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Aufwachsen in Bad Münder: „Die Stadt war unser Spielplatz“

BAD MÜNDER/SPRINGE. „Die Milchbar war gut, aber gegenüber war das Wurstloch – keine Wurst hat je so gut geschmeckt“, schwärmt Heidrun Schmidt. Die 74-Jährige lebt heute in Springe, erinnert sich aber gerne an ihre Kindheit und Jugend in Bad Münder zurück.

Heidrun Schmidt blättert gerne durch ihre Sammlung an Fotos und alten Artikeln. Ein Stück des Handlaufes der Gaststätte „Zur Linde“ hat Schmidt als Andenken gerettet. Heute liegt es bei ihr im Garten. Fotos: Lindermann
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Johanna Lindermann Redakteurin zur Autorenseite

Der Hopfenmarkt in Bad Münder war Schmidts Heimat, die ganze Stadt der Spielplatz der Kinder. „Damals gab es noch keine öffentlichen Spielplätze“, erzählt sie – die Kinder mussten also improvisieren. „Dabei blieb die Fantasie nicht zurück“, meint Schmidt. Da wurden etwa Hinkekästen auf die Gehwege gemalt, in einer Scheune in den Lehmboden kleine Löcher gebohrt und mit Glasmurmeln gespielt oder auch ein Baumstamm als Tresen genutzt, um Gärtner zu spielen. Von einem „Rumpelplatz“ hinter einem abgebrannten Haus holten sich die Kinder auch einmal einen ausgedienten Pflug, stellten ihn aufrecht hin und nutzten die Räder als Karussell. „Im Keller des abgebrannten Hauses stand Wasser“, erinnert Schmidt sich. „Da haben uns immer die älteren Kinder reingelockt. Das war das reinste Gruselkabinett.“

„In jedem Haus an der Echternstraße gab es damals Handwerker: Schuster, Handarbeiter, Textilien, Schneider, Fahrradgeschäft und -werkstatt. „Da hat sich nie jemand beschwert, wenn wir zugesehen haben. Das war bestimmt gefährlich – aber darum hat sich damals niemand gekümmert.“

Sonntags ging es immer mit der Familie wandern in den Süntel – „vom Markt aus war das eine ganz schöne Strecke“, so Schmidt. „Unsere Eltern waren dabei ganz fein angezogen – nicht wie heute mit Wanderschuhen“, lacht sie.

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Ein Highlight waren auch immer Hochzeiten in der Petri-Pauli-Kirche. Beim „Strickhalten“ mussten sich Braut und Bräutigam „freikaufen“. „Da gab es für uns dann Süßigkeiten und manchmal Geld“, so Schmidt. „Mit einer alten Gardine haben wir auch gerne selbst Hochzeit gespielt – da durfte uns nur der Küster nicht erwischen, obwohl der auch nie böse wurde.“

„Gerne haben wir uns auch beim Radiogeschäft Bock Tret- und Radroller ausgeliehen. Die kosteten 10 beziehungsweise 50 Pfennig für eine halbe Stunde. Da mussten wir lange sparen, bis wir eine Mark zusammen hatten und uns eine Stunde leisten konnten“, erzählt sie weiter.

Das Rechnen gelernt, scherzt Schmidt, hätten sie als Kinder bei Café Katz an der Marktstraße, denn: „Da kostete das Eis 5 Pfennig, Bonbons gab es für aber für einen halben Pfennig.“ Nach dem Umzug in die Oberntorstraße habe das Café Katz – kurz „Müschen“ genannt – auch einen der ersten Fernseher gehabt. „Hier habe ich meine erste Fernsehsendung gesehen“, erzählt Schmidt. „Das war Karneval. Ich habe den ganzen Nachmittag da gesessen, Brause getrunken und geguckt.“

Später verdienten sich die Kinder beim Rübenziehen Geld – eine Mark war pro Nachmittag drin. „Freitags gab es die Lohntüten – und dann sind wir gleich zum Café Katz gelaufen und haben uns ein Eis geholt.“

Durch den Vater, der beim damals noch bestehenden Landkreis Springe beschäftigt war, zog die Familie später nach Springe um. „Der Treffpunkt für uns junge Leute waren dann das Café Mutter Gans oder das Forsthaus Köllnischfeld.“

Später ging es dann zum Tanzen in die Gaststätte „Zur Linde“ in Altenhagen I, wo Schmidt ihren Ehemann kennenlernte. Was sie auch zu einer besonderen Aktion brachte: „Als ich Jahre später dran vorbeigefahren bin und gesehen habe, dass sie es abreißen, habe ich einen Teil des Handlaufes geholt.“ Heute liegt das Relikt in Schmidts Garten – ein unscheinbarer Stein, aber mit einer bedeutenden Geschichte.


Haben auch Sie Geschichten aus Ihrer Kindheit oder Jugendzeit in Bad Münder und Springe zu erzählen? Rufen Sie uns an unter 05041/789-37 oder schreiben Sie uns eine E-Mail. Alle bisherigen Artikel zu unserer Serie finden Sie auf unserer Homepage unter www. ndz.de/aufgewachsen.



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