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Andere Generation – andere Spiele

Werden heutige Kinder im Alter von zehn bis zwölf Jahren nach ihren Lieblingsspielen befragt, dann sind es PC- oder Spielkonsolenspiele, die sie an erster Stelle nennen. Das können Rollenspiele wie die „Sims“ sein oder Strategiespiele, in denen man Weltreiche aufbaut und verteidigt. Im Trend liegen auch „Ballerspiele“, in denen Zombies gejagt, Raumschiffe abgeschossen oder feindliche Fantasiearmeen besiegt werden.

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Ganze Abenteuergeschichten kann man virtuell am Computer erleben, indem man darin die Hauptrolle übernimmt; man kann Bauernhöfe aufbauen, Autorennen fahren oder sich über das Internet mit anderen Kindern zusammenschließen, um gemeinsam in derselben virtuellen Welt zu spielen und sich dabei auch aus der Ferne zu unterhalten. Wie anders sieht es da aus, wenn man frühere Generationen nach ihren Kindheitsspielen befragt:

Wilhelm Wehrhahn, geboren 1932, Hameln:

„Wir hatten so viel Zeit, uns auszutoben, so unendlich viel Freiraum in diesem Jahr nach dem Krieg, als ich 12, 13 Jahre alt war. Viele unserer Väter waren gefallen oder noch nicht aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, die Erwachsenen versuchten, Essen für die Familie aufzutreiben und wir Kinder eroberten uns die Welt auf eine Weise, bei der es ein Wunder ist, dass wir es überlebten. Eines unserer Lieblingsspiele bestand darin, Munition zu suchen und zu finden, die Patronen in einen Schraubstock zu spannen und dann mit dem Hammer draufzuhauen. Und natürlich wussten wir, auf welchem Abstellgleis am Bahnhof der Munitionszug stand. Wir klauten Panzerfäuste – wie man damit umgeht, wussten wir fast alle aus der Pimpfzeit in der Hitlerjugend – und dann schossen wir Telegrafenmasten um. Wir streunten überall auf den Wiesen und Äckern herum, und wir angelten, obwohl es verboten war, weil die Engländer sämtliche Forellenbäche als ihr privates Angelgebiet reklamiert hatten. Ich habe Stunden und Stunden schwarz geangelt, natürlich auch, weil meine Mutter so glücklich über jede Ausbeute war. Ja, doch, wir spielten auch Schlagball oder sehr gerne Räuber und Gendarm, auch die Mädchen mit dabei, aber die meisten unserer Spiele waren irgendwie – Kriegsspiele.“

Elfriede Westermann, geboren 1936, Auetal:

„Der Krieg war nicht direkt ins Auetal gekommen, ich kann mich nicht erinnern, dass ich das Kriegsende als solches bemerkt hätte. Aber dieses Gefühl, dass wir ,nichts hatten‘, das vergesse ich nicht, und das bezog sich in gewisser Weise auch auf das Spielen, auf Spielzeug – wir hatten einfach keines. Einmal schickte unser Vater, der als Soldat in Frankreich war und den wir eigentlich kaum kannten, ein Paket mit einem Ball zum Aufpumpen. Das war eine Sensation, denn ich liebte Ballspiele, aber fast niemand besaß einen. Ich nahm den Ball mit in die Schule, ich spielte allein ,Ball gegen die Wand‘ und habe ihn auch nach dem Krieg noch lange in Ehren gehalten. Und Kartenspiele, Schwarzer Peter mit der Großmutter und etwas später auch Doppelkopf, da musste unsere Großmutter immer ran. Wann immer es ging, fuhren wir von der einsamen, abgelegenen Wierser Landwehr, wo wir wohnten, nach Schoholtensen, um andere Kinder zu treffen. ,Hinkeln‘ war ein gutes Spiel, dieses Hüpfspiel, wo man einen Stein in aufgezeichnete Felder wirft, Gummitwist natürlich auch, und wir kletterten in Bäume, auch ich, wie ein Junge, und wenn dann ein Kleidungsstück zerrissen war, gab es großen Ärger, denn – wir hatten ja nichts, fast nichts.“

Karl-Heinz Thenhart, geboren 1956, Rinteln:

