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Flüchtlinge in St. Nikolai: Kinder wagen sich am schnellsten vor / Marktbummel mit Bürgermeister

Ansturm auf Puppen und Rasseln

Rinteln. „Ja kommt denn keiner?“, fragten sich Superintendent Andreas Kühne-Glaser und Bürgermeister Thomas Priemer vor dem Eingang der Kirche St. Nikolai. Um 16 Uhr drängten sich noch Hunderte vor der Marktplatzbühne, um den singenden Kindern der Grundschule Süd zu lauschen, aber wo waren die Flüchtlinge, die von der Stiftung für Rinteln und der Kirchengemeinde zur Begegnung im Advent in die Stadtkirche eingeladen waren? Eine Ansage vor der Bühne, das Ende des Bühnenprogramms nach mehreren Zugaben, und schon setzten sich die ersten Familien in Bewegung.

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Autor:

Dietrich Lange

„Das reicht doch nicht“, meint Kühne-Glaser im Gotteshaus, doch dann ging die Tür kaum noch zu. Um 16.15 Uhr sitzen schon an die 100 Eltern und Kinder sowie viele junge Männer im Gotteshaus. Doch nun fehlt ein Dolmetscher. Kurz darauf ging es los.

„Wir wollen Ihnen erzählen, wer wir sind und welche Geschichten wir in dieser Kirche hören“, erklärt Pastorin Sabine Schiermeyer. Priemer ergänzt: „Es ist jetzt die Zeit, wo wir alle näher zusammenrücken, uns etwas Ruhe gönnen und zur Besinnung kommen.“ Kaum Reaktionen in den Gesichtern der Menschen vom Balkan, aus dem Orient und Afrika. Also muss es die Musik richten. „Wir werden mit Frau Brinkmann singen“, kündigt Kühne-Glaser an. Es folgt ein südafrikanisches Lied mit dem einfachen Text „Geht in Frieden, das Licht erleuchtet die Nacht“. Kantorin Daniela Brinkmann singt vor, beim etwa fünften Mal bewegen einige Flüchtlinge zaghaft die Lippen.

Kühne-Glaser erklärt, dass St. Nikolai 2800 Gemeindeglieder habe, Kirche nicht nur Gebäude, sondern auch Gemeinschaft im Glauben sei. „Jeden Sonntag um 10 Uhr ist hier Gottesdienst, und jeder kann kommen. Heute feiern wir mit Ihnen nicht, weil wir Ihre Religionen respektieren. Aber nächste Woche feiern wir hier das größte Fest der Christen.“

Erst als Schiermeyer nun mit Puppen die Weihnachtsgeschichte erzählt, kommt Bewegung in die Gesichter. Kinder dürfen nach vorne kommen und die Krippenszene mit den orientalischen Puppen vervollständigen. Das Kuschelkamel wollen sie fast gar nicht mehr loslassen. Und als Brinkmann dann für die Kinder Instrumente wie Rasseln, Triangel und Tamburin ausgibt, bricht der Bann. Die Kinder umringen die Kantorin, greifen, was sie bekommen können, und schon bald bimmelt und rasselt es wild durcheinander im Kirchenschiff. Noch einmal Singen, noch mal ran an die Puppen, noch ein Lied auf der Orgel hören, und schon wird zum Aufbruch geblasen.

„Wir haben Süßigkeiten im Eingang vorbereitet“, verkündet Priemer, und wenige Sekunden später bricht der kleine Tisch mit Schokoladenfiguren unter dem Ansturm der Kinder zusammen. Die Erwachsenen bittet Priemer nun zu einem Bummel über den Weihnachtsmarkt. „Hier gibt es Glühwein, mit und ohne Alkohol“, führt er in die kommerzielle Seite der Vorweihnachtszeit ein. Zumindest für die Muslime unter den Männern ist das auch nicht der Bringer, aber man will sich ja erst kennenlernen.

Kühne-Glaser zieht vorsichtig Bilanz: „Das Wichtigste ist, dass sie gekommen sind und erlebt haben, dass diese Kirche für sie offen ist.“ Drinnen zücken die Flüchtlinge nun Smartphones, machen Selfies mit oder ohne Superintendent und bestaunen die vielen alten Bilder. Ob sie Weihnachten wiederkommen?

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