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Panikattacken gegen das Jakobskreuzkraut / Heil-, Gift- und Hexengewächse im Schaumburger Land

Alte Heilpflanze gerät ins Zwielicht

Leberschaden von der Wiese“, „Gift von der Weide“ und „Blütengold, das die Leber schädigt“ – seit einigen Monaten werden deutsche Zeitungsleser durch furchteinflößende Schlagzeilen aufgeschreckt. Im Mittelpunkt der Berichterstattung steht eine eher unscheinbare und sonst kaum beachtete Pflanze: das „Jakobskreuzkraut“, mancherorts auch „Jakobsgreiskraut“ oder „Greiskraut“ genannt. Die Botaniker sprechen von „Senecio Jacobaea“.

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Das gelb blühende und bis zu einem Meter hohe Gewächs sei hochgiftig und stelle wegen der zunehmenden Verbreitung auf den deutschen Wiesen und Weideflächen eine ernst zu nehmende Bedrohung dar, so der Kern der zum Teil dramatisch aufgemachten Meldungen. Der Verzehr des Krautes könne nicht nur Pferden und Kühen das Leben kosten, sondern auch deren Besitzer gefährden. Als Mahner und Vorkämpfer tun sich vor allem Pferdehalter, Kälberzüchter und einige regionale Landwirtschaftskammern hervor. Die Palette der Vorschläge und Forderungen reicht vom schnellen Entfernen vereinzelt wachsender („Killer“-) Pflanzen bis hin zum totalen, chemiegestützten Vernichtungsfeldzug. Die hauptsächlich via Internet verbreitete Kampagne zeigt bereits Wirkung: In etlichen Kommunen, darunter in Hessisch Oldendorf, will man der „gelben Gefahr“ mittels Spaten und Sense zu Leibe rücken.

Vorfahren schätzten das Gewächs

Bei unseren Vorfahren hätte ein solcher Anti-Jakobskreuzkraut-Kreuzzug nur ungläubiges Kopfschütteln hervorgerufen. Sie schätzten das anspruchslose, überall an Weg- und Waldrändern vorkommende Gewächs als wirksame Heilpflanze. Die Anwendungsmöglichkeiten waren seit alters her bekannt und über viele Jahrhunderte hinweg von sachkundigen Mönchen und Kräuterfrauen weitergegeben worden. Einen ungefähren Eindruck vom einstigen medizinischen Nutzeffekt der „Senecio Jacobaea“ kann man beim Blick in die „Oekonomische Encyklopädie“ gewinnen. Das mehrbändige, zwischen 1773 und 1858 erschienene Standardwerk enthält auch eine ausführliche Beschreibung des Jakobskreuzkrautes. Danach muss der Einsatzradius der Pflanze äußerst vielseitig gewesen sein. Man nahm sie „äußerlich und innerlich als ein zertheilendes und auflösendes Mittel“. Als besonders wirkungsvoll wird die Verabreichung der aus dem Kraut hergestellten wässrigen Aufgüsse und Extrakte geschildert. Sie dienten als „Gurgelwasser in der Bräune, bey bösen Hälsen und entzündeten Mandeln, in der Ruhr und in dem Rothlaufe“. Nach neuzeitlichem Sprachgebrauch waren damit alle Arten von Fieber- und Durchfallerkrankungen, grippalen Infekten sowie Halsbeschwerden, Asthma und Nasenbluten gemeint.

Fachleute warnen vor Panikmache

Auch mit der derzeit vielbeschworenen Vergiftungsgefahr kamen unsere Altvorderen offensichtlich gut zurecht. Dank der Erkenntnisse des Ärztepioniers Paracelsus (1493-1541) war das Wissen um den schmalen Grad zwischen Gut und Böse bei der Nutzung von pflanzlichen Mitteln weithin verbreitet. „Alle Dinge sind Gift und nichts ohne Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist“, hatte der auch nach 500 Jahren immer noch hoch verehrte Gelehrte herausgefunden.

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Der Ärztepionier Paracelsus wusste um pflanzliche Heilmittel (Portraitdarstellung des Kupferstechers Augustin Hirschvogel Anfang des 16. Jahrhunderts).

