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Verlobung und Ehegelöbnis in Schaumburg vor langer Zeit

„Anneke, wutt Du meck?“

Anneke, wutt Du meck (willst du mich), oder wutt Du meck nich?“, soll Ludolf von Münchhausen aus Hessisch Oldendorf vor gut 400 Jahren seine Auserwählte, Anna von Bismarck, bei einem Besuch auf dem Rittergut von deren Vater gefragt haben. Die damals 15-Jährige zögerte einen Moment, dann sagte sie „Ja“. Die Verlobung war besiegelt. Kurze Zeit später, am 19. Mai 1600, wurde Hochzeit gefeiert. Die Ehe der jungen Dame aus Sachsen-Anhalt mit dem doppelt so alten Sprössling der weitverzweigten heimischen Adelsdynastie wird als glücklich beschrieben. Das Paar bekam 18 Kinder. Nebenher fand der hochgebildete und weit gereiste Gatte noch Zeit, eine große und berühmte Bibliothek zusammenzutragen. Sie galt mit ihren 13 bis 14 Tausend Einzelbänden und kostbaren Handschriften als umfangreichste Büchersammlung des Deutschen Reichs. Ein Teil des Bestandes kam der seit 1621 in Rinteln ansässigen Universität zugute.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Liebe auf den ersten Blick

Ob und wie die Zeitgenossen über das kurz entschlossen verabredete Ehegelöbnis von Ludolf und seiner Anneke dachten, ist nicht überliefert. Vermutlich nahmen sie die von beiden selbst bestimmte und offenbar durch „Liebe auf den ersten Blick“ ausgelöste Partnerwahl nicht ohne Wehmut zur Kenntnis. Das Gros der damals hierzulande lebenden jungen Leute hatte solche Möglichkeiten nicht. Den künftigen Lebenspartner aussuchen durften nur wenige. Mädchen bekamen den künftigen Herrn und Gatten in aller Regel vorgesetzt. Und auch mit dem Entscheidungsspielraum des männlichen Nachwuchses war es nicht sonderlich gut bestellt. Die Jungs hatten zwar mehr Bewegungsspielraum und konnten sich ungehemmter austoben, waren letzten Endes aber meist ebenfalls an familiäre und/oder ständische Vorgaben gebunden. Prinzen und andere männliche Adelstitelträger wurden schon früh auf Brautschau-Reisen („Kavalierstouren“) geschickt. Die Kinder der Untertanen sollen oft und gern von deren Vätern beim Kirchgang „verschachert“ worden sein.

Angesichts solcher Verhältnisse lagen Wünsche nach einem Märchenprinzen oder einer Traumfrau außerhalb jedweder Vorstellungskraft. Stattdessen waren Duldsamkeit und Hoffnung auf einen fleißigen, friedfertigen Ehemann oder auf eine gesunde und gebärfreudige Ehefrau angesagt. Wenn es gut lief, stellte sich das, was heutzutage Liebe genannt wird, irgendwann und irgendwie von selbst ein. Jedenfalls sollen die einst hierzulande lebenden Leute nach Aussage der Geschichtsforscher und Sozialwissenschaftler nicht erkennbar unzufriedener und unglücklicher als unsereiner gewesen sein.

