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Auf den Wegen der Äbte von Volkenroda

Am liebsten wandert Anke Sawahn beim Pilgern am Ende einer Gruppe. „Dann bin ich ganz für mich selbst“, erzählt sie, „und muss keine Gespräche führen, die mich nicht selten wirklich stören.“ Anke Sawahn, promovierte Historikerin aus Hannover, ist eine erfahrene Pilgerin – ihr Ehemann, der 71-jährige Jens Gundlach, ist sozusagen der Vater des Pilgerweges Loccum-Volkenroda, der in diesem Monat den fünften Jahrestag seines Bestehens feiert und am Pfingstsonntag von vielen Menschen mit Pilgerwanderungen gebührend gewürdigt wurde.

Von Wolfhard F. Truchseß

Am liebsten wandert Anke Sawahn beim Pilgern am Ende einer Gruppe. „Dann bin ich ganz für mich selbst“, erzählt sie, „und muss keine Gespräche führen, die mich nicht selten wirklich stören.“ Anke Sawahn, promovierte Historikerin aus Hannover, ist eine erfahrene Pilgerin – ihr Ehemann, der 71-jährige Jens Gundlach, ist sozusagen der Vater des Pilgerweges Loccum-Volkenroda, der in diesem Monat den fünften Jahrestag seines Bestehens feiert und am Pfingstsonntag von vielen Menschen mit Pilgerwanderungen gebührend gewürdigt wurde. Allein rund 50 Menschen, junge und ältere, machten sich an diesem Tag nach einem Gottesdienst in der Klosterkirche von Kemnade über Linse und Buchhagen zum, wenn auch relativ kurzen Pilgern nach Kirchbrak auf.

Auf 2000 bis 3000 Menschen schätzt der Pilgerbegleiter Gerd-Peter Kluwe aus Hameln die Zahl der Pilger, die den Pilgerpfad von Loccum nach Volkenroda in Thüringen seit dem Jahr 2005 in der einen oder anderen Richtung in vielen Etappen begangen haben. „Die meisten Pilger gehen mal zwei oder drei Etappen“, berichtet Kluwe, „die ganzen rund 300 Kilometer – dazu würden ja gut 14 Tage benötigt. Das macht sicher nur eine Minderheit.“ Kluwe führt am Pfingstsonntag gemeinsam mit seiner Kollegin Sabine Brennecke, einer Chemielaborantin, auch die Pilgergruppe von Kemnade nach Kirchbrak. Die von der Evangelischen Landeskirche Hannover ausgebildeten Pilgerbegleiter gibt es erst seit etwa zwei Jahren. Jeweils paarweise sind sie für bestimmte Streckenabschnitte zuständig. Und seit es sie gibt, hat die Zahl der Pilger auf dieser Strecke nach Einschätzung Kluwes beständig zugenommen.

Er und Brennecke betreuen beispielsweise die Etappen von Fischbeck bis Amelungsborn. Die beiden Begleiter können von Pilgern „gebucht“ werden, damit sowohl die Logistik funktioniert, vor allem aber, damit die Pilger spirituell betreut werden. „Wir beten mit den Gruppen, halten unterwegs Andachten ab und versuchen, in der Natur eine Gottesbegegnung herzustellen“, erläutert Kluwe. „Das ist wie ein mobiler Gottesdienst.“

2 Bilder
Teilnehmer der sonntäglichen Pilgerreise verlassen die kleine Kirche in Linse. Fotos: wft

Mit 50 Pilgern in einer Gruppe zu wandern, ist auch für Gerd-Peter Kluwe und Sabine Brennecke ungewöhnlich. „Die optimale Gruppengröße“, sagt Kluwe, „das sind zwölf Pilger. Dann kann jeder mit jedem sprechen oder ist einfach auch mal ganz für sich.“

So wie dies Anke Sawahn besonders schätzt. „Wenn ich mit meinem Mann auf den Pilgerwegen unterwegs bin, schweigen wir manchmal einen halben Tag und gehen unseren eigenen Gedanken nach.“ Pilgern sei eben auch eine Art Meditation, meint Kluwe. Unterwegs seien vielfach auch Christen, die nicht unbedingt in die Kirche gingen, sich aber mit den Themen Religion und Gott auseinandersetzten. Spartanisch gehe es bei den Pilgerreisen zu, jeder trage in seinem Rucksack mit sich, was er benötige. Grundsätzlich gebe es keinen Alkohol und keine Gaststättenbesuche, allenfalls ein Pilgersüppchen, wie an diesem Tag in der Kulturmühle Buchhagen. Noch sei für viele Teilnehmer das Pilgern ein Experiment, schätzt Kluwe die bisher gemachten Erfahrungen ein.

