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Ein fast hundertprozentiges Ja der Schaumburger bei der Volksabstimmung vor 75 Jahren

Als Rote braun wurden

Bei uns herrscht die wahre Demokratie!“, rief Joseph Goebbels Ende März 1938 den jubelnden Zuhörern im Berliner Sportpalast zu. „Sonst könnten wir es nicht wagen, das Volk an die Wahlurne zu rufen“. Die Regierung sei fest davon überzeugt, „dass sich in dieser historischen Stunde nur ein ganz minderwertiger, schlechter Charakter dem Ruf der Nation entziehen kann“.

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Autor:

wilhelm gerntrup

Die vollmundigen Ankündigungen des Reichspropagandaministers vor 75 Jahren galten einer in vielfacher Hinsicht höchst ungewöhnlichen „Wahl“. Am 10. April 1938 konnten und sollten die Einwohner Deutschlands und Österreichs über die Vereinigung und Verschmelzung ihrer Völker zu einer großdeutschen Einheitsnation abstimmen. Der Urnengang war eine fürs europäische Ausland inszenierte Propagandaveranstaltung. In der Praxis hatte die Einverleibung der Alpenrepublik bereits stattgefunden: Wenige Wochen vor dem anberaumten Termin waren deutsche Truppen in Wien einmarschiert.

In Frankreich und England war man von der „Heim-ins-Reich-Aktion“ offenbar überrascht worden. Die Proteste der Siegermächte des Ersten Weltkrieges wirkten zaghaft und hilflos. Der Plan, die Deutschen durch knallharte Reparationsauflagen auf Dauer zu „befrieden“, hatte sich ins Gegenteil verkehrt. Das fünf Jahre zuvor an die Macht gekommene Hitler-Regime ließ keine Gelegenheit aus, um die einstigen Waffengegner zu provozieren. Ungeniert wurde aufgerüstet. Appelle und Warnungen blieben unbeachtet. Auf die in Paris und London gehegte Hoffnung, dass sich die Deutschen ihres faschistischen Regimes über kurz oder lang selbst entledigen würden, reagierte man mit Hohn und Spott. „Wir werden der Welt beweisen, dass das Volk zum Führer steht; und wir werden ihr beweisen, dass das Volk das nationalsozialistische Aufbauwerk billigt und bewundert“, tönte es wenige Tage vor der Wahl aus der Reichskanzlei. Das Regime behielt recht. 99,56 % der Deutschen und 99,73 % der Österreicher beantworteten die Frage „Bist Du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst Du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler?“ mit „Ja“.

Genauso eindeutig sahen die Zahlen im Schaumburgischen aus. Die bis zur „Machtergreifung“ überwiegend „rote“ Bevölkerung war innerhalb von fünf Jahren „braun“ geworden. Im Freistaat Schaumburg-Lippe stimmten 99,3 % der knapp 36 Tausend Wahlberechtigten und in der damaligen preußischen Grafschaft Schaumburg 99,6 % (von ca. 34650) mit „ja“. In 90 der damals 117 Städte und Dörfer wurden sogar 100-Prozent-Werte gezählt. Besonders schnell und entschlossen hatten sich laut Schaumburger Zeitung die 335 Stimmberechtigten (und Regimebefürworter) in Rehren A.O. (heute Gemeinde Auetal) gezeigt, „wo schon längst vor Mittag alle zur Wahlurne geschritten waren“.

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  • So sah der Stimmzettel für die Volksabstimmung aus.

Keinerlei Verständnis zeigten die heimischen Blätter für „die wenigen, die sich in ihrer Verblendung noch immer kritisch und ablehnend“ gezeigt hätten. Im Freistaat Schaumburg-Lippe gab es davon nur noch 243, und in der Grafschaft wurden gerade mal zehn Nein-Stimmen gezählt. Die größte Überraschung lieferte mit 62 Verweigerern ausgerechnet die frühe nationalsozialistische Hochburg Bückeburg. Darüber hinaus trat eine nennenswerte Opposition nur noch in den traditionell „linken“ Bergmanns- und Glasmachersiedlungen Stadthagen (50), Sülbeck (27) und Helpsen (21) in Erscheinung.

Ob und wie sehr die vor 75 Jahren ausgezählten Ergebnisse die damalige politische Stimmungs- und Gesinnungslage widerspiegelten, ist schwer zu sagen. Meinungsfreiheit und -vielfalt gab es nicht mehr. Als Regimekritiker Verdächtige wurden argwöhnisch überwacht. Sicher ist jedoch, dass Hitler vom Gros der Deutschen verehrt und bewundert wurde. Er hatte die „Schmach von Versailles“ getilgt. Man war wieder wer. Es gab deutlich mehr Arbeit und Einkommen als 1933. Die Schaumburger bekamen den Aufwärtstrend aus nächster Nähe mit. Beim Bau der Autobahn durchs heimische Wesergebirge waren über Jahre hinweg mehr als 3000 Ex-Arbeitslose im Einsatz. Sie ließen die Kassen vieler Handwerksbetriebe, Kaufleute und Kneipenwirte klingelten. „Das Aufbauwerk des Führers steht in der Welt ohne Beispiel da!“ trichterten die gleichgeschalteten Medien ihren Lesern und Hörern ein. „Wir verbeugen uns vor der Größe eines Mannes, wie er noch niemals in der Geschichte des deutschen Volkes in Erscheinung getreten ist“, stimmte der in Stadthagen gedruckte „General-Anzeiger“ in den boomenden Führerkult ein.

Angesichts von so viel Zustimmung schien es dem Gros der Deutschen unangebracht oder garkleinlich und undankbar, Sinn und Zweck der Rüstungsanstrengungen, Verdunkelungsvorschriften und Luftschutzübungen sowie das „verschärfte“ Vorgehen der Behörden gegen Arbeitsscheue, Asoziale und die in der Nachbarschaft wohnenden Angehörigen des Weltjudentums infrage zu stellen. Auch über so abstrakte Dinge wie Toleranz, Meinungsfreiheit und Menschenrechte mochte man nicht ernsthaft nachdenken. Das nervige Parteiengezänk der „Systemzeit“ (gemeint war die Weimarer Republik) wurde ohnehin nicht vermisst. Nicht wenige Volksgenossen trösteten sich damit, dass auch viele ehrenwerte und hoch angesehene Persönlichkeiten wie Pastoren, Lehrer und die Vorsitzenden der Krieger-, Feuerwehr-, Schützen- und Sportvereine mitmachten. „3000 alte Soldaten geloben unverbrüchliche Treue“, ließ sich der langjährige Kreisverbandsführer der schaumburg-lippischen Kriegervereine, Dr. Heeren, im Hauptberuf Direktor des Bückeburger Gymnasiums Adolfinum, in einem Wahlaufruf vernehmen. Und Kreisbauernführer Krömer gelobte „ein restloses Ja der landwirtschaftlichen Erzeugerfront“.

Die Einwohner des Wesertals waren zusätzlich während einer Wahlveranstaltung am 29. März 1938 in Obernkirchen motiviert worden. Zum Schluss der Großkundgebung gab der höchste heimische NS-Funktionär Gauleiter Dr. Meyer unter dem Jubel der 5000, größtenteils mit dem Zug aus Rinteln angereisten Volksgenossen bekannt, dass er beschlossen habe, „die Grafschaft Schaumburg als selbstständigen Kreis bestehen zu lassen“.

„Der Kreis Grafschaft Schaumburg bleibt selbstständig“ - Gauleiter Meyer mit seinem Führer und Idol Adolf Hitler.

gp (3)



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