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Der Fall Eva-Maria Bauer bleibt mysteriös / Staatsanwalt vermutet Mord / Polizei verfolgt neue Spur

Arm der vermissten alten Dame treibt im Kanal

Bad Nenndorf/Hameln. Am 21. August 2003 bat die Polizei unsere Zeitungsgruppe,über einen rätselhaften Vermisstenfall zu berichten und bei der Suche nach einer spurlos verschwundenen Rentnerin (66) aus Bad Nenndorf zu helfen. Sonderbare Spuren führten nach Hameln. Die Frau wurde bis heute nicht gefunden, wohl aber ihr linker Arm. Die Ermittlungsbehörden müssen davon ausgehen, dass Eva-Maria Bauer tot ist. Der Leitende Oberstaatsanwalt Thomas Pfleiderer sagt: "Es spricht einiges dafür, dass die alte Dame Opfer eines Kapitalverbrechens wur de."

Auch das ist Eva-Maria Bauer - sie veränderte gern ihr Aussehen,

Autor:

Ulrich Behmann

Das letzte Lebenszeichen stammt vom 27. November 2002. An diesem Tag telefoniert Eva-Maria Bauer mit ihrem Rechtsanwalt in Düsseldorf. Vier Wochen später, am 28. Dezember, wird die wohlhabende Rentnerin von ihrer Vermieterin als vermisst gemeldet. Die Seniorin hat die Miete nicht überwiesen. Auf Klingeln und Klopfen reagiert niemand. Was ist los? Liegt Eva-Maria Bauer tot in ihrer Wohnung? Noch am selben Tagöffnen Polizeibeamte die Tür zur Wohnung der allein lebenden alten Dame. "Niemand war daheim. Alles sah ganz normal aus", erinnert sich Hauptkommissar Harald Mensching. "So, als hätte Frau Bauer mal eben das Haus verlassen, um einzukaufen." Die Suche nach der nur 1,55 Meter großen zierlichen Perücken-Trägerin, die offenbar gern ihr Aussehen veränderte und manchmal eine auffallend große Brille trug, nimmt ihren Lauf. Die Polizei gründet eine Ermittlungsgruppe, die den Nachnamen der Vermissten trägt. Sonderbare Spuren, die die Fahnder bis heute nicht deuten können,führen in den Landkreis Hameln-Pyrmont: Dieeinsame Frau hat sich Telefonnummern im Raum Hameln notiert. Bei derÜberprüfung der Anschlüsse fällt auf: "Niemand kennt Eva-Maria Bauer, niemand kann sich an ein Gespräch mit ihr erinnern", sagt Kriminalkommissarin Sandra Stumpenhorst. Die Ermittler finden heraus: Die Seniorin ist nicht arm - sie besitzt Konten in Deutschland und in Luxemburg. Eva-Maria Bauer hat seit Wochen kein Geld mehr abgehoben. Das nährt den Verdacht, dass sie tot ist. Die Rentnerin ist das, was der Leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Bückeburg, Thomas Pfleiderer, als "etwas verhuscht" bezeichnet. Was sie tut, ist für andere Menschen nicht immer nachvollziehbar. Einerseits lebt sie sehr zurückgezogen und traut kaum einem Menschen - und doch sucht sie Kontakt. Die Kriminalpolizei findet heraus, dass Eva-Maria Bauer Bekanntschaftsanzeigen aufgegeben hat. Das, was vom Leben der kleinen Frau bekannt wird, ist schnell erzählt: Eva-Maria Bauer macht eine kaufmännische Ausbildung. Sie heiratet. 1965 wird die Ehe geschieden. In ihrer Eigentumswohnung in Hannover pflegt sie die kranke Mutter - bis zu deren Tod im Jahre 1995. Zuletzt arbeitet die Frau als Sachbearbeiterin beim Niedersächsischen Landesverwaltungsamt. Nach einem Streit mit ihrem Bruder und dem Tod der Mutter verkauft sie ihre Wohnung in Hannover für 145 000 Mark und zieht nach Düsseldorf. Im Frühjahr 2002 sucht sich Eva-Maria Bauer in Bad Nenndorf eine Wohnung in einem Block an der Straße "Drei Steine". Sie kapselt sich ab. Nur zu dem geschiedenen Martin (Name geändert) baut sie ein Vertrauensverhältnis auf. Martin hilft ihr beim Einkaufen, er geht ihr zur Hand. Der Straßenbauarbeiter hat Zeit, er ist arbeitslos, macht gerade eine Umschulung zum Kraftfahrer. "Das war schon eine etwas merkwürdige Beziehung. Ob es auch ein intimes Verhältnis gab, wissen wir nicht", berichtet der Leitende Oberstaatsanwalt Pfleiderer - und