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Auf Dauer abgehängt?

Bad Münder. Bewohner ländlicher Regionen sind ohne Auto nicht flexibel mobil. Aber nicht jeder hat ein Auto oder kann Auto fahren – und das schließt Menschen von Nienstedt bis Beber, Brullsen bis Klein Süntel von vielen Angeboten aus. „Kein Anschluss nach Bad Münder“ lautete eine provokante These, mit der der Arbeitskreis Diakonie in Bad Münder zum Gespräch über die Bedeutung von Mobilität geladen hatte. Gemeinsam mit Kreistagsabgeordneten, Bürgermeister sowie Vertretern der Nahverkehrsunternehmen und Interessenverbänden wurde das Thema am Runden Tisch erörtert.

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Moderatorin Frauke Kesper-Weinrich machte gleich zu Beginn deutlich, dass nach ihrer Auffassung in Bad Münder vermehrt Menschen mit eingeschränkter Mobilität ausgegrenzt und benachteiligt werden: „Beim Einkaufen, bei Arztbesuchen, bei der Teilhabe am kulturellen Leben und Bildungsangeboten, bei der Nutzung der Tafel oder der Beratungsdienste, an Wochenenden“, erklärte sie. Beispiele dafür lieferten Mitglieder des Arbeitskreises – etwa Inga Teuber, Diakonin im Friederikenstift. Sie berichtete über die Probleme der Reha-Patienten, vom Bahnhof aus die Stadt zu erreichen. Für Rollstuhlfahrer sei die Situation besonders schlecht, da Niederflurbusse nicht im Fahrplan ausgewiesen werden. Jürgen Lenz aus Böbber berichtete von der Selbsthilfe vor Ort, wenn es um Mobilität außerhalb der Zeit der Schülerbeförderung gehe: „Wir helfen uns mit der mehr oder weniger zufälligen Mitnahme anderer Einwohner.“ Auch Bernd Petermann vom Seniorenbeirat forderte, ältere und behinderte Menschen nicht auszugrenzen – das Aus für die Buslinie zum Deisterhang, eingeleitet durch die Konsolidierungsbemühungen der Stadt, wurde allgemein kritisiert.

In der Gesprächsrunde erklärte Bürgermeister Hartmut Büttner, dass er nicht glaube, dass der liniengebundene Nahverkehr so aufrecht erhalten werden kann, dass er den Bedürfnissen entspreche – die Zunahme des Individualverkehrs und die demografische Entwicklung deuteten in eine andere Richtung. Seiner Auffassung nach müssten alternative Beförderungsformen erprobt werden. Das Bürgerbus-Modell in Coppenbrügge beobachtet er aufmerksam. „Geld haben wir nicht. Wir müssen sehen, dass wir mit Fantasie weiterkommen“, stellte auch Kreistagsmitglied Swen Fischer heraus.

Als Vertreter der Öffis sah sich Verkehrsplaner Mathias Marschall in keiner leichten Rolle. Die Schere aus steigenden Kosten und rückläufigen Schülerzahlen bereite nicht nur im Bereich Bad Münder Probleme, 1,7 Millionen Euro habe der Kreis im vergangenen Jahr zuschießen müssen, um das Defizit auszugleichen. „Der demografische Wandel schlägt voll zu. Der klassische ÖPNV wird bald nicht mehr in der Lage sein, alle Mobilitätsvorstellungen abzudecken“, so Marschall. Das Thema Nachfrage sprach auch Dr. Dorothea Schulz, Vertreterin des Fahrgastbeirats der Öffis, an. „Die Menschen müssen überzeugt werden, dass es eben nicht unsexy ist, auf Bahn und Bus umzusteigen.“ Es gelte, intelligente regionale Lösungen zu finden.

Der Arbeitskreis Diakonie will in einem weiteren Treffen das Thema vertiefen – Marschall warnte allerdings vor zu großen Erwartungen: „An Ideen mangelt es nicht. Die Frage bleibt letztlich, was auch umgesetzt werden kann.“jhr

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