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Vom Pranger für „gotteslästerliche Mann- und Weibspersonen“

Am Schandpfahl

Das Bloßstellen am Pranger gehört heutzutage wieder zum Lebensalltag. Rund 200 Jahre, nachdem der Schandpfahl als würdelos und menschenverachtend abgeschafft wurde, feiert die öffentliche Zurschaustellung unliebsamer Zeitgenossen ein unverhofftes Comeback. Allerdings werden die vermeintlichen Sünder heutzutage nicht mehr an Rathaus oder auf dem Kirchplatz angekettet, sondern der sensationslüsternen Öffentlichkeit anonym und per „Cybermobbing“ im Internet vorgeführt.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Wann und wo der/die erste Schaumburger(-in) auf althergebrachte Weise „angeprangert“ wurde, ist nicht überliefert. Groß in Mode scheint das Bestrafen durch Bloßstellen hierzulande im 16. Jahrhundert gewesen zu sein. Jedenfalls sah sich der von 1544 bis 1576 residierende Landesherr Graf Otto IV. veranlasst, eine spezielle Verordnung zu diesem Thema zu erlassen. Sie zielte vor allem auf Untertanen, die sich der Kirchenordnung widersetzten und „unter der Messe und Predigt Branntwein oder andern Wein und Bier dranken“. Wurden solche „gotteslästerlichen Mann- und Weibspersonen schuldig befunden“, so mussten sie nach den am 24. Februar 1570 verkündeten Regeln „ihre Strafe vor der gemeinen Kirche auf sich nehmen und ihnen dazu die Schandsteine angehalset werden“.

Das „Rescript, die Bestrafung der öffentlichen Gottesdienste betreffend“ kam nicht von ungefähr. Gut zehn Jahre zuvor (1959) hatte Otto per Erlass die Einführung der Reformation verordnet. Nicht alle Untertanen waren vom neuen Luther-Katechismus begeistert. Stifte und Orden hatten von einem Tag auf den andern ihre Pfründe verloren. Ein großer Teil der Nonnen und Mönche machte seinem Unmut durch gezielte Provokationen und „liederliches Verhalten“ während der Gottesdienste Luft.

Die „Peinliche Gerichtsordnung“

Als Vorlage für Ottos neue „Pranger-Regelung“ diente das knapp 40 Jahre zuvor vom Reichstag in Regensburg beschlossene und von Kaiser Karl V. unterzeichnete Gesetzeswerk „Constitutio Criminalis“ – im deutschen Alltagsgebrauch wegen der darin vorgeschriebenen, zumeist äußerst „peinlichen“ (= peinigenden bzw. schmerzhaften) Verhör- und Vollstreckungsmethoden „Hals oder Peinliche Gerichtsordnung“ genannt.

Für die Bevölkerung geriet das Anprangern nicht selten zu einer Art Volksfest (karikaturhafte Szenerie-Darstellung eines unbekannten Illustrators). gp (2)

In der Tat hatten es die in mehr als 220 Kapiteln aufgelisteten Strafmaßnahmen in sich. Die Palette reichte von Aufhängen, Enthaupten, Ertränken und Verbrennen über Rädern und Vierteilen bis hin zu schweren Leibesverstümmelungen wie Blenden oder Hand-, Fuß-, Finger-, Ohren- und Zungeabschneiden. Eine Chance, ohne rigorose Körper-Pein davonzukommen, hatten nur Kleinkriminelle. Als solche galten Täter, die nur in „unehrenhafter Form“ gegen Anstand und gute Sitten verstoßen hatten.

Für sie sah die Constitutio Criminalis das Prangerstehen vor (vom mittelhochdeutschen Begriff pfrengen = drücken, einengen). Typische Schandpfahl-Delikte waren Mundraub, üble Nachrede oder ungebührliches Verhalten. Beim erstmaligen Diebstahl, „der under funff gulden werdt“, soll „der dieb in Branger gestelt, mit ruten außgehawen, und das landt verspottet werden“ heißt es im Abschnitt Eigentumsdelikte. Bereits wesentlich härter ging man gegen das „Übel in gestalt zwifacher Ehegeschicht“ (Bigamie) vor: „Item so ein ehemann ein ander weyb, oder ein eheweybe ein ander mann, in gestalt der heyligen Ehe, bey leben des ersten ehegesellen nimpt, mögen Richter und urtheiler dieselbigen Person ein zeyt in kercker, auch ferner an irem leyb straffen, als nemlich an Branger stellen, mit ruten außhawen und das landt verbieten“.

