×

Auf den Spuren eines echten Superstars

Heinrich Heine hat das Phänomen einst als „Lisztomania“ bezeichnet. Am besten umschreibt den Hype, den Liszt auslöste, ein Rezensent, der 1842 anlässlich eines Konzerts ironisch formulierte: „Man hat ihm Serenaden gebracht, eine Dame ist vor ihm niedergekniet und hat ihn gebeten seine Fingerspitzen küssen zu dürfen, – eine andere hat ihn im Konzertsaal publice umarmt, – eine andere hat den Überrest aus seiner Theetasse in ihr Flacon gegossen, – Hunderte haben Handschuhe mit seinem Bild getragen, – Viele haben den Verstand verloren.“ Zu jener Zeit gab es Liszt-Champagner, Liszt-Roastbeef, Liszt-Büsten und Liszt-Medaillons zu kaufen. Das damalige „Deutschland“ hatte seinen Superstar gefunden.

Autor:

Arne Boecker

Franz Liszt war einer der ausdrucksstärksten Pianisten und einer der revolutionärsten Komponisten seiner Zeit. Er gilt als einer derjenigen, die der „programmatischen Musik“ zum Durchbruch verholfen haben, die auf sinfonische Dichtung setzte. Franz Liszt ist der Sohn eines Verwaltungsbeamten, der dem Fürsten Nikolaus II. Esterházy diente. Mit sieben Jahren brachte er sich selbst bei, Noten zu schreiben, mit neun Jahren trat er erstmals öffentlich auf, gefördert (und gefordert) vom ehrgeizigen Vater. In der Städtischen Preßburger Zeitung war am 28. November 1820 zu lesen: „Die außerordentliche Fertigkeit dieses Künstlers, sowie auch dessen schneller Überblick im Lösen schwerster Stücke, erregte allgemeine Bewunderung, und berechtigt zu den herrlichsten Erwartungen.“ Franz Liszt sollte sie alle erfüllen.

Doch nur allmählich mehrte sich sein Ruhm, vor allem auch durch die vielen Konzertreisen, die er unternahm. Franz Liszt führte ein rastloses, unstetes Leben. Das änderte sich erst 1842, als ihn Großherzog Carl Alexander in Weimar zum Kapellmeister ernannte. Liszt blieb ein Reisender in Sachen Musik, aber Weimar sollte doch für 18 Jahre ein Anker in seinem Leben bleiben. Diese Jahre waren seine besten, sie begründeten seinen Ruhm. Einmal gab Liszt in Berlin 22 Konzerte hintereinander, die allesamt restlos ausverkauft waren – die Geburtsstunde für Heinrich Heines milden „Lisztomania“-Spott.

Ende August 1849 reiste Franz Liszt mit Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein und deren zwölfjähriger Tochter Marie nach Helgoland, um die Sommerfrische zu genießen. Zwei Jahre zuvor hatten sich Franz und Carolyne in Kiew kennen- und liebengelernt, Marie stammt aus Carolynes erster Ehe. Ende September zog die Patchwork-Familie weiter nach Bad Eilsen, wo die Fürstin ihr Rheumaleiden behandeln lassen wollte. Der Aufenthalt sollte dann aber viel länger dauern als geplant, weil die kleine Marie schwer erkrankte, wohl an Typhus. Um sie kümmerte sich der Geheime Hofrat Dr. Karl von Müller aus Minden.

Aktiv bis ins hohe Alter: Der Komponist Franz Liszt bei einem Sonntagskonzert in seinem Haus in Weimar (Gemälde von Hans W. Schmidt, 1882). Fotos: Archiv

Die Krankheit des Mädchens Marie ist letztlich der Grund dafür, dass Bad Eilsen mehr als eine Durchgangsstation im Leben des gefeierten Musikers Franz Liszt wurde. Als das Schlossmuseum Weimar jetzt anlässlich von Liszts 200. Geburtstag eine Ausstellung aufbot, war im Katalog eine Karte abgedruckt, die die lebenswichtigen Städte des Franz Liszt auflistet. Neben London, Kopenhagen, Wien und Florenz findet sich hier eben auch – Bad Eilsen.

