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Amokgefahr – wie gut sind die Notfallpläne?

Kürzlich wurde für Schüler und Lehrer einer Ludwigshafener Berufsschule das Unfassbare Wirklichkeit: Ein ehemaliger Schüler betrat das Schulgebäude, erstach einen Lehrer und griff weitere Personen an. Nur das von einem Techniklehrer entwickelte Handy-Alarmsystem habe größeren Schaden verhindert, hieß es bereits kurz nach der Tat. Dieses Alarmsystem sei nur eine Zwischenlösung gewesen, bis die Schule im Rahmen eines Sicherheitskonzeptes mit Notfallhandys ausgestattet ist.

Autor:

Matthias Rohde

Kürzlich wurde für Schüler und Lehrer einer Ludwigshafener Berufsschule das Unfassbare Wirklichkeit: Ein ehemaliger Schüler betrat das Schulgebäude, erstach einen Lehrer und griff weitere Personen an. Nur das von einem Techniklehrer entwickelte Handy-Alarmsystem habe größeren Schaden verhindert, hieß es bereits kurz nach der Tat. Dieses Alarmsystem sei nur eine Zwischenlösung gewesen, bis die Schule im Rahmen eines Sicherheitskonzeptes mit Notfallhandys ausgestattet ist. Auch für viele Schulen im Weserbergland gehören umfassenden Sicherheitskonzepte seit einiger Zeit zum Alltag. Dass solche Konzepte ausgebaut und weiterentwickelt werden sollten, darauf hat jetzt die Landesschulbehörde auf Anraten des Kultusministeriums hingewiesen. Neben technischen Standards, die es zu erfüllen gelte, gebe es vor allem beim Thema Gewaltprävention eine Palette von Maßnahmen und Angeboten, die in die bestehenden Sicherheitskonzepte eingebunden werden könnten.

Die Zusammenarbeit zwischen Landesschulbehörde und Polizei wird seit Ende 2009 intensiviert, sagt Behördensprecher Wolfgang Deffner. „Unser Ziel ist es, in gemeinsamen Fortbildungsveranstaltungen Schulleiter zum Thema ‚schulfremde Personen im Schulgebäude‘ weiter zu sensibilisieren.“ Das Landeskriminalamt hat hierzu im März vorigen Jahres die Broschüre „Zielgerichtete Gewalt und Amokläufe an Schulen“ herausgegeben. Enthalten sind darin Checklisten für den Fall, dass Drohanrufe oder Drohschreiben eingegangen sind, und detaillierte Hinweise zum Vorgehen in solchen Situationen. Vor allem aber weist das Landeskriminalamt darauf hin, dass Programme zur Verhinderung von Gewalt sehr frühzeitig einsetzen müssten. „Die Probleme mit Gewaltexzessen an Schulen ist kein reines Schulproblem, sondern auch ein gesellschaftliches“, ist auch Gabriela Hexel-Hille überzeugt. Die Leiterin der Papenschule, einer Grundschule, in Hameln ist überzeugt, dass eine gute schulpsychologische Versorgung und insbesondere das Vorhandensein von Sozialarbeitern ein frühzeitiges Erkennen von Gefahren möglich machen.

Einige Schulleiter versuchen, die Sicherheit in ihren Häusern durch ergänzende Konzepte zu fördern. So müssen sich an der Klütschule in Hameln – eine Grund- und Hauptschule – schulfremde Personen einen Besucherausweis ausstellen lassen. Allerdings hat sich diese Maßnahme als nicht besonders effektiv herausgestellt wie Schulleiter Raimund Seeldrayers einräumt: „Es kommt immer wieder vor, dass Eltern, Handwerker oder Schulbuchvertreter das Gebäude betreten, ohne sich den Ausweis zu holen.“ Eine Kontrolle sei nur schwer sicherzustellen, weil dafür kein Personal verfügbar sei. Der Rektor hält eine Videoüberwachung der Eingangsbereiche für ein probates Mittel, was manche andere Schulleiter jedoch unter anderem aus datenschutzrechtlichen Gründen strikt ablehnen.

Die Gefährdungsszenarien an Grundschulen seien nicht mit denen an weiterführenden Schulen zu vergleichen meint Michael Nimsch-Faron, Leiter der Fischbecker Grundschule. Er sieht aber zum Beispiel Sorgerechtsstreitigkeiten und die daraus resultierende Gefahr, dass ein Elternteil das Kind aus der Schule entführen könnte. Der Schulleiter sorgt sich wegen der aus seiner Sicht unzureichenden technischen Ausstattung des Gebäudekomplexes: „Wir haben keine Lautsprecher, und unsere Alarmanlage kann nur einen einziges Signal“, stellt Nimsch-Faron fest. Er erklärt: „Der Signalton wird im Brandfall ausgelöst. Dann verlassen die Kinder geordnet die Klassenräume.“ Fatal wäre, dass genau das bei extremen Gewaltsituationen unbedingt verhindert werden müsste, so Nimsch-Faron.

Bei der Stadt Hameln sei man für das Thema Schulsicherheit sensibilisiert, versichert Rathaussprecher Thomas Wahmes: „Uns liegen Anträge von Schulen für elektroakustische Alarmierungsanlagen vor, für die zum Teil schon Geld zur Verfügung steht.“ Das reiche den Verantwortlichen in der Stadtverwaltung aber nicht. „Wir haben alle Schulen angeschrieben und ermitteln derzeit die technische Ausstattung“, so Wahmes. Ziel sei es, eine Prioritätenliste zu erstellen, um entscheiden zu können, welche Schulen Bedarf bei sicherheitsrelevanter Ausstattung haben.

