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Auch Flüche verhelfen Lena nicht zum Sieg

Linus (17) und ich (50) hatten keine Wahl – wir mussten nach Düsseldorf reisen, zum Eurovision Song Contest 2011, eingeladen von Linus’ großer Schwester Ulrike (31), die dem Ereignis in ihrer Stadt schon seit Monaten entgegenfieberte und die nun auch noch von der jüngeren Schwester Lotta (24) überraschend vier Karten für das Jury-Finale geschenkt bekommen hatte. Früher verzogen sich mein Sohn und ich uns diskret aus dem Fernsehzimmer, wenn der Rest der Familie sich mit Bewertungsbogen, Bier und Hackbrötchen vor dem Bildschirm ausbreitete, um sich stundenlang mit einer Musik zu beschäftigen, die wir keine zwei Minuten angehört hätten. Doch diesmal gab es kein Entkommen: „Wir erwarten euch! Es wird ein rauschendes Fest! Und wir sind dabei!“

Autor:

Cornelia Kurth

Das Jury-Finale findet immer einen Tag vor dem großen Finale statt. Es wurde eingeführt, so erklärt es unsere Zeremonienmeisterin Ulrike, damit die Ostblock-Connection nicht den gesamten Wettbewerb dominiert, mit all den Anrufern aus den zersplitterten Staaten des Ostens, die sich gegenseitig die Punkte zuschieben würden, gäbe es nicht eine neutrale Jury, deren Punkte 50 Prozent der Gesamtwertung ausmachen.

Ulrike sieht so schön aus in ihrem engen schwarzen Kleid und einem Haarreif auf dem Kopf mit schwarzer Feder drauf. Schnell toupiert sie Schwester Lotta noch die Haare und leiht Linus, der nur seinen Kapuzenpullover dabei hat, einen schwarzen Sakko.

Was mich betrifft – ich laufe außer Konkurrenz. Ich trage eine gestreifte 70er-Jahre-Hose und habe ganz offensichtlich nicht mitbekommen, dass der „Song Contest“ schon lange nicht mehr „Grand Prix“ heißt. Mir ist das egal. 38 000 Menschen passen in die Düsseldorf Arena, fast alle Plätze sind verkauft. Wir werden wie Ameisen in einem Ameisenhaufen sein, winzige bunte Pünktchen in einem unüberschaubaren Zuschauer-Gesamtbild. „Hast du ein Fernglas dabei?“, fragt Ulrike. Unsere Plätze befinden sich im mittleren Bereich der Arena. Unendlich weit führen die Reihen nach unten zur Bühne, unendlich hoch weitere Reihen bis unters Hallendach.

Eine Atmosphäre wie einst im römischen Kolosseum, wo die Zuschauermasse genauso zur Inszenierung gehört wie die Helden im Rund. Fotos: cok

Noch keiner von uns war jemals in einer so riesengroßen Konzerthalle (sie war als Fußballstadion gebaut worden). Ein Warm-Up-Moderator stimmt das Publikum ein. Seine Stimme ist gut zu hören, er selbst aber erscheint nur als winzige herumhüpfende Gestalt in weiter Entfernung. Noch sind die überdimensionalen LED-Bildschirme nicht eingeschaltet. Ulrike leiht uns ihr Fernglas, doch es ist zu nichts zu gebrauchen. Die Entfernung zur Bühne ist so groß, dass man das Glas einfach nicht ruhig genug halten kann, um etwas anderes als verwackelte Schemen zu erkennen. Trotzdem sind wir schon jetzt sehr beeindruckt. So müssen sich die Zuschauer im römischen Kolosseum gefühlt haben, als Teil einer Masse, die ebenso zur Inszenierung gehört wie die Helden unten im Rund.

