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Schweden-Produktion soll teilweise nach Bad Münder verlagert werden / Aber: Vorerst keine neuen Jobs

Ardagh: „Volle Auftragsbücher für dieses Jahr“

Bad Münder. Als vor einem Jahr die erste Wanne stillgelegt wurde, stand die Glashütte Bad Münder vor dem größten Aderlass ihrer Geschichte. 254 der bis dahin gut 400 Mitarbeiter wurde betriebsbedingt gekündigt. Seit der dritten und letzten Entlassungswelle im vergangenen September ist der zum irischen Ardagh-Konzern gehörende Standort auf eine 153-köpfige Restbelegschaft zusammengeschrumpft. Deren Zukunft sieht allerdings überraschend gut aus. „Die Auftragsbücher für 2010 sind voll“, sagt Betriebsratschef Hans-Georg Diekmann.

Autor:

Marc Fügmann

Die Konzentration auf die Herstellung von Glasverpackungen für die pharmazeutische Industrie, die in der Branche als Nische gilt, habe sich als richtig erwiesen. Das Geschäft sei hier deutlich stabiler als etwa im Bereich der Getränkeflaschenproduktion, wo bisweilen ein gnadenloser Preiskampf und Verdrängungswettbewerb herrscht. Profitieren konnte Ardagh zudem vom Pech eines Wettbewerbers. Als bei diesem eine Wanne abgebrannt war, übernahmen die Münderaner kurzfristig einen Teil der Produktion. Nachdem so unterm Strich schon das Ergebnis für 2009 besser als erwartet ausgefallen sei, konnte der heimische Standort im ersten Quartal dieses Jahres noch einmal deutlich beim Verkauf zulegen, bilanziert Diekmann.

Seinen Angaben zufolge will der Konzern nun noch Produktionskapazitäten aus Schweden an den Deister verlagern. Das Werk in Limared soll sich künftig auf Wodka-Flaschen beschränken und die Herstellung von Pharmazieglas an Bad Münder abtreten, wo diese Unternehmenssparte des Konzerns dann gebündelt und die Produktpalette um 30 Artikel erweitert würde.

Mindestens für die nächsten zwei bis drei Jahre sei der Standort damit gesichert, glaubt der Betriebsratsvorsitzende. Dass keine längerfristigen Prognosen oder gar Garantien möglich seien, liege an einer Vielzahl von Unwägbarkeiten, etwa mit Blick auf den asiatischen Markt. In China entstünden derzeit zahlreiche neue, große Glasproduktionsstätten. Welche Auswirkungen das auf Europa habe, könne derzeit niemand vorhersagen.

Was Diekmann beruhigt: „In den Standort Bad Münder wurde zuletzt noch einmal ganz erheblich investiert – über vier Millionen Euro. Alles ist gut in Schuss, größere Ausgaben sind damit erstmal nicht zu erwarten.“ Die Hütte aufzugeben, würde deshalb augenblicklich wirtschaftlich überhaupt keinen Sinn machen, ist er überzeugt. Allerdings gebe es derzeit auch keine Anzeichen dafür, dass eine der stillgelegten Wannen noch einmal in Betrieb genommen wird.

Schlechte Aussichten für jene 254 Beschäftigten, die im vergangenen Jahr ihren Job verloren haben. Von ihnen haben bislang gerade mal 32 einen neuen Arbeitsplatz gefunden. „Ein enttäuschendes Ergebnis“, bedauert Diekmann. Dass nicht mehr ehemalige Kollegen vermittelt werden konnten, sei offenbar vor allem der gesamtwirtschaftlichen Situation geschuldet.

Gut 130 Betroffene aus der ersten Kündigungswelle werden sich demnächst offiziell arbeitslos melden müssen. Am 30. April scheiden sie nach zwölf Monaten aus der im Zuge von Interessenausgleich und Sozialplan gegründeten Beschäftigungsgesellschaft aus. In eigens dafür angemieteten Räumen in Springe wurden sie im vergangenen Jahr von Fachleuten auf die Zeit nach Ardagh vorbereitet – etwa durch ein Bewerbungstraining und Qualifizierungsmaßnahmen. Während dieser Zeit wurde ihnen der alte Monatslohn in voller Höhe – einschließlich sämtlicher Zuschläge – weiter gezahlt.

Künftig reduzieren sich ihre Einkünfte auf die Höhe des Arbeitslosengeldes. Doch vorher werden immerhin noch die vom Betriebsrat ausgehandelten Abfindungen fällig – für langfristig Beschäftigte bis zu 165 000 Euro. Eine Rückkehr zur Glashütte ist in absehbarer Zeit dagegen unwahrscheinlich.



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