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Arme Schweine und geprügelte Hunde

Der Bildschirmschoner am Computer von Dr. Ulf Güber zeigt ein Schwein, das der Amtstierarzt selbst fotografiert hat. Abgemagert steht die gequälte Kreatur in ihrem Stall und schreit vor Schmerzen, ein schockierender Anblick. „Dieses Bild soll mich immer wieder an meine Aufgabe erinnern“, erklärt Güber. Seit 1992 ist er Fachbereichsleiter Tierschutz beim Landkreis Schaumburg.

Autor:

Stefan Lyrath

Der Amtstierarzt mit Dienstsitz Bückeburg möchte nicht, dass ein falsches Bild entsteht. „Mit Landwirten haben wir verschwindend gering zu tun“, betont er. Bauern seien „Berufsfachleute, eine unauffällige Gruppe“. Der Aufsehen erregende Fall eines Schaumburger Landwirtes, der abgemagerte Tiere in völlig verdreckten Ställen gehalten hatte und dafür zu einer Geldstrafe verurteilt worden ist, gehört demnach zu den Ausnahmen.

Etwa 90 Fälle aus dem Landkreis bearbeitet Dr. Ulf Güber pro Jahr allein im Außendienst. Es geht um mutmaßliche Tierquälerei in Betrieben oder privaten Haushalten. Hinzu kommen ungefähr weitere 90, die gutachterlich am Schreibtisch beurteilt werden. Und das ist nur die berühmte Spitze des Eisbergs. „Die Dunkelziffer“, so der Amtstierarzt, „ist immens.“ Wenn ein Fall erledigt ist, wird die Akte geschlossen - auch geistig. „Ich versuche das dann langsam auszublenden“, sagt Güber. „Sonst packt man die Sache nicht.“ Seine Überzeugung: „Man darf nicht zu viel mit nach Hause nehmen. Und man muss an das Gute im Menschen glauben.“

Fälle wie dieser sind schwer zu ertragen: Weil eine Familie scharf auf Opas Geld ist, wird der treue Hund des Großvaters immer wieder mit einem Knüppel geschlagen. Das Tier muss furchtbar leiden, der stabile Oberschenkelknochen ist bereits gebrochen, eine von vielen Verletzungen. Besuchern, die zu Weihnachten kommen, fällt der halbtote Rüde auf. Sie bringen den Hund zum Tierarzt, der den besten Freund des Menschen von seinen Leiden erlöst. „Der Opa sollte weichgeklopft werden“, fasst Güber zusammen. Getroffen hat es ein Tier.

2 Bilder
Unhaltbare Lebensumstände: 60 Tiere auf engem, verdreckten Raum. Fotos: Peta (2), ly (1)

Tierschutz ist zwischenzeitlich im Grundgesetz verankert, Tierquälerei kein Kavaliersdelikt, schon gar keine Sachbeschädigung. Kommt es zum Gerichtsverfahren, wird zwischen Ordnungswidrigkeiten und Straftaten unterschieden. Eine Straftat begeht, wer vorsätzlich handelt und Tieren über einen längeren Zeitraum erhebliches Leid zufügt. Darauf stehen Geldstrafen oder bis zu drei Jahre Haft.

Tierquälerei aus purem Sadismus kommt nach den Erkenntnissen Gübers eher selten vor. „Das sind vielleicht fünf Prozent“, berichtet der Kreisveterinär. In der Mehrzahl aller Fälle seien Menschen, die persönliche Probleme hätten, mit Tierhaltung schlicht überfordert. Fälle wie dieser: In einer Hundezucht werden die Tiere in dunklen Verschlägen gehalten, das Sonnenlicht sehen sie selten, an manchen Tagen gar nicht. Auf dem Boden des Zwingers haben sich Kot und Urin zu einem Brei vermengt. Trockene Stellen zum Liegen fehlen völlig. Stellenweise ist den zwölf Hunden bereits das Fell ausgefallen. Das einzig Positive: Alle Vierbeiner werden zu zweit gehalten, so haben die Rudeltiere wenigstens ein bisschen Sozialkontakt.

Dennoch wird die Zucht vom Landkreis geschlossen, zudem ein Verbot der Tierhaltung ausgesprochen. „Wir mussten Nägel mit Köpfen machen“, erinnert sich Güber. Zum Glück können alle Hunde vermittelt werden. Doch das gelingt nicht immer.

Wenn zur Urlaubszeit oder nach Weihnachten wieder vermehrt Tiere ausgesetzt werden, füllen sich die Heime. „Ausgewachsene Hunde“, so der Amtstierarzt, „werden zu Ladenhütern.“ Wer Probleme hat, kann sich im Landkreis Schaumburg an die Tierschutzvereine Bückeburg, Stadthagen und Bad Nenndorf/Rodenberg wenden oder Dr. Güber anrufen, Telefon (0 57 22) 96 68 00.

