maßnahmen einer Stadtbehörde unterdrückt werden und dass uns ein Platz zugewiesen wird, der von so üblen Gerüchen belagert ist, dass es uns nicht einmal möglich ist, uns in unserem Wohnwagen aufzuhalten.“ Doch die Beschwerde wird von der Regierungspräsidentin nur wenig später als „unbegründet“ zurückgewiesen. Von dem Platz an der Kläranlage gehe kein Schaden für die Gesundheit aus, „durch den Geruch allenfalls eine gewisse Beeinträchtigung des allgemeinen Wohlbefindens“. Auf die erlittene gesundheitliche Beeinträchtigung von Luise Weiß durch die Verfolgung unter den Nazis geht Regierungspräsidentin Bähnisch in dem vierseitigen Schreiben mit keinem Wort ein. Am 11. Juli 1957 wird die Sippe Weiß unter Einsatz der Polizei vom Frettholz wieder zur Kläranlage zwangsumgesiedelt. Doch spätestens im März 1958, wann genau, lässt sich nicht nachvollziehen, hat der Ärger mit der Stadtverwaltung zumindest für August Weiß und seine Familie ein Ende: Sie beziehen ihr Haus in der Hummenstraße.

Information

Stadtrat zieht Fürsorgekosten von Entschädigung ab

Über 300 Seiten umfasst die im Staatsarchiv Hannover aufbewahrte „Wiedergutmachungsakte“ von August Weiß. Wie aus den Unterlagen hervorgeht, kommt August Weiß 1911 in Hamburg-Altona zur Welt. Dort wird der Musiker und Händler im Mai 1940 mit etwa 2340 weiteren Sinti und Roma aus Hamburg, Nord- und Westdeutschland in das Lager im polnischen Belzec deportiert. Von dort aus wird er im Oktober in das Lager Krychow verschleppt, im November in das Ghetto Siedlce. Bis zur Befreiung durch Russland im Februar 1945 befindet sich Weiß in Liegnitz. Nach der Befreiung sucht Weiß mit seiner Familie Verwandtschaft in Nordhausen auf, wo er wegen Unterernährung drei Wochen im Krankenhaus liegt.

Es folgt der zähe Kampf um Entschädigung. Davon zeugen unzählige Briefwechsel zwischen Weiß’ Rechtsanwälten und den Behörden, in denen um die im untersten fünfstelligen Bereich liegenden Entschädigungssummen gestritten wird. Zwar erhält die Familie Weiß im Juli 1954 eine Entschädigung in Höhe von 4500 Mark pro Kopf „für erlittene Freiheitsentziehung“. Doch das 1956 vom Bundesgerichtshof (BGH) verabschiedete (und erst 1965 revidierte) Urteil bedeutet für die Sinti eine zusätzliche Schmach. Demnach erfolgte die im April 1940 von SS-Führer Heinrich Himmler angeordnete „Umsiedlungsaktion (der Sinti und Roma; Anm. d. Red.) (…) ausschließlich aus militärischen bzw. sicherheitspolizeilichen Erwägungen“, wie es 1957 auch in einem Ablehnungsbescheid von Dr. Hans Georg Suermann, dem damaligen Regierungspräsidenten in Hildesheim, an August Weiß heißt. Die Deportation sei „nicht als Verfolgungsmaßnahme aufzufassen“. Damit wurde die Verfolgung der Sinti durch den BGH legitimiert: wegen ihrer „eigene(n) Asozialität, Kriminalität und (ihres) Wandertrieb(s)“.

„Erst die auf Grund der sog. Auschwitzerlasse v. 6.12.42 bzw. 29.01.43 gegen Zigeuner gerichteten Maßnahmen“ seien „ausschließlich aus rassischen Gründen durchgeführt worden“, so der Regierungspräsident. Folglich wird Weiß’ mit dem „Bundesgesetz zur Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung“ begründeter Antrag auf „Soforthilfe für Rückwanderer“ in Höhe von 6000 Mark als „unbegründet“ abgewiesen. In Wirklichkeit sind Sinti und Roma von den Nazis von Anfang an als „Fremdrasse“ stigmatisiert und verfolgt worden.