Im Gegensatz zu den Grundschulen sind die weiterführenden Schulen in Hameln-Pyrmont nicht zuletzt aufgrund der Altersstruktur und einer wachsenden Gewaltbereitschaft stärker von potenziellen Gewaltausbrüchen betroffen. „In allen Klassenräumen sind Notfallpläne ausgehängt“, sagt der Leiter des Schulbüros der Elisabeth-Selbert-Schule, Tobias Hanke. „Die Notfallpläne sind erst vor kurzem überarbeitet und in enger Zusammenarbeit mit der Polizei erstellt worden“, betont er. Die Polizei war auch bei der Erarbeitung des Kriseninterventionsplanes der Eugen-Reintjes-Berufsschule involviert, sagt Johannes Stolle, Abteilungsleiter für Qualitätsmanagement und erklärt: „An unserer Schule haben wir drei Gefährdungsgrade festgelegt, von Beleidigungen und Rangeleien über Gewaltausbrüche bis hin zu Amokläufen und ähnlichem.“

Der Sprecher der Polizeiinspektion Hameln-Pyrmont/ Holzminden, Polizeioberkommissar Jörn Schedlitzki bestätigt: „Wir sind in das Netzwerk zur Sicherheit an Schulen eingebunden. Diese Netzwerkarbeit umfasst den regelmäßigen Kontakt zur Landesschulbehörde und zu den Schulleitern in beiden Landkreisen.“ Zudem seien Polizisten zu „Schulpaten“ ernannt worden. Sie sollen vor allem den Schülern als persönliche Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Sowohl an der Elisabeth-Selbert-Schule wie auch an der Eugen-Reintjes-Schule gehört Prävention zum Kern des Sicherheitskonzeptes. Während an der Selbert-Schule unter anderem externe Präventionsprogramme, ein Sozialarbeiter sowie Pastoren und Diakone vorbeugend tätig sind, setzt man bei der Eugen-Reintjes-Schule auf ein Beratungsteam. Stolle: „Dieses Team besteht aus einem Sozialarbeiter, einer besonders geschulten Lehrkraft und zwei weiteren Personen, die im Zuge der Beratung Schüler begleiten und externe Hilfs- und Beratungsangebote vermitteln.“

Ein Sozialarbeiter für das Albert-Einstein-Gymnasium in Hameln – das würde Schulleiter Wolfgang Weber auch gefallen. Seiner Meinung nach beginnt Prävention aber bereits zu Hause: „Ein wichtiger Faktor sind dabei die Eltern“, sagt Weber. Er meint, dass Eltern Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder früher erkennen können als Lehrer. Der Oberstudiendirektor schaut ins Ausland: „In England und Frankreich werden die Schultüren und -tore abgeschlossen.“ Konsequenterweise bedeute dies, dass Schüler, die zu spät sind, vor verschlossenen Türen stehen. Während der Unterrichtszeit komme niemand von allein hinein oder hinaus. Das sei aber in Deutschland derzeit nicht umsetzbar, glaubt Weber. Die meisten Kollegen seien der Auffassung, dass eine Schule per se offen zu sein habe.

So konzentriert man sich in Deutschland vornehmlich darauf, an den bestehenden Sicherheitskonzepten zu feilen, die Notfallpläne zu verfeinern und alle Beteiligten noch intensiver für dieses Thema zu sensibilisieren. Ob die in der Theorie entworfenen Pläne in der Praxis funktionieren, das vermag niemand zu sagen, betonen die Schulleiter.

Amokläufe sind nach Ansicht der Professorin für Kriminologie, Britta Bannenberg, keine unvorhersehbare Katastrophe. Bis Schüler als „unbesiegbare Rächer in Schwarz“ in der Schule auftreten, hätten sich Hassfantasien über Jahre hinweg gesteigert, sagte Bannenberg. „Als zurückgezogene, auffällig unauffällige Jugendliche erhalten sie kaum Beachtung beim anderen Geschlecht und bei männlichen Gleichaltrigen. Hinzu kommt, dass sich diese Jungen durch kleinste Erlebnisse schwerst gekränkt und gedemütigt fühlen“, so Bannenberg, Autorin des Buches „Amok. Ursachen erkennen – Warnsignale verstehen – Katastrophen verhindern“. Deshalb sollte in den Klassen auf sozial zurückgezogene, ängstliche Kinder geachtet werden. „Lehrer müssen sich immer sofort auf die Seite des Opfers stellen, auf die Einhaltung von Regeln achten und Konflikte austragen, ohne den Täter auszugrenzen“, sagt die Expertin. Außerdem sollte beunruhigendes Verhalten ernst genommen werden.

Bannenberg wirft den Länderregierungen vor, die Schulklassen aus finanziellen Gründen nicht zu verkleinern. Bei einer Klasse mit 30 Schülern könne kein Lehrer alle im Blick haben, sagt sie. Optimal seien 15 bis 20 Schüler pro Klasse.

Was nützt der beste Notfallplan gegen Amokläufer oder andere Eindringlinge, wenn die Alarmanlage in der Schule allenfalls „es brennt“ signalisieren kann? Wie sorgen Schulen und Polizei für den Ausnahmezustand vor?




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