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Arbeit wandelt sich, mit ihr auch die Gewerkschaften / Ein Rückblick auf Schaumburgs Arbeiterbewegung

An Fahrt verloren

Früher war mehr Gewerkschaft – diese frei nach Loriot verfasste Aussage trifft auf den Landkreis Schaumburg durchaus zu. 300 Menschen gingen im April dieses Jahres auf die Straße, um gegen den Stellenabbau bei Faurecia zu demonstrieren. Als die Schließung der Schaumburger Bergwerke vor knapp 55 Jahren bevorstand, protestierten 3000 „Kumpel“ in Stadthagen.

Autor:

Guido Scholl, Stefan Rothe und verena Insinger

Doch die Arbeitnehmerorganisationen sind auf der anderen Seite keineswegs handzahm geworden. Nach wie vor treten sie auch im Schaumburger Land mit Nachdruck für die Belange ihrer Mitglieder ein, wie die Auseinandersetzung um die geplanten Stellenstreichungen beim Automobilzulieferer Faurecia zeigen.

Dennoch: Die Arbeiterbewegung hat in den zurückliegenden Jahrzehnten etwas an Fahrt verloren. DGB-Regionssekretär Steffen Holz macht dies mit den Umstrukturierungen bei den Gewerkschaften selbst deutlich. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts sei die IG Bergbau noch die größte Gewerkschaft in der Region, die später zum Landkreis Schaumburg wurde, gewesen. Mittlerweile ist sie hier praktisch verschwunden. Bergleute gibt es keine mehr. Die IG Bergbau ging in den neunziger Jahren in die IG Bergbau, Chemie, Energie (BCE) über. Die Glashütte in Obernkirchen ist heute wohl der größte Arbeitgeber im Landkreis mit einer nennenswerten Anzahl an IG-BCE-Mitgliedern. Auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hat Holz zufolge stark an Mitgliedern verloren, allein schon wegen des Coca Cola-Weggangs. „Das ist keine Massenbewegung mehr“, so Holz.

In den sechziger Jahren überflügelte die IG Metall die IG Bergbau, weil einige größere Betriebe in den Landkreis geholt wurden. Otis und Alcatel nennt Holz als Beispiele. Doch beide sind wieder verschwunden. Bis heute ist die IG Metall die mitgliederstärkste Gewerkschaft im Landkreis.

Deren Erster Bevollmächtigter für den Bereich Nienburg-Schaumburg, Thorsten Gröger, räumt ein, dass auch die IG Metall Mitglieder verloren hat. Dies gehe einher mit dem Wegfall großer Arbeitgeber und Stellenstreichungen. Dennoch sieht Gröger die „Metaller“ weiterhin gut organisiert. Zahlen möchte er zwar nicht nennen, weil sich Gewerkschaftler ungern von den Arbeitgebern in die Karten schauen lassen möchten. So viel sei aber sicher: In den maßgeblichen Betrieben ist die deutliche Mehrheit der Belegschaft in der IG Metall Mitglied. Die Bedeutung der Arbeitnehmervertretungen ist Gröger zufolge ungebrochen bedeutend. „Es ist doch klar, dass man mehr erreicht, wenn man Interessen bündelt, als wenn jeder für sich allein kämpft. Dann erreicht man nämlich gar nichts“, betont der Funktionär. Dieser bewertet auch die Tarifstandards in seinem Zuständigkeitsbereich als Zeichen des Erfolgs seiner Organisation: anständige Entgelte, 31 Tage Urlaub pro Jahr und Urlaubsgeld sowie Sondervergütungen. Dass auch die IG Metall nicht alle ihre Interessen durchsetzen kann, sei klar. „Das war aber auch früher nicht anders“, so Gröger. Einem Privatunternehmer könne letztlich niemand vorschreiben, was er mit seinem Geld macht. Mit dem Tarifabschluss in 2012 – 4,3 Prozent Lohnerhöhung – ist Gröger aber zufrieden.

Wenn bei Mai-Kundgebungen in den Sechziger- und Siebziger Jahren auf dem Marktplatz in Stadthagen die Gewerkschaftsfahnen flatterten, „waren meist mehr als 1000 Teilnehmer da“. Daran erinnert sich der Stadthäger Friedel Schirmer (87), der dabei als damaliger SPD-Bundestagsabgeordneter oft als Redner aufgetreten ist.

„Allein beim Autositzhersteller Rentrop – heute Faurecia – waren damals weit über 2000 Leute beschäftigt“, rechnet Hartmut Kachel (68) vor, „dazu kamen insgesamt weitere rund 2000 in den Werken von Otis und Kabelmetall“. Diese Basis habe speziell die IG Metall damals zu einer sehr einflussreichen politischen und gesellschaftlichen Kraft in Schaumburg gemacht, erzählt der frühere Schaumburger IG-Metall-Gewerkschaftssekretär. „Seitdem ist es bis heute im Grunde langsam, aber kontinuierlich weniger geworden.“

Mai-Kundgebungen habe es damals sogar in einem halben Dutzend Orten in Schaumburg gegeben, schilderte der frühere Bundestagsabgeordnete Ernst Kastning (74). Organisator war der DGB, der sogenannte Ortskartelle in Stadthagen, Bückeburg, Rinteln, Obernkirchen und Hagenburg hatte. „Die Mai-Kundgebung im Nordkreis beispielsweise war immer in einem prallvollen Gasthof in Düdinghausen, weil der Ortsbürgermeister sehr engagiertes Gewerkschaftsmitglied war“, erinnert sich Kastning. Die gewerkschaftliche Organisationsstruktur sei zu damaliger Zeit hier sehr dicht gewesen, schildert Kachel.

Der DGB-Kreisbezirk habe sowohl durch sein Büro in Stadthagen als auch mittels seiner Ortskartelle viele gewerkschaftsübergreifende Aktivitäten entfaltet. Auf diese Weise seien Mitglieder der damals noch zahlreich vor Ort präsenten Einzelgewerkschaften viel gemeinsam tätig gewesen. „Darunter waren viele gesellige Veranstaltungen wie etwa regelmäßige Wintervergnügen“, ruft Kachel in Erinnerung.

Das Verhältnis der Gewerkschaften und der SPD hat mit Einführung der Agenda 2010 unter Bundeskanzler Gerhard Schröder merklich gelitten. DGB-Chef Michael Sommer hat seitdem mehrfach öffentlich Kritik geübt.

Sozialdemokraten und Gewerkschafter haben im Hinblick auf die gemeinsamen Wurzeln in der deutschen Arbeiterbewegung, den gemeinsamen Gründungszielen und vergleichbaren Wertvorstellungen eine besondere Beziehung. Doch diese ist heute nicht mehr so eng wie vor 20 Jahren. „So weit ich die Wahlanalysen bewerte, war früher der Anteil der SPD-Wähler unter den Gewerkschaftsmitgliedern wohl höher als heute“, sagt Thorsten Gröger. Auch Wahlempfehlungen seitens der Gewerkschaften werde es – wie in den vergangenen Jahren – auch in Zukunft nicht geben, betont Schaumburgs IG-Metall-Chef .

SPD-Landtagsabgeordneter Karsten Becker aus Stadthagen widerspricht, dass Gewerkschaften in früheren Wahlen Empfehlungen ausgesprochen hätten. „Nach meiner Beobachtung machen Gewerkschaften ihre politischen Forderungen im Vorfeld von Parlamentswahlen publik und diskutieren diese dezidiert in der Öffentlichkeit. Selbstverständlich werden dabei übereinstimmende und trennende Positionen deutlich.“

Mit Blick auf die Zukunft ist Becker zuversichtlich, was die Beziehung der Gewerkschaften und der SPD betrifft: „Angesichts der unter Schwarz-Gelb dramatisch disparaten Entwicklung von Einkommen und Zukunftschancen – und zwar überwiegend zulasten von Menschen, die auf abhängige Beschäftigung angewiesen sind – wird das Maß an Übereinstimmung tendenziell zunehmen.“ Auf die Frage nach der Zukunft der Beziehung antwortet Gröger: „Die Gewerkschaften werden auch weiterhin eine eigenständige Politik betreiben und versuchen, die Parteien dafür zu gewinnen.“

Am 1. Mai ist „Tag der Arbeit“. Der DGB lädt zu Kundgebung und Familienfeier nach Stadthagen ein. Doch wie hat sich die gewerkschaftliche Präsenz in den vergangenen Jahrzehnten in Schaumburg entwickelt? Die Bilanz eines Trends.




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