Probleme wie dieses: Fünf Hunde haben eine Wohnung völlig verdreckt. Überall liegen Exkremente, sogar auf dem Bett, in dem die menschlichen Bewohner schlafen. Längst sind die Hunde ihrer Besitzerin über den Kopf gewachsen. Güber nennt solche Fälle „normale Tierquälerei“, weil Leute überfordert seien.

Weit darüber hinaus geht ein aktueller Fall von „Katzen-Bowling“, wie der Amtstierarzt die Quälerei nennt. Zu sehen sind die Qualen des Tieres auf einem Handy-Video, das die Polizei beschlagnahmt hat. Wie eine Bowling-Kugel wird die Katze über einen glatten Laminatboden geschleudert und prallt am Ende gegen eine Tür. Güber geht davon aus, dass das erwachsene Tier dadurch „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Gehirnerschütterung und ein Schleudertrauma erlitten hat“.

Der Amtstierarzt überwacht Privatleute, landwirtschaftliche Betriebe, Zoohandlungen, Viehhändler oder jeden anderen gewerblichen Umgang mit Tieren. Beim ersten Mal kommt er ohne vorherige Anmeldung, egal ob zu Routinekontrollen oder aus einem bestimmten Anlass.

Wenn niemand zu Hause ist, hinterlässt Güber eine Notiz. Später folgen Nachkontrollen, zum Teil mehrere. „Da kann es dann sein, dass man in einem Fall viermal nach Lauenau fahren muss.“ Ein gern gesehener Gast ist Dr. Güber nicht immer. Dann stellt er die Ohren auf Durchzug, solange die Grenze zur Beleidigung nicht überschritten wird.

„Ich will den Leuten persönlich doch nichts Böses“, betont Güber, der zwar in Sachen Tierschutz unterwegs ist, die Hälfte seiner Dienstzeit aber im Gespräch mit Menschen verbringt, die Tiere halten. Nur wer sich beratungsresistent zeigt, „muss bestraft werden, sonst würden wir uns lächerlich machen“.

Tierschutz endet nicht nach Dienstschluss. Mit vielen Tierschützern ist der Kreisveterinär per Du. Über mehr als zwei Jahrzehnte sind Freundschaften entstanden. Wenn Güber damals und heute vergleicht, kommt er zu dem Schluss, dass die Rohheit gegenüber Tieren zugenommen hat. Begründung: „Weil es vielen Menschen schlecht geht, verlieren sie Sensibilität.“

Die Klientel des Fachbereiches Tierschutz sei allerdings keine repräsentative Auswahl der Bevölkerung. „Es sind überwiegend Leute mit Problemen“, so der Leiter. „Menschen, die Schwierigkeiten haben, ziehen sich häufig von ihren Mitmenschen zurück. Und viele schaffen sich dann Tiere an.“

In einem weiteren aktuellen Fall verschwimmt die Grenze ein wenig. Einerseits ist eine Frau psychisch angeschlagen, andererseits will sie mit Hundewelpen Geld verdienen. Die Tiere werden wie Legehennen in viel zu kleinen Käfigen gehalten. Jeder Hund hat 0,8 Quadratmeter Platz. In der Enge entwickeln die Tiere einen so genannten „Aktivitätsstau“, sie randalieren hinter den Gittern. Viele solcher Hunde behalten einen Knacks fürs Leben. Sie werden verhaltensauffällig, laufen im Viereck oder drehen sich an der Leine im Kreis. In dem Fall aus Schaumburg bekommt die Frau eine tierschutzrechtliche Auflage, wonach sie künftig nicht mehr als zwei Hündinnen halten darf. Fünf Tiere hat sie abgegeben.

Es müssen nicht immer Hunde sein: Zu Gübers jüngsten Fällen gehören auch eine völlig verdreckte Reisetaubenhaltung, acht Kaninchen mit wild wuchernden Zähnen und „Säbelkrallen“, die vermutlich nie geschnitten worden sind, oder 700 ganz unterschiedliche Tiere, die aus einer illegalen Zucht untergebracht werden mussten - darunter Exoten wie afrikanische Weißbauchigel.

Nicht aus jeder der bis zu 200 Anfragen, die Gübers Amt jährlich erreicht, wird ein Verfahren. Manchmal wollen sich auch nur zerstrittene Nachbarn eins auswischen. Dann wird wenigstens kein Tier gequält.

In sozialen Netzwerken wie Facebook machen in regelmäßigen Abständen schaurige Nachrichten über Tierquälerei die Runde. Zuletzt waren Tierschützer und -liebhaber gleichermaßen erbost über massenhafte Hundetötungen in der Ukraine im Vorfeld der Fußball- Europameisterschaft 2012. Aber man muss nicht erst in die Ukraine reisen, um Tierquälern auf die Schliche zu kommen. Auch im Landkreis Schaumburg gibt es alljährlich etliche Fälle von Tierquälerei.




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