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Ein Blick hinter die Kulissen des Rathaussaales / Mit dem Bühnenmeister auf dem Schnürboden

Als Theaterdonner noch nicht vom Band kam...

Bückeburg. Das Teil sieht fast so aus wie einüberdimensionales Laufrad im Hamsterkäfig. Allerdings drehen darin keine possierliche n Nager ihre Runden - sondern Kieselsteine oder getrocknete Erbsen. Wer am Rad dreht, erlebt eineÜberraschung: Es hört sich an, als ginge gerade ein satter Landregen nieder.

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Karsten Klaus Redakteur zur Autorenseite

Die Illusion ist perfekt - jetzt fehlen eigentlich nur noch kräftiger Wind und Blitz und Donner zum Gewitter. "Kann ich leider nicht mehr bieten," schmunzelt Danny Rethmeier. "Die beiden anderen Maschinen sind kaputt." Der Bühnenmeister des Rathaussaals deutet auf zwei weitere altertümliche Geräte an der Wand hoch über den Brettern, die für manchen die Welt bedeuten: Dort läuft eine altersschwache Stoffbahn über ein bewegliches Holzgestell. Rethmeiers Vorgängern gelang es noch, dem Gerät Windgeräusche zu entlocken un d dem danebenhängenden geheimnisvollen Kasten den geradezu sprichwörtlichen "Theater- donner". Für moderne Produktionen werden diese altertümlichen Geräte aus der Zeit des Baus des Theatersaals nicht mehr benötigt. Doch auch nach gut hundert Jahren sind die Züge für Vorgänge und Kulissen im Bühnenhaus noch immer in Betrieb. Auf dem Schnürboden, der seinem Namen noch alle Ehre macht, verläuft wie vor hundert Jahren ein Gewirr von Drahtseilen über alte gusseiserne Umlenkrollen. Richtig solide Mechanik, die den Eindruck vermittelt, als würde die auch die nächsten Jahrzehnte noch zuverlässig funktionieren. Die Seilzüge dienen zum Anheben von Teilen des Bühnenbildes. Um nicht an eine bestimmte Stelle gebunden zu sein, sind die Züge gleichmäßig über die Bühne verteilt. Damit die Schnüre von nur einem Mitarbeiter bedient werden können, sind sie an der Seitenwand an sogenannten Schlitten befestigt, auf die Gewichte zum Ausgleich des Gewichtes der Dekorationen eingelegt werden können. Danny Rethmeier oder sein Kollege Carsten Spier sind zwar bei allen Aufführungen im Rathaussaal dabei, Bühnentechnik und Beleuchtung werden jedoch meist von Technikern der jeweiligen Produktion bedient. "In einer Bühnenanweisung ist genau festgelegt, was getan werden muss und was nicht", erklärt Rethmeier. Egal ob Theater, Konzert oder Comedy - so mancher Wunsch von Produzenten und Regisseuren kann in Bückeburg nicht erfüllt werden. Das gibt die alte Bühnentechnik nicht her. "Da ist dann oft Improvisation gefragt", weiß der städtische Bühnenmeister aus langjähriger Erfahrung. "Stammkunden" kennen die Schwächen des Rathaussaales bereits - wissen aber auch seine Stärken zu schätzen. Gute Akustik und die unvergleichliche Atmosphäre einer alten, hochherrschaftlichen Spielstätte gleichen manchen Mangel aus. Viele Schauspielerinnen und Schauspieler sehen gerne über ihre spartanisch ausgestatteten Garderoben und schlechte Arbeitsbedingungen für Maskenbildnerin oder Bügelfrau hinweg, wenn sie erst einmal vor dem als fachkundig und begeisterungsfähig geltenden Bückeburger Publikum auf der Bühne stehen. "Die meisten Stars sind unheimlich nett,überhaupt keine Allüren", hat Rethmeier erfahren. Charles Brauer alias Tatort-Kommissar Peter Brockmöller habe sich zum Beispiel nach der besten Bratwurst in der Stadt erkundigt, Comedian Markus Maria Profitlich pflege auch mit den Technikern einen ungezwungenen Umgang. Ein Autogramm von MusikerPaul Kuhn hält Rethmeier in Ehren, auch wenn ihn solche Erinnerungsstücke eigentlich nicht interessieren. Bühnenmeister - ein Traumjob für Musik- und Theaterfreunde? Rethmeier wiegt bedächtig den Kopf. Für ihn bedeutet jede Veranstaltung im Rathaussaal schließlich Arbeit, gerade auch am Wochenende, wenn eigentlich die Familie wartet. Und die ganz ernsten klassischen Konzerte reißen den gelernten Kfz-Mechaniker nicht gerade vom Hocker, aber auf jede Aufführung im Kindertheater freut er sich besonders. "Da herrscht immer eine ganz tolle ausgelassene Atmosphäre", erzählt Danny Rethmeier, dem natürlich trotz aller Technik auch die Stimmung im Zuschauerraum nicht verborgen bleibt: "Kinder sind ein ganz dankbares Publikum. Und die Schauspieler versuchen fast immer, sie in die Aufführung mit einzubeziehen." Auch wenn der Rathaussaal bühnentechnisch nicht gerade auf dem neuesten Stand ist - an einem wird nicht gespart: der Sicherheit. Bei der letzten Renovierung wurde beispielsweise der Brandschutz auf den neuesten Stand gebracht. Doch wenn sich zu Beginn einer Aufführung der solide eiserne Vorhang (auch eine Brandschutzmaßnahme) hebt, machen sich Zuschauerinnen und Zuschauer kaum Gedanken über das vielfältige Treiben der Techniker hinter der Bühne. Sie freuen sich auf einen unterhaltsamen Abend - und über einen wohltemperierten Saal. Und für den wiederum haben Rethmeier und seine Kollegen gesorgt. Der Rundgang hinter der Bühne ist beendet, Rethmeier schließt die Tür zum Rathaussaal ab und besteigt das Führerhaus der städtischen Kehrmaschine. Ein Vollzeit-Job ist die Tätigkeit als Bühnenmeister nämlich nicht. Er ist in die Routinearbeiten des städtischen Bauhofs eingebunden, wenn im Rathaussaal keine Veranstaltungen stattfinden. Auf die neue Saison freut er sich bereits - da lernt er nämlich wieder viele interessante Menschen kennen.




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