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In Hameln besuchte der Autor Ernst Jünger ab Ostern 1912 die Schule – und nicht wenige Kneipen

An fröhliche Bierabende erinnerte er sich gern

Hameln. Die königliche Eisenbahndirektion hat zwischen Hameln und Hannover Sonderzüge eingesetzt. Schon Wochen vor dem Osterfest 1912 wirbt sie dafür in der Deister- und Weserzeitung. Wegen der milden Frühlingswitterung wird an den Osterfeiertagen starker Reiseverkehr erwartet. Dass es dann hagelt und graupelt und friert, mag der Eisenbahnverwaltung das Geschäft vermiest haben. Einer, den es trotz des winterlichen Wetters mit Sack und Pack in die Rattenfängerstadt zieht, ist Ernst Jünger. Hier hat er einen wichtigen Termin an der Gröninger Straße: An der Oberrealschule und dem Gymnasium muss er am letzten Ferientag zur Aufnahme antreten. Um 9 Uhr treffen sich die neuen Schüler in der Aula. Im Gepäck hat der 17-Jährige seine Geburtsurkunde und den Taufschein, den Impfschein und ein Abgangszeugnis seiner Wunstorfer Schule. Ob Jünger an diesem Morgen wohl pünktlich ist? Immerhin interessiert er sich für kaum etwas weniger als für die Schule.

Autor:

Julia Marre

In vielen seiner Romane erinnert sich der Schriftsteller später an seine Jugend. Auch Hameln, die Stadt, die für ihn wie keine andere Inbegriff des Mittelalters ist, erwähnt er immer wieder. Das autobiografische Schreiben kennzeichnet Jüngers umfangreiches Werk. Der Schriftsteller und Insektenkundler, am 29. März 1895 in Heidelberg geboren und am 17. Februar 1998 im baden-württembergischen Riedlingen gestorben, veröffentlicht 1920 seinen Roman „In Stahlgewittern“, der auf seinen Tagebüchern aus dem Ersten Weltkrieg basiert. Schon das Debüt polarisiert: „Weder die Nationalsozialisten noch ihre Gegner konnten etwas damit anfangen“, sagt Jünger Jahre darauf. Dennoch: Der Roman avanciert während der NS-Zeit zum Hausbuch, verkauft sich bis 1942 rund 185 000 Mal. Sein Essay „Der Arbeiter“ bringt ihm 1932 den Ruf als Faschist ein. Ein Reichstagsmandat lehnt Jünger allerdings nicht nur einmal harsch ab. Etliche Hausdurchsuchungen durch die Nazis lässt er über sich ergehen und flüchtet sich in die innere Emigration. Daraus, dass dem nationalen Denker Antisemitismus und die Massenmobilisierung durch die NSDAP zuwider sind, macht er kein Geheimnis. Auch kritisiert er zunehmend das Hitlerregime – was zu einem Publikationsverbot führt. Dass ihn Kritiker aufgrund seines radikalen Frühwerks als Wegbereiter des Nationalsozialismus betrachten, kommentiert Jünger 1995 nonchalant: „Man sucht nach dem braunen Staub, als ob es Goldkörner wären.“

Jünger selbst sucht schon als Jugendlicher nach etwas anderem: nach Abenteuern, wie er sie aus Karl Mays Romanen kennt. Seine große Leidenschaft ist die Literatur, auch unternimmt er gern Streifzüge durch die Natur. 1910 erkundet er als Mitglied der Wunstorfer „Wandervögel“ das Weserbergland, marschiert durch Porta Westfalica, Bückeburg und Stadthagen. Das Landstreicher-Dasein fasziniert ihn.

Tatsächlich ist der jugendliche Jünger in Deutschland viel herumgekommen: Bis 1914 soll er wegen seiner miserablen Leistungen neun verschiedene Bildungsanstalten kennenlernen. Die Hamelner Schule bleibt nicht seine letzte Station. Wohl aber eine, die ihn nachhaltig prägt. Während seine Eltern in Rehburg leben, kommt Jünger auf dem Hamelner Redenhof unter, im Jungenpensionat des Pastors Hase. Seiner Mutter schreibt er am 25. April 1912: „Hier ist es sehr warm, nach der Schule gehe ich immer erst in mein Eisstammlokal.“

3 Bilder
1910: mit den „Wandervögeln“ – Jünger als zweiter von rechts.

Auf den ersten Blick scheint es, als habe Jünger bald Anschluss gefunden: „Wir vier Redenhofer haben vorigen Dienstag den Pipenclub Ambrosia gegründet der auf der Redenhofer Mauer tagt und schon 20 Mitglieder hat. Wir sitzen immer auf unserer Mauer, da auf den öffentlichen Wegen von Hameln das Rauchen verboten ist.“ Nicht nur hier sucht er die Gesellschaft Gleichaltriger; Jünger tritt in den Ruderclub der Oberrealschule, den RCOR, ein. Doch der introvertierte Junge bleibt ein Außenseiter. Den Sportverein nennt er einen „Rowdyclub“ – wegen ausufernder Kneipentouren. „Zum Rudern spürte ich wenig Neigung“, schreibt er 1970 in seinem Roman „Annäherungen. Drogen und Rausch“. „Meine Tätigkeit beschränkte sich auf Kajakfahrten in den Zuflüssen der Weser und auf das Baden am Bootshaus, vor dem ich lungerte.“ Mehr gereizt habe ihn die „Fröhlichkeit der Bierabende“: Getrunken habe er demnach „regelmäßig und methodisch“. „Einmal in der Woche war Kneipe im ‚Bremer Schlüssel‘, einem renommierten Haus.“ Bis 23 Uhr bleibt er mit Klassenkameraden dort, kehrt angeheitert in seine Pension zurück. „Späteres Heimkommen verstieß gegen die Schulordnung.“