Die Einführung der neuen Pranger-Paragraphen Ottos kam bei den Untertanen gut an. Jedenfalls wurden schon bald in allen größeren Schaumburger Ortschaften Schandpfähle aufgestellt. Zur Grundausstattung gehörten Ketten mit Hals-, Hand- und Fußeisen. Standorte in den Städten waren meist Rathaus- oder Marktplatz, in den Dörfern stellte man die Pfosten vor die Kirche oder an der Mühle auf. Die Pfähle waren anfangs aus Holz, später kam hin und wider Sandstein zum Einsatz. Die Beliebtheit und der Erfolg des „Anprangerns“ hatten auch und vor allem mit der Sensationsgier und Schadenfreude der vorbeieilenden Gaffer zu tun.

Am größten soll das Vergnügen gewesen sein, wenn die angeketteten Sünder laut Gerichtsbeschluss zusätzlich beschimpft, verhöhnt, angespuckt, angepinkelt oder gar verprügelt werden durften. Mancherorts bekamen Männer, die wegen „Zügel- oder Sittenlosigkeit“ am Pranger standen, einen Schweinskopf übergestülpt. Frauen, die wegen übler Nachrede abgeurteilt worden waren, mussten eine Gesichtsmaske mit lang heraushängender Zunge tragen.

Mit der Aufklärung kommt das Ende

Angesichts von so viel Zustimmung und Popularität war es kein Wunder, dass Ottos Nachfolger immer neue Pranger-Vorschriften auf den Weg brachten. „Es sollen auch die Flucher und welche liederlich schwören, sobald sie dessen überführet seyn, mit dem Fluchpfahl oder Halseisen gestrafet werden“, heißt es in einer Verordnung des schaumburg-lippischen Grafen Friedrich Christian (Regierungszeit 1681 bis 1728) aus dem Jahre 1694. Und auch noch dessen bis Mitte des 18. Jahrhunderts amtierender Sohn und Nachfolger Albrecht Wolfgang ordnete an, dass „Knechte und andere Dienstboten, die sich oft bis in die Nacht in den Wirtshäusern aufhalten“, im Wiederholungsfall „zwey Stunden lang an den Schand-Pfahl gestellet werden“. Das Aus für die öffentliche Anprangerei soll hierzulande in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Folge der Aufklärung gekommen sein.

Als eine der wenigen noch komplett erhaltenen Gerätschaften gilt der Schandpfahl des Dorfes Vehlen. Der stabile Eichenpfosten samt Ketten und Schließeisen, der früher auf dem alten Go-Gerichtsplatz der Ortschaft an der Auebrücke stand, wird heute im Bückeburger Stadt- und Landesmuseum aufbewahrt.

Auch über die Männer und Frauen, die einstmals zum Pranger-Stehen verurteilt wurden, ist kaum etwas überliefert. Einer der wenigen Ausnahmen ist der Fall des Kohlbrechers (Bergmann) Johann Möller aus Nienstädt. Möller musste nach einem Eintrag in den Kirchenbüchern der Kirchengemeinde Sülbeck am Sonntag, den 5. Juni 1716, vor und während des Gottesdienstes mehrere Stunden am „Kirchenpfahl“ ausharren, weil er sich während der Hochzeitsfeier eines Nachbarn „dermaßen vollgesoffen, dass er in der Kirche nebst dem Bräutigam ging und wollte auch nicht vor dem Altar wegweichen, demnachhero ein großes Aufsehen und Skandal in der Kirchen entstund“.

Als einer der wenigen noch komplett erhaltenen heimischen Pranger gilt der Schandpfahl des Dorfes Vehlen. Der stabile Eichenpfosten samt Ketten und Schließen (hier im Bild) wird heute im Stadt- und Landesmuseum Bückeburg aufbewahrt.




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