Sobald sich nach der ersten Annäherungsphase eine dauerhafte Beziehung abzeichnete, war ein Eheverlöbnis fällig. Das war (und ist) eine mehr oder weniger verbindliche Willensbekundung der jungen Leute, in absehbarer Zeit vor den Traualtar zu treten. Lange Zeit diente das Zeremoniell vor allem dazu, die angehenden Bräute vor unliebsamen Überraschungen zu bewahren. Ein böses Erwachen drohte besonders denjenigen Mädchen, die dem verführerischen Werben ihrer Verehrer nicht hatten widerstehen können und „in Schande gefallen“ waren. Ihr Marktwert und ihre Chancen auf eine standesgemäße Heirat waren für immer dahin. Im Laufe des Mittelalters wurden die Eheverlöbnisse auf Druck der Eltern immer öfter zur Regelung praktischer und handfester Dinge wie Mitgift, Wohnrechtoder Erbansprüche genutzt. Der Volksmund sprach von „Eheberedungen“. Nicht immer scheint es dabei vorrangig um das Wohl des jungen Paares gegangen sein. Im Gegenteil. Den überlieferten Akten zufolge wurde das Gespräch gern und oft von Schwiegermüttern, Geschwistern und anderen Verwandten dazu genutzt, das eigene Süppchen zu kochen. Kein Wunder, dass es anschließend immer wieder zu Streitereien und gerichtlichen Auseinandersetzungen kam. Die Beweislage war meist kompliziert und schwierig. Hinzu kam, dass die Gutachten und Deutungen der katholischen Amtskirche zum lateinischen Begriff „sponsalia“ (Versprechen) für Laien nur schwer nachvollziehbar waren. Nicht umsonst wertete Luther die zuweilen spitzfindig wirkenden Textauslegungen als „Narrenspiel mit Worten“.

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„Klassische“ Verlobungsanzeige in der Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung aus der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts.

So kam es, dass es vor allem in den zum Protestantismus übergetretenen Ländern schon bald erste Versuche gab, die Eheverlöbnisse verständlicher, gerechter und „gerichtsfester“ zu machen. Dazu gehörte vor allem die Auflage, die „Beredungen“ in Schriftform zu fassen. In Schaumburg war es 1594, also vor 420 Jahren, soweit. Der damalige Landesherr Graf Adolf XI. (1547-1601) setzte eine „Verordnung, die Eheverlöbnisse in den Städten und auf dem Lande betr.“ in Kraft.

„Die tägliche Erfahrung bezeuge, dass, „wann Eheberedung gehalten, daß (diese) dann von dem einen oder andern in Zweifel gezogen und eine Abdankung zu Werk gestellet“ werde, so die Begründung. Das wiederum führe dazu, „daß nicht so göttlich und christlich von der heiligen Ehe wird gehalten, als sich gebühret“. So komme es immer wieder zu „leichtfertigem Umgang mit den Ehehändelen“ und zur „Verwirrung gar vieler Gewissen“. Zur „Verhütung solches Unraths“ sei es „für nötig erachtet, hierüber eine gewisse Form und Ordnung zu begreifen“.

Die Adolfsche Eheverlöbnis-Ordnung

Dazu gehörte aus Sicht der landesherrlichen Regierung nicht zuletzt eine sachkundigere Zusammensetzung des Familienrates. Da das Gros der Leute nicht rechnen und schreiben konnte, sah die Neuregelung unter anderem die Teilnahme neutraler Sachverständiger vor. „Wenn Leute fürhaben (vorhaben), Ehehändel zu tractiren, sollen sie dazu erfodern erst die Eltern, da die leben, oder da dieselben nicht vorhanden, die Vormünder und nächsten Verwandten und Freunde“, heißt es in der Adolfschen Eheverlöbnis-Ordnung. „Desgleichen zwo oder drey Personen außen (aus dem) Rath und den Stadtschreiber, da es ihnen auch gefällt, einen der Pastoren dazu erbitten“.

Der auf diese Weise „richtig traktiret, beschlossen und zu Buch gebrachte Ehehandel“ wurde im Laufe der folgenden Jahrhundert des Öfteren ergänzt, angepasst und neu gefasst. Heute ist das Thema „Eheverlöbnis“ bekanntlich im Bürgerlichen Gesetzbuch geregelt.

Für gewaltiges Aufsehen bei den damaligen Zeitgenossen sorgte dieses Verlobungsfoto von König Ludwig II. von Bayern und seiner Braut Prinzessin Sophie, einer Schwester der Kaiserin Elisabeth von Österreich. Die für den 30.1.1867 angekündigte Feier soll ein spontaner Einfall des eigenwilligen Monarchen gewesen sein. Zur Hochzeit kam es jedenfalls nie. Ludwig wurde ein Hang zum männlichen Geschlecht nachgesagt.




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