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Auftragsbücher voll: Handwerker in Bad Münder Mangelware

BAD MÜNDER. Wohl dem, der einen kennt. Denn Kontakte sind derzeit eine wichtige Voraussetzung für alle, die einen Handwerker brauchen. Die ein Gebäude sanieren oder gar bauen wollen. Vor allem im Baugewerbe sind viele heimische Betriebe so stark ausgelastet, dass Kunden nur schwer einen Termin bekommen.

Am Bau sind Fachleute derzeit überaus gefragt – und nicht nur dort: die Auftragsbücher des Handwerks sind voll. Foto: Rathmann
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Jens Rathmann Redakteur zur Autorenseite

Betroffen sind davon nicht nur private Bauherren, auch auf öffentliche Projekte und Vorhaben schlägt die Entwicklung durch. Ein Beispiel liefern Daniela Heidrich und Dirk Hitzemann, bei der Stadt für den Hochbau zuständig und lange im Geschäft – beste Voraussetzungen also, um aus einer langen Handwerkerliste die geeigneten Firmen für die Sanierung einer Toilettenanlage in einer Grundschule auszuwählen. Und weil Arbeiten in einer Schule am besten in den Ferien erledigt werden, setzte sich Heidrich bereits im Februar ans Telefon und fragte in Frage kommende Firmen ab. Verschickte dann nach Zusagen die Ausschreibungsunterlagen und erhielt: genau ein Angebot.

Kein Einzelfall, wie andere Akteure im Bausektor bestätigen: „Wenn man die Leute nicht kennt, nicht über Jahre ein Netzwerk und Vertrauen aufgebaut hat und Kontakte pflegt, hat man derzeit keine Chance“, sagt auch Architekt Joachim Riemer. Und hat er dann die Handwerker tatsächlich organisiert, stellt sich derzeit oft noch ein weiteres Problem: „Dann stellt man fest, dass dringend benötigte Materialien einfach nicht zu bekommen sind. Die Bau-Branche boomt ohne Ende“, sagt er. Auch Riemer hat ein Beispiel: „Das Betonwerk produziert Beton – aber ich kriege ihn nicht auf die Baustelle, weil die Fahrzeuge keine freien Kapazitäten haben.“

„Das Handwerk blickt auf ein Rekordjahr 2016 zurück“ und „Stimmung im Handwerk erreicht Höchstwert“ lauten die geradezu euphorischen Meldungen, mit denen der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) die Entwicklung begleitet. Vor allem das Ausbau- und Baugewerbe profitiere vom Boom – also zum Beispiel Maler, Fliesenleger, Maurer oder Dachdecker.

Die positive Stimmung im Handwerk spiegelt sich auch in positiven Werten im Geschäftsklimaindex. Im Landkreis Hameln-Pyrmont legte er um 1,5 Punkte zu und erreicht einen Wert von 63,5 Punkten. „Das ist ein relativ hoher Stand, aber wir hatten auch schon ganz andere Werte“, erinnert sich Karl-Wilhelm Steinmann aus Emmerthal, Präsident der Handwerkskammer Hannover.

Bei aller Freude über die gute Auslastung der heimischen Handwerksbetriebe bereitet die Entwicklung aber auch denen Sorge, die in absehbarer Zeit Aufträge zu vergeben haben – und dazu gehört auch die Stadt. Gerade erst hat der Rat der von der Verwaltung vorgeschlagenen Verwendung der Fördermittel aus dem Kommunalinvestitionsprogramm des Bundes zugestimmt. Noch ist der Nachtragshaushalt nicht genehmigt, doch im Baubereich macht sich Dirk Hitzemann bereits Gedanken über die Steuerung der Arbeiten. Eine ganze Menge Fenster sollen an Grundschulen ausgetauscht werden, und daraus wachsen auch Probleme: „Das wird nur in den Ferien gehen – und ich kann mir derzeit nicht vorstellen, dass wir in diesem Jahr dafür noch Firmen bekommen“, sagt er.

Harter Kampf um kluge Köpfe

Kunden müssen sich auf längere Wartezeiten einstellen – Karl-Wilhelm Steinmann, Präsident der Handwerkskammer Hannover und Präsidiumsmitglied des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, ist sich sicher, dass die aktuell starke Nachfrage nach Handwerkern weiterhin anhalten wird. Eine Auslastung von branchenübergreifend 84 bis 85 Prozent sieht er derzeit bei den heimischen Betrieben. In die Freude über die positive Entwicklung mischen sich aber auch Sorgen. So weist Steinmann auf die inzwischen großen Probleme der Firmen hin, gute Fachkräfte zu finden und auch zu halten. Teilweise würden Mitarbeiter schon mit Prämien abgeworben – oftmals in Richtung Hannover. „Das ist keine schöne Entwicklung. Die guten Leute sind schwer zu halten.“ Neben dem Fachkräfte-Mangel gibt es aber immer häufiger auch Probleme in der Betriebsnachfolge. Die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen und Verantwortung für einen Betrieb zu übernehmen, sei nicht sehr ausgeprägt. Für Steinmann unverständlich, denn: „Momentan gibt es eigentlich so etwas wie Goldgräberstimmung. Wer jetzt übernimmt, kann von Null auf Hundert durchstarten, hat keine Probleme, an Aufträge zu kommen und seinen Betrieb in eine auskömmliche Situation zu bringen.“ Persönlich freue es ihn immer wieder, wenn er sehe, wie junge Handwerker etwas entwickeln und Erfolg haben. Wirtschaftlich würden sie sich in kurzer Zeit oftmals besserstellen als Absolventen eines Studiums, „und auch der Bereich Work-Life-Balance ist heute deutlich ausgeglichener als noch vor einigen Jahren“, so der Präsident.

Um gute Betriebe in der Region zu halten, sieht Steinmann aber auch die Politik und die öffentlichen Verwaltungen in der Pflicht. Gerade bei größeren Aufträgen gingen sie gerne den vermeintlich einfacheren Weg über Generalunternehmer, oftmals ohne Beziehung zum Landkreis. „Langfristig wird man nur mit einer Strategie Erfolg haben, die die heimischen Betriebe im Blick hat – und das auch in schwierigeren Zeiten.“



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