fügt hinzu: "Sie hat ihn im Zweifel mehr gemocht, als er sie." Am 5. Mai 2003 macht ein Spaziergänger bei Bad Essen (Landkreis Osnabrück) einen grausigen Fund - im Mittellandkanal treibt der stark verweste linke Arm einer Frau. Auf einem Finger der Hand steckt ein Goldring. Nach einem genetischen Abgleich und einer kriminaltechnischen Untersuchung steht fest: Das Körperteil gehörte Eva-Maria Bauer. Und: Eine Schiffsschraube dürfte den Arm vom Körper abgetrennt haben. Die Ermittler wissen nun: Die Vermisste muss tot sein. Grund: Eine solche Verletzung ist nicht mit dem Leben zu vereinbaren. Die Nachforschungen werden intensiviert, die Sonderkommission personell verstärkt, denn: Die Polizei schließt ein Tötungsdelikt nicht mehr aus. Ins Fadenkreuz der Kriminalisten gerät Martin. Der damals 45-Jährige war in Eva-Marias Wohnung. Das belegen Fingerabdrücke. Und er fährt ihren VW Jetta. Am 2. Dezember 2002 - also kurz nach dem spurlosen Verschwinden seiner Bekannten - hat er ihn auf seinen Namen zugelassen. Die Kripo nimmt den Mann unter die Lupe. Martin gibt an, er habe den Wagen schon am 20. August 2002 von Eva-Maria Bauer gekauft. Zum Beweis legt er einen Kaufvertrag vor. Doch die Unterschrift der Rentnerin wurde dilettantisch gefälscht. Der alte Mercedes, den Martin besaß, ist längst verkauft. Sehr zum Leidwesen der Mordermittler ist das Auto nach Afrika verschifft worden. "Spurentechnisch war das sehr schade", meint Polizeihauptkommissar Harald Mensching, seinerzeit Mitglied der Ermittlungsgruppe "Bauer". Die Beamten werden also niemals erfahren, ob in Martins Mercedes die Leiche von Eva-Maria Bauer transportiert wurde. Dann kommt heraus: Martin war auch im Besitz des Handys der Vermissten - er hat es seiner Nichte geschenkt. Und noch etwas macht Martin verdächtig: Eine Zeit lang hebt der Arbeitslose keinen Cent von seinem Konto ab. Er muss also an Geld gekommen sein. Hat er es womöglich in Eva-Maria Bauers Wohnung gefunden? "Es steht außer Frage, dass der seinerzeit in Verdacht geratene Schaumburger wusste, dass Frau Bauer tot ist", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt. "Warum hätte er sonst ihre Wertsachen verkaufen sol len?" Am 7. August 2003 nehmen Fahnder den Tatverdächtigen vorläufig fest. Doch Martin macht keine verwertbaren Aussagen. Er ist "emotions los" und "schwer zu durch schauen". Die Indizien, die gegen ihn sprechen, reichen für eine Mordanklage nicht aus. Und so wird Martin schon nach ein paar Stunden wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Ermittler bleiben ihm auf den Fersen. Sie hören sein Telefon ab, hoffen, dass er sich während eines Gesprächs verraten wird. Doch Martin ist entweder schlauer als gedacht oder nichtder Täter. Die Ermittlungen verlaufen im Sande. "Was bleibt", sagt der Leitende Oberstaatsanwalt, "ist ein tiefes Unbefriedigtsein darüber, dass wir einen Vermisstenfall, der vermutlich ein Kapitalverbrechen ist, noch nicht aufgeklärt haben." Die Leiche Eva-Maria Bauers wurde bis heute nicht gefunden. Dafür haben die Polizisten eine Erklärung: "Im Mittellandkanal gibt es viele Wollhandkrabben und Amerikanische Signalkrebse. Diese Tiere dürften die Tote aufgefressen haben", meint Hauptkommissar Mensching. Ein Mord ohne Leiche ist kaum aufzuklären; schon gar nicht nach so langer Zeit. Das wissen die Ermittler. Aber sie geben die Hoffnung nicht auf, den rätselhaften Fall irgendwann zu lösen. Ein mit der Hand geschriebener Brief, den die Polizei "vor noch gar nicht langer Zeit erhielt", könnte die Fahnder möglicherweise auf die Spur des Täters führen. In dem Schreiben wird der Name Eva-Maria Bauer genannt. "Irgendwann", sagt der Chef der Staatsanwaltschaft, "kriegen wir sie alle."



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