In der Nachkriegszeit lebt August Weiß mit seiner Familie zunächst in Uslar. Weiß betreibt Pferdehandel, von dem er eigenen Angaben zufolge „schlecht und recht leben“ kann, der sich nach der Währungsreform aber kaum noch rentiert, sodass er mit Geigen, Textilien und Kurzwaren zu handeln beginnt. Zwischenzeitlich spielt er in der „Original ungarischen Zigeuner-Kapelle Charles Weiss“ eines Karl-Heinz Sippel. Über Holzminden, Bremen und Uslar kommt die Familie 1957 schließlich nach Hameln. Ein Jahr später gelingt es Weiß’ Anwalt, die 1957 abgelehnte „Soforthilfe“ doch noch einzuklagen. Die Entschädigungsbehörde Hildesheim weist die Stadt Hameln an, Weiß die Entschädigung in Höhe von 6000 Mark auszuzahlen. Doch der Hamelner Stadtrat Dr. Hans Krüger – im Dritten Reich für die Bearbeitung der „Judensachen“ zuständig – bittet die Behörde um Rückerstattung der an August Weiß zwischen Februar 1957 und August 1958 gezahlten Fürsorgekosten in Höhe von 2130,60 Mark – mit Erfolg. Die Stadt darf den entsprechenden Betrag einbehalten, sodass Weiß nur 3869,40 Mark ausgezahlt werden. Weiß klagt – doch erst vier Jahre später, im November 1962, gibt ihm das Verwaltungsgericht Hannover recht und verpflichtet die Stadt Hameln, ihm den von der Soforthilfe einbehaltenen Betrag doch noch auszuzahlen.

Weitere Entschädigungsgesuche scheitern, ungeachtet der körperlichen Schäden, die Weiß durch Zwangsarbeit erlitten hat. In den Begründungen wird etwa darauf verwiesen, dass die Lager Krychow und Siedlce nicht im „Haftstättenkatalog“ enthalten seien oder dass Weiß zwar „erhebliche gesundheitliche Störungen“ aufweise, die aber „nicht auf Verfolgung zurückgeführt werden“ könnten, wie 1972 Hans-Adolf de Terra, Regierungspräsident von Hannover, mitteilt.

Ramona Weiß (59) hat in der Hummenstraße ihre Kindheit verbracht. Sie ist eine Enkeltochter von August und Luise Weiß. Vor allem an ihren Großvater hat sie noch lebhafte Erinnerungen. „Er war ein großer, stattlicher, schöner Mann“, sagt sie. „Er war immer sehr gepflegt, trug immer Anzug mit Fliege oder Krawatte.“ Sogar zum Angeln, das er so gemocht habe, an der Weser sei er im Anzug gegangen. „Manchmal wurde er wegen seines Aussehens für einen Kriminalbeamten gehalten“, sagt Weiß und lacht. Aber August Weiß war nicht nur begeisterter Angler, sondern auch leidenschaftlicher Musiker. In seiner Heimatstadt Hamburg hatte der Geiger in einer Kapelle gespielt. „Oben im Haus hat mein Großvater ein kleines Zimmer gehabt“, erzählt Weiß. Das Zimmer war so niedrig, dass er sich habe bücken müssen. „Da spielte er dann Geige, und die Leute unten auf der Straße blieben stehen und hörten sich das an.“

Pastor Harald Specht vom Freien Evangelischen Zentrum in Hameln, der früh mit den Hamelner Sinti in Kontakt stand, erinnert sich ebenfalls an August Weiß: „Ich weiß noch, wie er mit seinem Geigenkasten durch die Stadt gezogen ist und gespielt hat. Er war sehr gentlemen-like, immer sehr gut gekleidet und sehr vornehm im Umgang.“

August Weiß stirbt 1989, seine Frau Luise 1986. Die Hummenstraße 2 bleibt bis in die 90er Jahre ein Zuhause ihrer Nachkommen.

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