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Ob in Möllenbeck oder in Heuerßen: Immer mehr Mädchen und Frauen zieht es in die Freiwilligen Feuerwehren

An den Brandherd, in eine Männerdomäne

Was jahrzehntelang kaum vorstellbar war, gehört heute zum Feuerwehr-Alltag: Seit den neunziger Jahren sind in Niedersachsen immer mehr Frauen auf den roten Einsatzwagen unterwegs, löschen Brände und retten Unfallopfer aus Autowracks Seite an Seite mit ihren männlichen Kameraden. Auch in Schaumburg folgen immer mehr „Funken-Mariechen“ dem Werbeslogan der Feuerwehr „Frauen an den Brandherd“ – und meistern ihren Alltag zwischen Arbeitsplatz, Familie und Gerätehaus.

Über Nachwuchsmangel – auch bei den Frauen – kann si

Autor:

Katharina Grimpe,Jan-Christoph PrüferUnd Jan Peter Wiborg

Die „nette Gemeinschaft“ war es, die Michaela Kutschker über ihren jüngeren Bruder Kontakt zur Jugendfeuerwehr in Hagenburg-Altenhagen bekommen ließ und die sie begeisterte: „Damals war es noch so, dass man mit 16 Jahren zugleich in die Jugendfeuerwehr und in die aktive Wehr eintreten konnte.“ Seither hat die gebürtige Berlinerin eine vergleichsweise steile Karriere absolviert: Nach den damals noch vorgeschriebenen zwei Jahren Pause nach dem Ausscheiden aus der Jugendwehr und dem Eintritt in den aktiven Dienst wurde sie 2004 gebeten, das Amt der stellvertretenden Jugendwartin zu übernehmen, 2006 kam für sie als ausgebildete Atemschutzgeräteträgerin der Posten der Atemschutzgerätewartin dazu, 2007 sogar noch der der Schriftführerin. Die Arbeit in der Jugendfeuerwehr – ihr Mann Dirk ist Jugendfeuerwehrwart – gab sie ab, als sich 2008 bei ihr Nachwuchs ankündigte.

Die Mutter eines Sohnes begreift die selbstgestellte Aufgabe, anderen Menschen zu helfen, als Herausforderung und ist stolz darauf, als einzige Frau im Kommando der Feuerwehr Hagenburg-Altenhagen zu sitzen. Doch dabei belässt sie es nicht. Den ersten Teil des Gruppenführerlehrgangs hat sie 2009 absolviert, der zweite Teil – mit der Befähigung, auch Einsätze leiten zu können – soll in diesem Jahr folgen.

Einen Unterschied zwischen Männern und Frauen im aktiven Feuerwehrdienst sieht sie, wenn überhaupt, nur bei der Körperkraft: „Aber ich würde schon Bescheid sagen, wenn ich beim Anfassen der Tragkraftspritze männliche Hilfe bräuchte.“

In Schaumburg sind acht Prozent der aktiven Brandschützer weibli
  • In Schaumburg sind acht Prozent der aktiven Brandschützer weiblich. „Das ist gefühlt kein schlechter Schnitt“, sagt Kreisbrandmeister Klaus-Peter Grote. Steigerungsfähig sei der Anteil aber „sicherlich noch“.

Auch der Gemeindebrandmeister der Samtgemeinde Sachsenhagen, Joachim Muth, sieht kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Feuerwehrdienst: „Die Frauen tun nahezu alles, was die Herren auch machen.“ Er vermutet, dass ein Teil der Faszination für Frauen beim Feuerwehrdienst an dem „Streben in Männerdomänen“ liegt. Seit einigen Jahren geht bei den Samtgemeindewettkämpfen auch ein reines Damenteam an den Start, das schon einigen Männergruppen den Rang abgelaufen hat, im vergangenen Jahr die Teilnahme allerdings unter anderem wegen anderweitigen Engagements in der Ortswehr absagen musste. Ein Grund war dafür die Organisation der Kinderfeuerwehr. Offenbar innerhalb der Feuerwehren noch eher eine klassische Frauenaufgabe, bei der die Männer Nachholbedarf hätten, denkt Muth.

Der Brandmeister sieht ein weiteres Motiv für das Engagement von Frauen in den Einsatzabteilungen im vorherigen Engagement in den jeweiligen Jugendfeuerwehren – der Weg, der auch für die Hagenburger Feuerwehrfrau Michaela Kutschker und viele andere den Einstieg bedeutete: „Wir haben gerade wieder drei junge Frauen aus der Jugendwehr übernommen und eine 40-jährige Aktive, insofern bin ich nicht ganz alleine“, freut sie sich.

Kreisbrandmeister Klaus-Peter Grote verfolgt das Geschehen und den Einsatz von Frauen in den Feuerwehren des Landkreises mit großem Interesse: „Um weiterhin flächendeckend in der Feuerwehr ‚helfende Hände‘ ausstrecken zu können, brauchen wir verstärkt Frauen in den Freiwilligen Feuerwehren.“ Auf den Landkreis Schaumburg bezogen bedeute dies einen „erfreulichen Aufschwung in der Mitarbeit von Frauen“.

Die Zahl der aktiven, weiblichen Mitglieder stieg nach Angaben von Grote von 423 im Jahr 2006 über 426 im Jahr 2007 auf 435 im Jahr 2008. Das sind acht Prozent der aktiven Mitglieder, die in Schaumburg ihren Dienst tun. Für Grote ist das im ungefähren Vergleich mit anderen Kreisfeuerwehren „gefühlt kein schlechter Schnitt“. Es sei aber „sicherlich noch steigerungsfähig“. Der aktive Dienst bezieht sich dabei nach Angaben des Kreisbrandmeisters nicht nur auf den reinen Einsatzdienst. „Sehr viele Frauen übernehmen auch Führungsaufgaben, wie zum Beispiel Gruppenführerin.“ Im Landkreis seien bereits vier Frauen in der Ausbildung tätig. „Darunter übernimmt eine Frau die Position der Bereichsleiterin der Sprechfunkabteilung,“ so Grote.

