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Vor 220 Jahren starb Schaumburgs bedeutendster Gelehrter, Anton Friedrich Büsching

Auf des Kaisers Schreibtisch

Er verdient, der Stolz Deutschlands genannt zu werden“, war bereits zu Lebzeiten Anton Friedrich Büschings (1724-1793) im „Westphälischen Magazin zur Geographie, Historie und Statistik“ zu lesen. Keine Nation könne „diesem Mann, der auch wegen seines musterhaften Lebenswandels die Achtung der Edelgesinnten verdient, im geographischen Fache viel zur Vergleichung entgegen stellen“.

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VON WILHELM GERNTRUP

In der Tat gehörte der vor 220 Jahre verstorbene Schaumburger zu den ganz Großen seiner Zeit. Der gelernte Theologe habe als einer der wichtigsten Männer der Aufklärung und des 18. Jahrhunderts zu gelten, schreibt der Historiker Peter Hoffmann in seiner vor gut einem Jahrzehnt vorgelegten Büsching-Biografie.

Der so hoch Gelobte stammte aus Stadthagen. Schon beim Besuch der Lateinschule in seiner Heimatstadt fiel der Sohn eines Rechtsanwalts durch Wissensdurst und schnelle Auffassungsgabe auf. „Ich mogte ungefähr 16 bis 17 Jahre alt seyn, als ich ganz aus der Schule wegblieb, weil ich nichts mehr in derselben lernen konnte“, erinnerte er sich später. Büsching begann ein Theologiestudium. Parallel dazu hörte er Vorlesungen in Mathematik und Physik. Seinen Lebensunterhalt verdiente er durch Privatunterricht in einer Waisenschule. Er schloss das Studium mit dem Magister-Examen ab und arbeitete anschließend als Hauslehrer in einer wohlhabenden Diplomatenfamilie. Dort blieb er auch, als der Hausherr aus beruflichen Gründen nach Petersburg versetzt wurde. Spätestens bei der Reisevorbereitung wurde Büsching klar, wie wenige deutschsprachige Informationen es über Russland und über ausländische Staaten insgesamt gab. Er beschloss, ein neues geografisches Sammelwerk herauszubringen – zu damaliger Zeit eine Herkulesaufgabe. Mit der ihm eigenen Energie machte sich der 27-Jährige an die Arbeit. 1754 waren die beiden ersten Bände der „Neuen Erdbeschreibung“ fertig. Zug um Zug und mit zum Teil mehrjähriger Unterbrechung kamen Folgewerke auf den Markt. Auf diese Weise entstand die erste umfassende, nach wissenschaftlichen Maßstäben abgefasste Staats- und Länderkunde Europas und eines Teils von Asien. Der interessierte Leser erfuhr alles, was damals in puncto Staatsform, Bevölkerung, Religion, Verkehrswege, Streitkräfte, Volks- und Sprachkunde, Bildungseinrichtungen, Geschichte, Geologie, Archäologie und sonstige politische und wirtschaftliche Verhältnisse bekannt war. Daneben waren Beobachtungen über Klima sowie Pflanzen- und Tierwelt und Hinweise auf vorliegende Landkarten abgedruckt. Das Werk wurde ein großer Erfolg. Für die besseren Kreise Europas war es ein unentbehrlicher Ratgeber in puncto Allgemeinbildung und Reiseplanung. Bei Österreichs Kaiser Joseph II. soll es stets griffbereit auf dem Schreibtisch gelegen haben. Zum Kreis der Bewunderer gehörten auch Büschings hiesiger Landesherr Graf Wilhelm und sein späterer Vorgesetzter, Preußen-König Friedrich der Große.

Die Leistung Büschings ist umso erstaunlicher, als er „nebenher“ auch beruflich stark eingespannt war. Nach seiner Tätigkeit als Hauslehrer und Privaterzieher, die ihn unter anderem längere Zeit nach Kopenhagen führten, wechselte er Anfang der 1750er Jahre als Lehrstuhlinhaber für Theologie an die Universitäten Halle und Göttingen über. Wegen seiner vom Geist der Aufklärung geprägten und energisch vertretenen Lehrmeinung lag er im Dauerclinch mit den konservativ-orthodoxen Kirchenoberen. Schließlich zwang man ihn, in die philosophische Fakultät umzusteigen. Nach einem neuerlichen Zwischenspiel in Petersburg trat er 1766 die Stelle als königlich-preußischer Schuldirektor und Oberkonsistorialrat (landesherrlicher Kirchenverwaltungschef) in Berlin an.

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  • Büschings Geburtshaus, Niedernstraße Nr. 42 in Stadthagen (Foto aus den 1930er Jahren). Heute weist ein Hinweisschild an der Eingangsfront auf den berühmten einstigen Bewohner des 1574 errichteten Fachwerkbaus hin. gp (3)

Mit gewohnt großer Energie und ohne Rücksicht auf seine auch hier schon bald heftig zeternden Kritiker trieb er die Modernisierung des staatlichen Schulwesens voran. Auch sein oberster Chef, Friedrich II., soll ob des zuweilen heftig aufbrausenden Glaubenskriegs nicht immer amüsiert reagiert haben.

Neben seinen beruflichen Pflichten gab sich der schöpferische Ex-Stadthäger bis zuletzt der wissenschaftlichen Forschung und dem Schreiben hin. Als er 1793 im Alter von knapp 70 Jahren starb, hatte er – neben der auf 13 Bände angewachsenen „Erdbeschreibung“ – mehr als 100 wissenschaftliche Schriften, darunter etliche Schulbücher und eine ganze Reihe theologischer und kulturgeschichtlicher Abhandlungen herausgebracht. Darüber hinaus waren unter seiner Federführung 22 Sammelveröffentlichungen der von ihm ins Leben gerufenen Reihe „Magazin für die neue Historie und Geographie“ sowie 15 Jahrgänge der Serie „Wöchentliche Nachrichten von neuen Landcharten und geographischen, statistischen und historischen Büchern und Schriften“ erschienen.

Vieles davon liegt bis heute unerschlossen in der Petersburger Nationalbibliothek. Die russische Kaiserin Katharina II. hatte die Bibliothek und die kostbare Landkartensammlung Büschings nach dessen Tod aufgekauft.

Anton Friedrich Büsching – einer der bekanntesten und bedeutsamsten Wissenschaftler des 18. Jahrhunderts. Porträt des Kupferstechers Christoph Melchior (1720-1798).

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