Heute lassen sich Zusammensetzung und Wirkung aller pflanzlichen Bestandteile problemlos im Laboratorium untersuchen. So weiß man, dass das Jakobskreuzkraut – wie mehrere andere der etwa 20 hierzulande vorkommenden verwandten Arten auch – sogenannte „Pyrrolizidin-Alkaloide“ produziert. Das sind Stoffe, die in vielfältigen Verbindungen und sehr unterschiedlicher Wirkungsweise auch in einigen anderen heimischen Pflanzenfamilien vorkommen und – wenn sie in menschliche und tierische Organismen gelangen – erhebliche Schäden anrichten können. Gefährlich sind nicht die Alkaloide, sondern die bei ihrer Verarbeitung in der Leber entstehenden Abbauprodukte. Bei hohen Dosierungen kann es sogar zu tödlichen Funktionsstörungen des Organs kommen.

Wie immer in solchen Fällen hat die Natur auch an die potenziellen Opfer des Jakobskreuzkraut-Gifts gedacht und zu deren Schutz einige Sperrmechanismen entwickelt. So sind Insekten allesamt gegen das Gift der Pflanze immun. Mehr noch: Die Raupen des Schmetterlings „Jakobskrautbär“ brauchen die Blätter als (Über-) Lebens- und Nahrungsgrundlage. Und auch warmblütige Pflanzenfresser wie Hase, Reh oder die vom Menschen gehaltenen Weidetiere sind bestmöglich geschützt. „Die Blätter sind bitter, scharf und von unangenehmem Geschmacke; daher Schafe und Ziegen dieselben unberührt lassen“, ist in der Oekonomischen Encyklopädie zu lesen. Fachleute warnen deshalb angesichts der augenblicklich laufenden Kampagne vor überzogener und unverantwortlicher Panikmache.

„Haarkronen“ auf den Fruchtknoten

Nach der Oekonomischen Encyklopädie wurde das Jakobskreuzkraut auch, „weil die Kröten sich gern dabey aufhalten“, einstmals „Krötenkraut“ genannt. Außerhalb der heimischen Region ist bis heute die Bezeichnung „Greiskraut“ oder auch „Jakobsgeißkraut“ geläufig. Der Namensbestandteil „greis“ (lateinisch „senecio“) hat der Überlieferung zufolge mit dem herbstlichen Erscheinungsbild der Pflanze zu tun. Nach der Blüte erscheinen auf den sich dann bildenden Fruchtknoten weißliche „Haarkronen“. Das soll habe die Leute an die Häupter von Greisen erinnert haben.

Nach wie vor im Dunkeln liegt die Entstehung des hierzulande gebräuchlichen Namens „Jakobskreuzkraut“. Der Hinweis, dass die Pflanze während des Namenstages des heiligen Jakob (25. Juli) blüht, erscheint wenig überzeugend. Sehr viel wahrscheinlicher ist, dass die Wortschöpfung mit der Vorliebe unserer Vorfahren für „heilige“ bzw. biblische Bezeichnungen bei besonders auffälligen und außergewöhnlichen Pflanzen zu tun hat. So gab und gibt es – auch und vor allem im Schaumburger Land – eine ganze Reihe von „Heil-, Gift-, Hexen-, Himmel- und Höllengewächsen“. Um deren Namensfindung und Bedeutung ranken sich zahlreiche und wundersame Geschichten.

Zu den Pflanzen mit „Heiligennamen“ gehören – neben dem Jakobskreuzkraut – auch das „Johanniskraut“ und das „Christophkraut“. Der Gedanke an Gott und Engel stand bei „Herrgottsschellchen“ (andernorts meist Nelkenwurz genannt), „Engelsüß“, „Engelwurz“, „Erzengelwurz“ und „Himmelsleiter“ Pate. Und eine Beziehung zu Teufel, Hexen und Dämonen sah man bei „Teufelszwirn“, „Teufelsseide“, „Teufelsabbiss“, „Teufelskralle“, „Teufelssporn“, „Teufelshand“, „Teufelsauge“, „Satansröhrling“, „Speiteufel“ und „Hexenkraut“.




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