Punkt 21 Uhr erschallt die Eurovisionshymne. Das heutige Geschehen soll genau so ablaufen wie dann am Samstag bei der weltweiten Fernsehübertragung. Die drei Moderatoren erscheinen und als Stefan Raab mit seiner Band Lenas Vorjahres-Siegersong intoniert, die 43 Lena-Doubles im Background tanzen, schließlich Lena selbst zum Mikrofon greift und das gesamte Stadion jubelt und tobenden Beifall klatscht, da hat es im Handumdrehen auch uns erwischt, selbst Linus, der im Sommer zum legendären Metal Open-Air-Festival nach Wacken fahren wird. Die Bühne ist zwar nur der leuchtende Hintergrund für die Bilder auf den LED-Bildschirmen, doch haben die Menschen damals in Woodstock sicher auch kaum mehr von ihren Stars gesehen, und es gab da noch keine Technik, mit der die Distanz überwunden werden konnte.

In den Fluren vor den Eingängen zu den einzelnen Blocks trafen wir vor Konzertbeginn bestgelaunte schwule Freunde von Ulrike, die schon seit Jahren zum Song Contest fahren, ganz egal, in welchem Land er stattfindet. Sie haben Karten im Parkett und wagen kaum zu sagen, wie viel hundert Euro sie für die guten Plätze bezahlten, zumal sie schon bei den beiden Halbfinalen dabei waren und auch für morgen Finalkarten besitzen. Unsere Sitze, fernab vom Schuss, haben ja schon 69 Euro pro Stück gekostet. „Na und“, sagt einer, „wir wären ja auch nach Hinterpukistan gereist. Kommt nachher noch ins ,Nähkörbchen‘ – wir laden euch ein!“ Sie waren so fröhlich in ihrer Clique, wie überhaupt die Stimmung in der Arena einfach fröhlich ist. Der süße blonde Finnenknabe, einer unserer Favoriten, singt seine sanfte Ballade und erhält einen Applaus, von dem man schon jetzt meinen könnte, dass er kaum noch zu steigern sei. Als dann die Boygroups ihre Auftritte haben – Dänemark, Schweden, Russland, England – springen vor uns Teeny-Mädchen kreischend auf, die bereits vorher die ganze Zeit mit ihren Schals winkten und dabei angenehm kühle Luft herüberwirbeln.

Der Geruch vom Feuerwerk auf der Bühne, das mit Freudenrufen begleitet ist, erreicht uns hier oben mit minutenlanger Verspätung. Wir blicken uns gegenseitig an und lachen auch bei Nummern, die uns lächerlich erscheinen.

Lena kommt, über 30 000 Zuschauer erheben sich und feiern sie wie eine Königin, wir sind dabei. Unterhalten kann man sich nicht bei diesem Spektakel, nur staunen über die Bühneninszenierungen mit der gigantischen Leinwand im Hintergrund, auf der bunte Blumen aufleuchten oder Wolkenhimmelspektakel, die virtuellen Double der verrückten irischen Zwillinge oder das Prilblumen-Farbenspiel, das den Auftritt der Serbin Nina begleitet.

Da der Gewinner des Jury-Finales sowieso bis Samstagnacht geheim gehalten wird, verlassen wir die Arena etwas früher als die Masse der Zuschauer, um mit der Shuttlebahn in die Innenstadt zurückzufahren. Heißhunger treibt uns zu den Altstadt-Pizzerien, wie im Flug waren die drei Stunden Show verflogen. In der Stadt ist der Song-Contest kein Thema.

Das Jury-Finale wurde zwar von Kameras aufgezeichnet, aber nicht im Fernsehen übertragen, der große Tag ist ja erst morgen. Kein Wunder also, dass es uns in die Schwulenkneipe „Nähkörbchen“ treibt, wo sich auch die Freunde von Ulrike versammelt haben, die unter den Fotos der Contest-Sieger der letzten Jahrzehnte über ihre Lieblinge reden.