„Ich war vielleicht ein untypisches Kind, im Nachhinein komme ich mir fast ein bisschen autistisch vor, wenn ich an das Spielen in meiner Kindheit denke, so sehr habe ich mir eigene kleine Parallelwelten geschaffen. Da waren zum Beispiel meine Mainzelmännchen, ich besaß sie alle: Anton, Berti, Conni, Det, Edi und Fritzchen. Die bildeten meine Fußballmannschaft, die gegen Stofftiere und andere Figuren antreten musste. Sorgfältig notierte ich alle Spielergebnisse, es war eine richtige Bundesliga mit Hin- und Rückrunden, und ich wusste vorher nie, wie ein Spiel ausgehen würde. Auch Olympische Spiele inszenierte ich so. Drei Sparschweine, sie hießen Trotzi, Trotzele und Supertrotzi, waren meine Stabhochspringer. Sie landeten immer auf den vorderen Plätzen, gewonnen hat aber jedes Mal der kleine blaue Gummidelphin. Und dann die Hitparade! Ich hörte schon als kleiner Junge ständig Radio, BBC, und kannte Lieder, die bei uns erst viel später berühmt wurden. Meine Teddys haben gesungen und kamen in die Charts, aber der Renner war eine Eigenkomposition, die Bär Bubu sang: ,Tulpen und Rosen schmecken ja so gut.‘“

Helge Heinke-Nülle, geboren 1956, Rinteln:

„Meine Kindheit war wirklich sehr behütet. Wir wohnten in Gießen und draußen herumtoben und wilde Spiele spielen, das habe ich kaum gemacht. Im Hof gab es einen großen Sandkasten, da, in geschützten Mauern, trafen sich meine große Schwester und ich mit den Kindern des Hauses. Wir spielten leidenschaftlich gern Vater-Mutter-Kind. Überhaupt, die Rollenspiele. Am liebsten versteckten wir uns hinter dem Kasperletheater mit den langen Vorhängen und waren ,Arme Kinder im Wald‘, also wir stellten uns vor, dass wir uns verirrt hätten und nichts zu essen fanden und frieren mussten, ich weiß nicht, warum wir diese Fantasie so liebten. Meine Puppen, die waren mir auch sehr wichtig, die Puppenhochzeit, ja, ich besaß eine wunderschöne Puppe, die ein prächtiges Hochzeitskleid trug. Immer wollte ich später auch so schön heiraten wie meine Puppe, aber dann waren wir nur ganz nüchtern auf dem Standesamt. Macht nichts, war doch ein toller Mädchentraum.“

Robert Nitsche, geboren 1981, Rinteln:

„Wir wohnten oben an der englischen Schule, wo mein Vater als Hausmeister arbeitete. Ihm habe ich sehr oft geholfen, auch sehr viel von ihm gelernt, und außerdem musste ich ziemlich viel für die Schule tun, oder sagen wir so, ich brauchte immer schrecklich lange für meine Schularbeiten. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich kaum an Spiele aus der Kindheit erinnere. Ja, Verstecken auf dem riesigen Schulgelände, daran erinnere ich mich. Aber ich war nicht gut darin, ich wurde meistens schon als Erster gefunden. Doch, ach ja, Basketball, das war auch gut, auf dem Schulhof gab es ein Spielfeld mit zwei Körben. Aber meistens saß ich drinnen, und wenn es irgendwie ging, schnappte ich mir die Playstation und fuhr Autorennen, GranTurismo hieß das Spiel, da musste man sogar vorher einen Führerschein bestehen. Ich habe andere Kinder oft beneidet, weil sie draußen spielen durften, und ich nur so selten.“

Ulrike Hidding, geboren 1980, Rinteln:

„Ich ging oft mit meinem Vater und meiner kleinen Schwester in den Zirkus, ich liebte den Zirkus und auch das Zirkusspielen. Die anderen mussten herumhüpfen und ich war der Direktor. Wenn wir das Programm geplant und die Arena vorbereitet hatten – zwei meiner Freundinnen machten auch noch mit – riefen wir die Mütter zusammen und präsentierten unsere Vorstellung, nicht ohne dass Eintritt gezahlt werden musste, ja, der Eintritt war ein nicht unerheblicher Reiz am Spiel, die beste Methode, an ein paar Mark für Süßigkeiten ranzukommen. Außerdem nahm ich Kassetten auf, mit nachgesungenen Werbesprüchen. Werbung faszinierte mich! Wir durften nur wenig fernsehen, und ich entschied mich dann immer für ,Ein Heim für Tiere‘, weil es da die längsten Werbeblocks gab. Ich kannte alle Jingles auswendig und sang ins Mikrofon: ,Er kommt von Weitem übers Meer und bringt uns unsren Fisch hierher.‘“

Heute beginnt mit den internationalen Spieltagen „SPIEL“ in Essen die weltweit größte Publikumsmesse für Gesellschaftsspiele. Das Angebot ist immens. Zwischen aktuellen Spielen und Spielen von „damals“ liegen aber Welten. Wir haben uns umgehört, wie sich das Freizeitverhalten von Generation zu Generation verändert hat.

Auf dem Schulhof in den 60er Jahren: Mädchen spielen Gummitwist. Seit Generationen ist Gummitwist ein beliebtes Kinderspiel. Alles, was man dafür braucht: ein paar zusammengeknüpfte Hosengummis.

Foto: Archiv/dpa




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