Diese Verstöße sind Jünger jedoch keineswegs fremd. Nachts spaziert er, obwohl es ihm verboten ist, allein über den Stadtwall. Wenige Monate nach seiner Ankunft in Hameln soll er einem Mitschüler „in der Klassenarbeit behüflich“ gewesen sein. Nachsitzen ist erneut die Strafe. Außerdem ist von einer „Tintenfaßaffäre“ die Rede. Jüngers Klassenlehrer Trobitius, genannt „Trobbi“, mahnt nicht nur diese schriftlich bei den Eltern an.

In der Schule „vergehen oft Stunden, in denen ich gar nicht ankomme“, gesteht Jünger seiner Mutter. Kein Wunder, liest er doch während des Unterrichts unter seinem Pult Abenteuerromane und verfasst mit Reisenotizen die Vorform des Tagebuchs – jener Literaturgattung, die er später perfektioniert. Auch einen Dewezet-Artikel soll er zu dieser Zeit geschrieben haben: über einen Fasan, der in die Schule geflogen kam.

Jünger rebelliert leise. Zwischen Mathe-Nachhilfe und Nachsitzen träumt er von der großen Revolte. Als er ein Buch über die Fremdenlegion liest, ist er begeistert. In seinem Roman „Die Afrikanischen Spiele“ schildert er seine Flucht, die nur einen Zweck hat: der Schule zu entkommen. Seine abenteuerliche Reise beginnt an einem nebelverhangenen Novembernachmittag 1913. Jünger kauft sich in einem Trödlerladen einen sechsschüssigen Revolver mit Munition. Er fährt nach Verdun, wo er sich zur Fremdenlegion meldet. Nach mehrwöchigen Eskapaden in Nordafrika holt ihn sein Vater zurück nach Deutschland.

Nach Hameln kehrt Jünger nun nicht mehr zurück. Doch dass seine Zeit in der Rattenfängerstadt ihm lebhaft in Erinnerung ist, wird anhand seiner Tagebucheinträge deutlich. 2010 werden seine Kriegstagebücher posthum veröffentlicht. Jünger, der im Ersten Weltkrieg an der Westfront kämpft, denkt beim Anblick der vielen Ratten und Mäuse in den Schützengräben an die Weserstadt zurück. Hier sei es „schlimmer wie wohl je in den Mauern von Hameln“, notiert er im Oktober 1915. Doch nicht nur Nagern begegnet er in Belgien und Frankreich, sondern auch alten Bekannten: Leutnant Löwen, den er vom Ruderclub kennt, und Leutnant Greve, der ihn „katzenfreundlich begrüßte“.

Am 24. Oktober 1916 blättert Jünger aus Langeweile im Namensverzeichnis seiner Kompanie – und stößt auf Wilhelm Friedrich Christian Gümpel. „Donnerwetter, verdammte Schweinerei, so spielt das Leben“, schreibt Jünger. Er erinnert sich an „wilde Szenen aus dem Schwarzen Bären in dem uralten Hause der Baustraße“, einem berüchtigten Bordell, dessen Besuch Gümpel eine Vorstrafe eingebracht hat. Wie das Leben „die Menschen zusammenbringt, sie auseinanderreißt, wieder zusammenbringt durch Wechsel von Zeit und Raum, das ist spannend und hoch dramatisch“, notiert Jünger. Wenige Tage später trifft er am Bahnsteig auf Gümpel, der ihm erzählt, dass seine jüngeren Brüder gefallen seien. Keine zwei Monate darauf erliegt auch Gümpel im Feldlazarett einem Beinschuss.

Jünger hingegen hat Glück: Er kommt mit sieben Verwundungen und dekoriert mit dem „Pour le Mérite“ aus dem Krieg heim. Literarisch versucht er, die schaurigen Erlebnisse zu verarbeiten. Jahrzehnte später schreibt er: „Die Schule hängt mir immer noch nach, viel intensiver als das Militär.“ Und rekonstruiert 1973 – 78-jährig – in „Die Zwille“ seine Schulzeit.

Tanzstundenfeste und erste Liebschaften,

Ruderclub-Ausflüge und Kneipentouren prägen Ernst Jüngers Hamelner Zeit. Anderthalb Jahre lang ging der spätere Schriftsteller hier zur Oberrealschule, ins heutige Schiller-Gymnasium. In seinen Kriegstagebüchern denkt er lebhaft ans Weserbergland zurück.




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