Der kleine Finne, der so süß lächeln kann, interessiert dort niemanden. Gewinnen soll die schon ältere große blonde Ungarin Kati Wolf mit ihrem „What about my Dreams“. Oder der Schmachtsong von der so schön rundlich-weiblichen Evelina Sasenko aus Litauen. Oder natürlich Lena, weniger, weil die schwulen Fans ihren kühlen Song „Taken by a Stranger“ besonders hinreißend fanden, als vielmehr deshalb, damit der nächste Song-Contest wieder in Deutschland stattfände. „In Castrop Rauxel – das soll auch mal bekannt werden!“

Lotta favorisiert das freundliche Lied aus Herzegowina, Linus ist eindeutig für die zappeligen irischen Zwillinge, ich plädiere für „Crazy World“ aus Dänemark und nur Ulrike weiß sich mit den Freunden einig, dass „Ce ma vie“ von Evelina Sasenko ein würdiger Vertreter wäre, um die Schlager-Tradition des Grand Prix nicht ganz aus den Augen zu verlieren.

Von dem Aserbaidschaner Pärchen, die schließlich gewinnen werden, sprechen wir alle nur am Rande. Als die Schwulenkneipe morgens um drei Uhr schließt, wandern wir weiter in ein nahes Bierstübchen. Dort bekommen wir von einem betrunkenen Pastor eine Runde ausgegeben, weil Ulrike verkündet, dass Düsseldorf die beste aller Song-Contest-Shows organisierte und deshalb nun von aller Welt geliebt werden wird.

Am Samstag, dem eigentlichen Finaltag, wo die ganze Stadt in Open-Viewings feiert, sind wir einfach nur erschöpft. Es ist, als habe man sich bereits einen Tag vor Silvester mit den Freunden getroffen und laufe Gefahr, nun schon vor Mitternacht einzuschlafen. Wir werden zu Hause bleiben. Große Teller mit Hackbrötchen und Fleischbällchen sind vorbereitet, dazu jede Menge Süßigkeiten und natürlich die unabdinglichen Bewertungsbögen, die Ulrike wie eine Lehrerin unter uns verteilt, damit wir die Auftritte in drei Kategorien beurteilen: „Song – Sympathie – Show“. Wir sind eifrig dabei, und obwohl jeder von uns seinen eigenen Favoriten hat, geben wir Lena einhellig 36 Punkte.

Während des Jury-Finales konnten sich alle Illusionen noch ungehindert ausbreiten, das Ergebnis blieb ja unter Verschluss. Jetzt vor dem Fernseher kommt aber die Stunde der Wahrheit. Und die ist hart. Je mehr der unmusikalische Schweden-Schönling mit seinem Mainstreamsong „Popular“ in der internationalen Wertung nach oben steigt, desto mehr sinkt Ulrikes Feststimmung. Unwiederholbar die Flüche, die sie entsendet, als die Türkei und Griechenland keinen einzigen Punkt an Deutschland geben.

Es nützt alles nichts. Wir müssen schon eine Flasche Sekt öffnen, damit sich die Laune unserer Gastgeberin wieder bessert und auch sie zähneknirschend das Liebeslied aus Aserbaidschan als Sieger akzeptiert. Doch keine Sorge – auch Fluchen und Zähneknirschen gehören zum schönen Spiel rund um den Eurovision Song Contest. Für uns ist es abgemachte Sache: Wir haben einen neuen Termin für ein jährliches Familientreffen. Nach Baku in Aserbaidschan werden wir ganz sicher nicht reisen, aber uns gemütlich vor einem Fernseher versammeln und für viele Stunden eine Musik aushalten, die nur für den Moment zählt (oder summe ich da gerade „Crazy, Crazy World“ aus Dänemark vor mich hin?).

Der Eurovision-Song-Contest, von Kennern bloß ESC genannt, hat in diesem Jahr Lena sei Dank in Deutschland stattgefunden. Somit war die Aufregung rund um den Musikwettbewerb zumindest hierzulande noch größer als im Vorjahr. Unsere Zeitung hat das Spektakel aus nächster Nähe beobachtet und am Jury-Finale in Düsseldorf teilgenommen.




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