Auf eine steile Karriere als Feuerwehrfrau kann auch Miriam Hoffmann hoffen. Die 22 Jahre alte stellvertretende Jugendwartin ist seit ihrem 16. Lebensjahr aktiv bei der Ortsfeuerwehr in Heuerßen im Einsatz.

Wenn ihr digitaler Pieper sie zu jeder Tages- und Nachtzeit vom Schreibtisch oder aus den Bett holt, ist die Bankkauffrau in der Lage, an vorderster Front gemeinsam mit ihren männlichen Kameraden gegen das Feuer zu kämpfen. So hat Hoffmann außer dem Grundlehrgang – der Eintrittskarte zur aktiven Wehr – unter anderem auch den Truppführerlehrgang und den viel Ausdauer, Mut und Durchhaltevermögen fordernden Atemschutzlehrgang als erste Frau der Feuerwehr Heuerßen absolviert. Bei diesem simulieren die mit Gasmasken und schweren Sauerstoffflaschen ausgerüsteten Brandschützer den Einsatz in einem stark verqualmten Gebäude.

Vor allem bei derlei Lehrgängen seien Frauen noch immer in der Minderheit und würden bei Männern für Erstaunen sorgen, ihnen aber auch Respekt einflößen. „Die Männer denken oft, dass Frauen die Belastung beim Atemschutzlehrgang nicht aushalten, weil ihnen selbst oft die Puste ausgeht“, schildert die junge Frau. „Wenn wir das dann genauso gut meistern, finden sie das oft bewundernswert.“

Generell hat die 22-jährige Feuerwehrfrau in ihrer bisherigen Brandschutz-Biographie – im Alter von zehn Jahren ist sie der Jugendwehr beigetreten – von den Kameraden eher Respekt als Ausgrenzung erfahren. „Heute sind Frauen bei der Feuerwehr voll und ganz akzeptiert, da spricht bei uns eigentlich keiner mehr drüber.“ Vor allem in der Jugendfeuerwehr steige der Anteil der Mädchen, die „Feuerwehr einfach nur cool“, finden, wie Hoffmann berichtet. Und auch der Kreis der aktiven Brandschützerinnen soll bald von drei auf fünf Frauen erweitert werden.

Über Nachwuchsmangel kann auch die Feuerwehr Möllenbeck nicht klagen, die sich vor allem durch sportliche Triumphe bei Wettbewerben bis hin zur Bundesebene auszeichnet. Gerade die Kinder- und Jugendgruppen landen häufig auf den vorderen Plätzen.

„Diese Erfolge locken den Nachwuchs an“, glaubt Corinna Schulz, die bei den Möllenbecker Brandbekämpfern gleich mehrere Posten bekleidet. Von diesen Mädchen wagten seit einigen Jahren auch tatsächlich immer mehr den Sprung in den aktiven Dienst. „Allerdings ist später dann meist Schluss, wenn die Kinder da sind“, hat die 29-Jährige festgestellt. Die fünf bis sechs Frauen, die derzeit den harten Kern der aktiven Möllenbecker Damen bilden, seien allesamt kinderlos.

Immerhin. Schließlich war es auch schon mal ganz anders, erinnert sich Werner Begemann, seit mehr als zwei Jahrzehnten Ortsbrandmeister in Möllenbeck . „Als ich angefangen habe“, sagt er, „waren Frauen in der Feuerwehr mit Ausnahme des Jugendbereichs selten.“ Er selbst zählt es zu seinen Verdiensten, dass die Möllenbecker die Kameradinnen für sich entdeckt haben. Frauen bei den Grundlehrgängen seien jetzt nichts Außergewöhnliches mehr, ausgebildete Feuerwehr-Frauen hätten zudem den Vorteil, dass sie tagsüber wahrscheinlicher als die Männer zu Hause seien.

Trotzdem sind bei Einsätzen wie zum Beispiel dem berüchtigten Wohnungsbrand in Möllenbeck an Heiligabend 2008 zumeist die Männer an vorderster Front. „Die haben oft mehr Lehrgänge absolviert“, sagt Schulz. Benachteiligt fühlten sich die Frauen ihres Wissens nach deswegen nicht. Wenn zum Beispiel niemand die Schläuche ausrollte, ginge es am Einsatzort schließlich auch nicht weiter.

Auf dem Weg in die Feuerwehr ist Corinna Schulz schlicht den Verästelungen ihres Familien-Stammbaums gefolgt. Schon ihr Großvater war Brandmeister, mit zehn Jahren schloss sie sich der Jugendfeuerwehr an. Bis heute begeistert sie das Gemeinschaftsgefühl bei den Freiwilligen, deshalb ist sie dabei geblieben und versucht heute unter anderem, als Leiterin der Kinderfeuerwehr eine neue Generation für ein Leben hoch auf dem roten Wagen zu gewinnen – manchmal an sieben Tagen in der Woche, nachmittags und abends, nachdem sie zunächst acht Stunden als kaufmännische Angestellte hinter sich gebracht hat. Die Jugendlichen weisen inzwischen ein Geschlechterverhältnis von 50:50 auf. „Als ich damals angefangen habe, waren wir gerade ‘mal eine Hand voll Mädchen“, erinnert sich Schulz. „Jetzt weht da ein anderer Wind.“

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