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Das Dartmoor und London sind die Kulissen für die bekanntesten Fälle des Meisterdetektivs – und eine Reise wert

Auf den Spuren der britischen Legende Sherlock Holmes

Sie sind noch nie hier gewesen?“, fragt Sherlock Holmes erstaunt, als er Inspektor Lestrade im Dartmoor begrüßt. „Ich glaube nicht, dass Sie Ihren ersten Besuch hier vergessen werden.“ Und Holmes sollte recht behalten: Auch heute, knapp 100 Jahre nachdem sein Schöpfer Arthur Conan Doyle mit dem „Hund der Baskervilles“ den bekanntesten Fall seines Meisterdetektivs veröffentlichte, hinterlässt die wildromantische Moorlandschaft im Südwesten Englands einen bleibenden Eindruck. Nach einer halben Stunde Autofahrt vom Bahnhof St. Davids in Exeter lichtet sich der Wald und gibt den Blick auf das frei, was Holmes und seinen Chronisten Watson in ihren Bann schlug: alte Giebelhäuser, schmale Granitbrücken und zerklüftete Hügel, schön und schroff zugleich.

Autor:

Karsten Röhrbein

Hier ließ Doyle seinen berühmten Höllenhund von der Kette, nachdem ein Freund ihm die Legende vom Frauenschänder Richard Cabell erzählt hatte, der den Moorbewohnern nach seinem Tod 1677 die Ruhe raubte, weil ein Rudel schwarzer Hunde in den Nächten an seinem Grab heulte. Das Moor ist reich an Schauergeschichten, wie ein Besuch im High Moorland Visitor Centre in Princetown zeigt. So gruselig wie in Doyles Roman sei das Moor aber keineswegs, meint Ranger Ian Durrent. Er jedenfalls habe noch nicht erlebt, dass es eines der Ponys verschluckt habe, berichtet der Mitarbeiter des Nationalparks lächelnd. Nicht nur Wildpferde streifen durch die weitläufige Heidelandschaft. Die Bauern, deren Ländereien an das Dartmoor grenzen, lassen dort auch Schafe und Kühe weiden.

Nach dem Lunch im Warren House Inn, einem urigen Lokal im Herzen von Devonshire, führt uns Durrent ins Moor, vorbei an Überresten prähistorischer Steinsiedlungen, hinauf auf einen der höchsten Hügel, auf dem sich Felsen türmen. Diese Formationen, Tors genannt, sind ein beliebtes Ausflugsziel – nicht nur unter Touristen. Auch Prince Charles, dem ein großer Teil der Ländereien gehört, übernachte oft bei Freunden, um bei einem Spaziergang durchs Moor zu entspannen, erzählt Durrant, während wir uns am Kaminfeuer von Bovey Castle wärmen.

Das weitläufige Herrenhaus, das 1907 fertiggestellt wurde, ist die perfekte Kulisse für Holmes-Fans: 1939 wurde dort der „Hund von Baskerville“ gedreht. Vom Balkon unseres Hotelzimmers blicken wir ein letztes Mal übers Moor, ehe uns die Spurensuche nach London führt – dorthin, wo alles begann: in die Baker Street 221B.

2 Bilder

Um Sherlock Holmes zu treffen, müssen wir Schlange stehen. Viele Touristen wollen ein Erinnerungsfoto mit dem gnädig lächelnden Meisterdetektiv. Der heißt eigentlich Stewart Quentin und gehört zum Inventar des Sherlock-Holmes-Museums wie die Pfeife auf dem kleinen Tischchen, die Schirmmütze und der alte Korbstuhl. Inmitten der Devotionalien aus der viktorianischen Zeit, die die Museumsmacher nach Sidney Pagets Illustrationen der Holmes-Abenteuer zusammengetragen haben, ist der Schauspieler mit dem schütteren Haar in seinem Element. 200 Besucher begrüßt er jeden Tag im engen Reihenhaus an der Baker Street, wo es neben Kitsch aus dem Souvenirshop für sechs Pfund (7 Euro) Eintritt aber auch viel Kurioses und Wissenswertes rund um Sherlock Holmes zu entdecken gibt: die „Who’s Who“-Enzyklopädie von 1934 etwa, in der Arthus Conan Doyles Romanfigur erstmals ein eigenes Kapitel gewidmet wurde. Höchst amüsant zu lesen ist auch die Post an den Meisterdetektiv, darunter der Brief eines zwölfjährigen Briten, der Holmes’ Gegenspieler, Professor Moriarty, im Schulbus gesehen haben will. „Er ist grässlich zu Kindern, hat einen Schnurrbart und brütet bestimmt einen Plan aus, wie er die Welt erobern kann.“

Mehr als 80 Jahre, nachdem Doyle 1927 seine letzte Holmes-Erzählung im „The Strand Magazine“ veröffentlicht hat, ist der Meisterdetektiv noch immer ein gefragter Mann – vor allem als Touristenattraktion. Noch ehe in den Londoner Kinos Guy Ritchies „Sherlock Holmes“ anlief, enthüllte „Madame Tussauds“ eine Wachsfigur des Hauptdarstellers Robert Downey Jr. im Filmaufzug. Holmes-Puristen wie Guy Marriott, Präsident der Sherlock Holmes Society of London, nehmen den Rummel um Ritchies Hollywood-Action-Spektakel mit britischem Humor. Der Holmes-Enthusiast ist ein guter Ratgeber, um in London den Spuren des literarischen Originals zu folgen. Beim Frühstück im noblen Langham-Hotel an der Regent Street, das 1865 eröffnet wurde, berichtet Marriott, dass nicht nur viele von Doyles Figuren hier einst logierten, sondern dass auch der Autor oft zu Besuch war, um zu essen oder die Gäste zu studieren: Der imposante böhmische König Wilhelm Gottsreich Sigismund von Ormstein etwa inspirierte Doyle zum frühen Holmes-Abenteuer „Ein Skandal in Böhmen“.

Eine Ahnung von dem viktorianischen Gaslampenidyll, das Doyle glorifizierte, bekommt man bei einem Rundgang durch die engen Gassen von Charing Cross und Covent Garden. Jeden Freitag um 14 Uhr startet an der U-Bahn-Station Embankment der „Sherlock Holmes Walk“, eine zweistündige Stadtführung. Corinna, unser Guide, kennt viele Anekdoten. „An dieser Stelle“, sagt die Fremdenführerin auf halber Strecke zum Covent Garden Market, „ist Doyle von einer Frau geohrfeigt worden.“ Sie konnte dem Autor nicht verzeihen, dass er seinen Meisterdetektiv in den Reichenbach-Fällen sterben ließ, weil er der Figur überdrüssig geworden war. Kreuz und quer führt die Route über quirlige Marktplätze und versteckte Innenhöfe vorbei am Royal Opera House und Simpson’s-in-the-Strand: Den Fensterplatz, an dem Holmes dort gerne saß, um die Passanten auf der Flaniermeile The Strand zu studieren, gibt es nach einem Umbau nicht mehr. Aber Flair hat das dunkel getäfelte Restaurant, das mit seinen Séparés an alte Gentleman’s Clubs erinnert, dennoch. Nicht zuletzt wegen des vorzüglichen Roastbeefs, das dort noch am Tisch aufgeschnitten wird, ist es einen Besuch wert. Unser Rundgang endet an der Northumberland Street, vor dem ehemaligen Northumberland Arms Hotel, wo einst Sir Henry Baskerville abstieg, als er Sherlock Holmes in London um Hilfe ersuchte, nachdem sein Vater dem Hund aus dem Dartmoor zum Opfer gefallen war. Als das Gebäude unter den Hammer kam, griff der findige Londoner Bierbrauer Colonel Whitbread zu. Er baute das Haus zu einem Pub um und reservierte einen Raum für Sherlock Holmes, ausgestattet mit Souvenirs, die als Wanderausstellung auch schon in New York für Furore gesorgt hatten. Dieses Studierzimmer ist bis heute – durch eine Glaswand geschützt – im oberen Stockwerk des Sherlock Holmes Pub zu besichtigen. Darüber, welchen Eifer 56 Holmes-Erzählungen und vier Romane auslösen können, staunt man ungläubig. Bestellt sich dann ein Cider. Und prostet dem Hund der Baskervilles, dessen Kopf über dem Kamin hängt, aus sicherer Entfernung zu.

Idyllisches Dartmoor: Auch ohne Sherlock Holmes zählt die Grafschaft Devon zu den schönsten Regionen Englands. In London (Bild rechts) gibt es Kurioses im Sherlock-Holmes-Museum.

Schöne Aussichten: Von den Balkons des Hotels Bovey Castle aus kann man weit ins Dartmoor blicken.

Fotos: Röhrbein, Dartmoor Partnership, Bovey Castle.




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