Gerd Hahlbrock aus Linse hat sich am Sonntag zum ersten Mal auf dieses Experiment eingelassen. „Ich wollte das mal erleben, habe schon oft darüber nachgedacht und jetzt das Angebot angenommen“, erzählt er beim Start in Kemnade. Begleitet wird er von seiner Ehefrau Heike und der elfjährigen Tochter Eva. Ist sie freiwillig mitgekommen? „Ja und nein“, antwortet sie. „Mama hat uns angemeldet und dann habe ich entschieden mitzukommen.“ Die elf Kilometer, die in Kemnade vor ihr liegen, scheinen sie nicht zu schrecken.

Dass Jens Gundlach den Pilgerweg Loccum-Volkenroda ins Leben rief, hat nichts mit Pilgertraditionen zu tun. Tatsächlich stellt er nur die alte Verbindung zwischen den ehemaligen Zisterzienserklöstern Loccum in Niedersachsen und Volkenroda in Thüringen wieder her. Im Jahr 1163 hatten sich zwölf Mönche – zwölf wohl wegen der zwölf Jünger Jesu – unter Leitung ihres Abtes vom Kloster Volkenroda auf den Weg nach Norden gemacht, um in den Sümpfen rund um die Lucca-Burg ein neues Tochterkloster zu gründen. Lange Zeit, wohl bis zur Reformation des Klosters Loccum, zog hinfort der jeweilige Abt von Volkenroda einmal im Jahr mit einem Visitationstross nach Loccum, um sicherzustellen, dass dort auch gemäß dem Reformanspruch der Zisterzienser gelebt wurde. Die genaue Route, die damals begangen wurde, ist historisch nicht belegt, auch nicht, ob immer derselbe Weg genommen wurde.

Erstmals wurde die Verbindung zwischen Volkenroda und Loccum anlässlich der Expo 2000 mit dem „Jodokusweg“ wieder hergestellt. Im Jahr 2002 startete dann der Theologe und Journalist Jens Gundlach eine Pilgerreise von Loccum nach Volkenroda und legte damit quasi die künftige Pilgerroute fest, auf der inzwischen mehr als 60 Gemeinden für „verlässliche Angebote“ an die Pilger sorgen – sei es, dass die örtlichen Kirchen und Kapellen zu festgelegten Zeiten geöffnet sind oder Pilger am Abend versorgt werden. Die Vielfalt der Angebote kennt dabei kaum Grenzen. Trotzdem macht sich Gundlach Sorgen, dass die zunehmende Zahl an Pilgern nur ein „Strohfeuer“ sein könnte. Es ist eine Sorge, die ihm dieser Pfingstsonntag nehmen sollte. Viele Menschen, die sich hier auf den Weg gemacht haben, sind längst erfahrene Pilger und wollen davon nicht lassen.

Manche wandern dabei lieber allein, wie zum Beispiel Heike Kitter aus Westerbrak, die vor zwei Jahren gemeinsam mit Ehemann und Hund in Etappen von Loccum bis nach Silberborn pilgerte und von vielen überraschenden Begegnungen und großer Gastfreundschaft am Weg berichtet. „Mein Pilgern hat weniger einen religiösen Hintergrund“, erzählt sie. Es sei eher ein sehr bewusstes Gehen außerhalb der Alltagsroutinen, bei dem sie auch ihre Grenzen erfahren habe. Das mache den Unterschied zum täglichen Spaziergang mit ihrem Hund aus: „Wir haben dabei ein Ziel und wir haben dabei Zeit, am Wegesrand Gespräche zu führen.“ Zu pilgern bedeute auch, sich Zeit zu nehmen, nicht gleich wieder ins Büro zu müssen und die Momente der Stille zu genießen.

Für den 49-jährigen Malermeister Lothar Brennecke sind vor allem die Gespräche von Bedeutung, die er in seiner festen Pilgergruppe führt: „Da gibt man viel von seinem Inneren preis und findet doch zugleich zu sich selbst.“ Was auch der 67-jährige Reinhard Hahn bestätigt, der selbst als Pilgerbegleiter für den Raum um Bursfelde zuständig ist. Seit er diesen ehrenamtlichen Job übernommen hat, sind ihm andere Ziele gänzlich unwichtig geworden. „Nach meiner Pensionierung als Lehrer wollte ich ursprünglich die Entwicklung der Didaktik in der Mathematik der letzten 40 Jahre erforschen. Heute interessiert mich das nicht mehr.“

Kann das Pilgern süchtig machen? „Nein“, sagt Anke Sawahn, „es wird eher zu einem Bedürfnis.“ Jens Gundlach ist da anderer Meinung. „Doch“, sagt er, „Pilgern kann auch zur Sucht werden.“ Deshalb nehme er auch nicht mehr jede Einladung zu einer Pilgerreise an. Aber den Weg von Kemnade nach Kirchbrak an diesem Geburtstagsfest des Pilgerweges Loccum-Volkenroda, den hat er nicht ausgelassen.

Seit fünf Jahren gibt es den Pilgerpfad Loccum-Volkenroda. Etwa 3000 Menschen sind ihn seither gegangen. Wir sind der Frage nachgegangen, was die Menschen bewegt, zwischen den beiden ehemaligen Klöstern auf Pilgerreise zu gehen.




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