Heute lässt sich nicht mehr genau klären, in welchem Hotel Franz Liszt, Fürstin zu Sayn-Wittgenstein und Marie logierten. Ursprünglich waren Historiker davon ausgegangen, dass sie im Hotel Rinne unterkamen, das auch als „Eilser Krug“ bekannt ist. Es gibt allerdings Indizien, die auf das Hotel Bruns hinweisen. Beide Häuser stehen heute nicht mehr. Ob Rinne oder Bruns: Als allzu luxuriös darf man sich das Leben in den Hotels wohl nicht vorstellen. Man hatte die Wahl zwischen – sehr einfachen – geweißten Kammern und – einfachen – tapezierten Gästezimmern.

Unabhängig von Maries schlimmer Erkrankung stand der Beginn in Bad Eilsen unter keinem guten Stern. Im Oktober erreichten Franz Liszt die Nachrichten, dass Frédéric Chopin in Paris an Tuberkulose gestorben war und dass sein Freund Graf Batthyány hingerichtet worden war, nachdem er sich am Ungarnaufstand beteiligt hatte. Unter dem Eindruck der Ereignisse komponierte Franz Liszt die „Funérailles“. Weil sich absehen ließ, dass Franz Liszt wegen der Erkrankungen seiner Lebensgefährtin und deren Tochter einige Zeit in Eilsen verbringen würde, ließ er Joachim Raff, seinen Notenschreiber, in den Kurort nachkommen.

Die Nachricht von Chopins Tod dürfte Liszt aus Zeitungen entnommen haben, die er am Bückeburger Bahnhof kaufen konnte. Ansonsten war Bad Eilsen seinerzeit keineswegs weltabgewandt. Die Post derer von Thurn und Taxis erreichte den Kurort, zwei Jahre vor Liszts Ankunft war die Bahnlinie Minden-Hannover eröffnet worden, die Verbindung Cöln-Minden bestand schon länger. Das half Liszt sehr: Schließlich war er über drei Jahre, von 1849 bis 1851, hin- und hergerissen zwischen seinen Lieben, die oft in Eilsen weilten, und seinem Arbeitgeber, der ihn in Weimar sehen wollte. Fast 15 Stunden brauchte die Bahn, um ihn von Bückeburg nach Weimar zu bringen, was meist eine Zwei-Tage-Reise bedeutete. So schrieb Liszt am 18. Dezember 1849 nach Weimar: „Am 2. Januar werde ich von hier abreisen und am 4. oder 5. ganz zu Ihrer Verfügung stehen.“

Einige der Werke, für die Franz Liszt berühmt wurde, sind in Bad Eilsen entstanden. Die Eilser und die Bückeburger konnten überdies ein Privileg genießen: Sie durften Franz Liszt im Konzert erleben. Mit seiner Einstellung als Hofkapellmeister in Weimar hatte Liszt seinen Job als Konzertpianist eigentlich an den Nagel gehängt. Unter dem Datum 11.11.1849 kündigte das Mindener Sonntagsblatt ein „Konzert zu wohltätigen Zwecken“ an, das Franz Liszt im Saal des Deutschen Hauses in Bückeburg geben wollte. Den Erlös leitete der gläubige Katholik der Bückeburger Gemeinde zu.

Mehrfach hat Franz Liszt auch im Schloss konzertiert, in dem seinerzeit Fürst Georg-Wilhelm zu Schaumburg-Lippe residierte. Diese Erkenntnis verdanken wir unter anderem der Schriftstellerin Lulu von Strauß und Torney, die in ihrem Buch „Vom Biedermeier zur Bismarckzeit“ schreibt: „Auch Franz Liszt war 1849 zur Kur in Eilsen, kam von dort öfters herüber und spielte vor geladenen Gästen auch am Hofe, und an einem Sommernachmittag klang auch die große Stube im Alten Hause von dem Spiel des großen Meisters.“ Mit „Altes Haus“ ist das Wohnhaus der von Strauß und Torneys gemeint, das in der heutigen Schulstraße steht.

Dem königlich-preußischen Generalleutnant Julius Hartmann verdanken wir eine weitere Konzertbeschreibung, diesmal aus Bad Eilsen. Auch Hartmann betont den Unterschied zwischen Liszts Ruf und seinem tatsächlichen Auftreten: „Er spielte Beethoven wundervoll, – ich glaube gerade so, wie der begnadete Komponist es gewünscht hätte, – zuletzt den Erlkönig hinreissend schauerlich. Da wir ihn unmittelbar vor Augen hatten, so fiel mir auf, wie unbegreiflich die Karikaturen, welche über ihn verbreitet waren, ihn entstellten. Es war in seiner Haltung, in seinen Bewegungen nichts in der Art, nur der Ausdruck eines von der Kunst begeisterten Mannes.“

Im Herbst 1850 reisten Franz Liszt und die Fürstin zu Sayn-Wittgenstein wieder einmal nach Bad Eilsen, weil sich Carolynes Rheuma zurückgemeldet hatte. Schlammbäder mit schwefligem Wasser sollten helfen. Heiße Eisenkugeln erhitzen die Brühe auf 35 Grad, dann wurde sie in Holzwannen gegossen – und die Patientin begab sich hinein. So eine „Sitzung“ konnte bis zu einer Stunde dauern.

In Eilsen lernte Franz Liszt den jungen Komponisten Ludwig Meinardus kennen, mit dem er gern fachsimpelte. Meinardus traute sich sogar, Liszt mit einem kurzen Werk nachzuahmen, dem er den Titel „Lustige Drescher“ gab. Liszt merkte dies und soll Meinardus gezwungen haben, das Musikstückchen zu veröffentlichen – ihm, Liszt, zugeeignet. Diese Anekdote verdanken wir dem Eilser Friedrich Winkelhake, Vorsitzender des örtlichen Heimat- und Kulturvereins. Er hat das Notenheft im Archiv ausfindig gemacht, das Meinardus‘ Hommage an Franz Liszt enthält. Im Frühsommer 1851 hinterließ Liszt erneut Spuren in Bad Eilsen. Er arrangierte ein Konzert für Rosalie Spohr, eine junge Harfenistin. Er schrieb ihr: „Mit ihrer liebenswürdigen Erlaubnis Mademoiselle lasse ich Ihr Konzert für den nächsten Dienstag, den 8. Juli ankündigen und Sie können versichert sein, dass die beste Gesellschaft Bückeburgs und die der Badegäste sich hier einfinden wird. Der Preis des Billets ist auf 1 Gulden festgelegt, das ist das Maximum, was in dieser Gegend üblich ist.“ Am wahrscheinlichsten ist, dass dieses Konzert, an dem auch ein Cellist aus Hannover beteiligt war, im sogenannten Konversationshaus über die Bühne ging, in dessen Kursaal ein Flügel stand. Nach dem Konzert umschmeichelte Franz Liszt die Harfenistin brieflich wegen ihres „schönen Talents, welches noch im Wald und in den Zuhörern widerhallt“. Beigefügt: Schokolade.

Am 30. August 1851 verließen Franz Liszt, Carolyne zu Sayn-Witttgenstein und Marie Bad Eilsen, um das Rheinufer zu bereisen. Unter anderem besuchten sie Clara und Robert Schumann, die in Düsseldorf wohnten. Insgesamt verbrachte Franz Liszt in den Jahren 1849 bis 1851 neun Monate in Bad Eilsen. Erst die 200. Wiederkehr des Geburtstags von Franz Liszt hat ins Licht gerückt, dass der Pianist und Komponist eine Eilser Geschichte hat.

200 Jahre ist es her, dass im damals ungarischen, heute österreichischen Raiding Franz Liszt geboren wurde. Liszt stieg zu einem der spektakulärsten Pianisten und Komponisten seiner Zeit auf. In den Jahren 1849 bis 1851 hielt sich Liszt an der Seite seiner kurenden Lebensgefährtin über Monate in Bad Eilsen auf.




Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt