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Aufwachsen in der Nachkriegszeit – jugendlicher Leichtsinn

BAD MÜNDER. „Ein dunkler, feuchter Kellerraum in Bad Münder, Obertorstraße, mit mehreren Menschen, die auf Stühlen und Kisten sitzen. Meine Mutter und ich, so um die drei Jahre alt, sind auch dabei. Alle haben Angst und horchen auf durchdringendes, monotones Brummen über uns. Das Brummen wird lauter und lauter.“

Die zweite Klasse der Volksschule Bad Münder im Juni 1949. Foto: Thielscher
lindermann

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Johanna Lindermann Redakteurin zur Autorenseite

So beginnt Manfred Preuth die Schilderungen über eine seiner ersten Erinnerungen aus frühester Kindheit. Es ist das Jahr 1944 – Preuth, Jahrgang 1941, ist drei Jahre alt, als er die letzten Kriegsjahre in Bad Münder erlebt. Aus Neugier schleicht sich der kleine Junge in einem unbeobachteten Moment nach oben. „Am Himmel sehe ich viele rautenförmige Gruppen winziger Flugzeuge, die sich alle in dieselbe Richtung bewegen und von starken Lichtstrahlen hell erleuchtet werden“, erzählt Preuth und fügt hinzu: „Ich bin total fasziniert von diesem Anblick.“ Doch schon im nächsten Moment reißt ihn seine Mutter zurück. Hannover sei in dieser Nacht schlimm getroffen worden, hätten die Leute später erzählt.

Im letzten Kriegsjahr, 1945, wird Preuths Schwester in einem Notkrankenhaus an der Kellerstraße geboren – während eines Bombenangriffs auf Bad Münder. Er erinnert sich: „Durch Bad Münder rollen endlose Kolonnen von Militärfahrzeugen und Kampfpanzern, zunächst noch zurückweichende deutsche Truppen, dann die neue Besatzungsmacht.“ Die Panzer seien oft breiter als die engen Straßen und die Ketten frästen häufig die Bürgersteige auf. Die Kinder pflegten ihren eigenen Umgang mit den fremden Soldaten: „Die Amies sind locker und haben Schokolade, die Tommies sind meist eher zugeknöpft und geben nichts.“

Während der Vater noch in der Kriegsgefangenschaft ist, ist Preuths Mutter ständig unterwegs, um Essen aufzutreiben. Mit dem Handwagen geht es teilweise bis nach Nettelrede, um im Tauschgeschäft mit Bauern Lebensmittel zu ergattern.

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Als der Vater nach dem Krieg aus britischer Gefangenschaft zurückkehrt, sind die Wohnbedingungen an der Obertorstraße „mehr als bescheiden“, erzählt Preuth. Als gelernter Möbeltischler gelingt es dem Vater jedoch, etwa aus Schießscheiben, die am Waldrand zurückgelassen wurden, Regale zu bauen. Auch einen Handwagen baut er, mit dem er am Deister Feuerholz sammelt – aus dem er auch die ersten Holzbauklötze für seinen Sohn fertigt.

Das Leben normalisiert sich, aber die Mangelwirtschaft dauert noch an. Eine „Tauschzentrale“ in der Angerstraße wird zum Treffpunkt für viele, die ein Kleidungsstück oder Hausrat gegen Bargeld oder andere Objekte veräußern möchten. „Durch die Unterbringung vieler Vertriebener in Bad Münder ist die Wohnungsnot groß. Das schert uns Kinder aber nicht. Vielmehr treffen sich die Kinder Einheimischer und Vertriebener ja an nahezu jeder Ecke und knüpfen schnell unkomplizierte Kontakte und erste Freundschaften“, erzählt Preuth.

Nach der Einschulung 1948 in der damaligen Volksschule an der Angerstraße hält es den Jungen oft nicht im Haus. „Früh beginne ich mit Freunden, die Mündersche Umgebung zu erkunden. Nach wenigen Jahren kenne ich sprichwörtlich jeden Stein zwischen Eilenberg, Osterberg und Hohenstein.“ Die Kinderspiele gehen indes in jugendliche Aktivitäten über. Preuth beschreibt es so: „Zu wissen, wo sich Felsen befinden, ist ja ganz nett. Aber klettern, in Höhlen kriechen und nach irgendetwas Verborgenem suchen, ist viel spannender. Alte Bergbaustollen bei Klein-Süntel und nahe dem Süntelturm müssen untersucht werden. Frei auf einer Klippe am Hohenstein stehen und dann in die Tiefe schauen, das ist der Kick. Manche solcher Ausflüge sind so haarsträubend leichtsinnig, dass wir sie nie zu Hause erzählt haben. Aber wir haben diese Abenteuer ohne größere Schrammen überlebt.“

Nach Ende der Volksschulzeit wird die damalige Mittelschule zwischen Kellerstraße und Friedrich-Ebert-Allee zum neuen Mittelpunkt des Schülerlebens. „Raumknappheit herrscht auch hier, sodass wir etliche Jahre in Holzbaracken lernen“, erzählt Preuth. Erst gegen 1956 erfolgt der Umzug ins Hauptgebäude. Mittlerweile sei die Pubertät „schwer präsent“ und die Streiche – um dem jeweils anderen Geschlecht zu imponieren – wurden grober und schärfer.

Auch außerschulische Aktivitäten werden nun immer wichtiger:Der Treff in der Milchbar in der Langen Straße, um an der Musikbox die neuesten Rock-n-Roll-Stücke von Elvis Presley, Little Richard oder Wanda Jackson zu hören – „in Wirklichkeit aber um baggern zu üben“, fügt Preuth hinzu. Neben dem Rohmelbad im Sommer – „um menschliche Anatomie aus nächster Nähe zu studieren und neue Bande zu knüpfen“ – ist das neue Kino an der Wallstrasse „mit großer Leinwand und ständig wechselnden Filmangeboten die Traumfabrik der großen weiten Welt“, so Preuth. Während anfangs noch Schwarz-Weiß-Filme laufen, wird die Farbfilmtechnik später zum Kassenschlager „und zieht die Münderaner in Scharen an. – aber während des Films lässt es sich auch dort wunderbar kuscheln.“

Später wurde es dann „dringend Zeit, uns den richtigen Benimm beizubringen. Das Zauberwort heißt ‚Tanzstunde‘.“ 1957 sei dies allerdings eine streng disziplinierte Angelegenheit mit Bekleidungsvorschriften und ebenso strengem Verhaltenskodex. „Einige Tänze haben wir trotzdem gelernt“, fügt Preuth an.



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