weather-image
Vor Gericht: Bilder angeblich frisiert oder selbst gemalt / Erfundene Maler / Kunstfälscher am Werk?

Alte Gemälde-Klassiker ganz frisch aus Rinteln

Rinteln/Bückeburg (ly). Kunstfälschungen im größeren Stil könnten sich hinter zwei Zivilprozessen verbergen, die kürzlich das Landgericht in Bückeburg beschäftigt haben. Dutzendfach sollen ein Rintelner und dessen Lebensgefährtin Bilder frisiert oder selbst gemalt haben, um diese über das Internet zu verkaufen.

0000482597.jpg

In den Prozessen ging es zunächst um zwei Gemälde, eine angebliche Ölskizze des bedeutenden Impressionisten Max Liebermann (1847-1935) zum Preis von 7051 Euro plus Versand sowie ein offenbar ebenfalls gefälschtes Bild von Kees van Dongen für rund 12 000 Euro. Der van Dongen soll nach Darstellung von Rechtsanwalt Joachim Seidel (Hannover), der beide Kläger vertritt, nach frischer Farbe gerochen haben, was für ein Gemälde aus den 1920er-Jahren eher ungewöhnlich wäre. Ein Bild ist ins Ausland gegangen, das andere nach Regensburg. Sowohl die beklagte Rintelnerin als auch deren Partner, der als Zeuge geladen war, schwänzten die Verhandlung ohne Entschuldigung, worauf Richter Norbert Feige zwei Versäumnisurteile verkündete: Die Frau muss den Käufern das Geld erstatten und bekommt im Gegenzug die Bilder zurück. Sie trägt außerdem die Kosten des Rechtsstreits, während der Zeuge für sein Nichterscheinen mit 150 Euro Ordnungsgeld zur Kasse gebeten wird. Gegen die Entscheidung läuft zurzeit eine zweiwöchige Einspruchsfrist. In der Rintelnerin, die im Internet als Wohnort Konstanz angegeben haben soll, sieht die Klägerseite freilich nicht mehr als eine "Strohfrau" ihres Lebensgefährten. Dass beide Bilder gefälscht sind, ist zwischen den Parteien übrigens nicht streitig, wie die Pressestelle des Landgerichts auf Anfrage mitteilt. Angeblich stammen sie aus einem traditionsreichen Rintelner Haus, welches das Paar den Angaben zufolge im Jahr 2006 samt Inventar gekauft hat. Dass es dort keine derartigen Bilder gab, sollte vor Gericht die Tochter der früheren Hauseigentümerin aussagen. Doch zur Beweisaufnahme kam es erst gar nicht. Klee, Picasso, Chagall: Laut Pressestelle existiert eine Liste mit 14 mutmaßlichen Fälschungen von Künstlern, angefangen im 19. Jahrhundert bis zur klassischen Moderne. Innerhalb weniger Wochen sollen die Arbeiten für zusammen rund 31 000 Euro gewerblich verkauft worden sein. Und womöglich ist dies nur der Spitzweg des Eisbergs, um im Bild zu bleiben. Bei einem Käufer könnte das Pärchen an den Falschen geraten sein. Der Mann ist von Berufs wegen mit Recherchen vertraut und hat umfangreiche Nachforschungen angestellt. Ergebnis: Geringwertige Bilder aus Haushaltsauflösungen seien einem Künstler zugeordnet worden, in dessen Stilrichtung das jeweilige Werk einigermaßen gepasst habe. Dann seien die Bilder mit neuer Signatur oder Monogramm, mit Aufklebern oder Nachlassstempeln frisiert worden, um diese in einem bekannten Internet-Auktionshaus oder Kunstforen zu weit überhöhten Preisen anzubieten. Das Rintelner Haus soll dazu gedient haben, die für Sammler wichtige Herkunft zu erklären. Mehr noch: Der Rintelner, der sich laut Anwalt Seidel als "Kunstsachverstän- diger" bezeichnet, soll sein privates Haus als "Auktions- haus" ausgegeben und Auktionsergebnisse mit Preisen bis zu 55 000 Euro gefälscht haben. Allein das wäre schon dreist genug. Doch darüber hinaus soll der Mann zwei Maler schlicht erfunden haben: Ernst Cuno und Cara Gano. "Er hat sich als Galerist der zeitgenössischen Künstlerin Cara Gano ausgegeben, eine Internetseite für den Verkauf eingerichtet und einen ,Atelier-Stempel' anfertigen lassen", schreibt der Sammler, der sich betrogen fühlt. "Die Bilder hat er vermutlich alle selbst gemalt." Bei den Arbeiten eines Ernst Cuno, angeblich vor 20 Jahren verstorben, soll es sich um wertlose Bilder aus Haushaltsauflösungen handeln, aufgewertet durch einen selbst gebastelten "Nachlassstem- pel". Sogar in einem Internet-Lexikon wurde die Legende des Malers verbreitet, der tatsächlich nie gelebt hat. Andere Arbeiten dürften indes von vornherein als Fälschungen erkennbar gewesen sein. Denn wo gibt es schon einen "echten" Picasso für 1310 Euro, ein Chagall für 690? Höchstens in Rinteln.



Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    Telefon: 05041 - 78932
    E-Mail: redaktion@ndz.de
    Anzeigen
    Telefon: 05041 - 78910
    Geschäftsanzeigen: Anzeigenberater
    Abo-Service
    Telefon: 05041 - 78921
    E-Mail: vertrieb@ndz.de
    Abo-Angebote: Aboshop

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt