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Die spannenden Hintergründe zu einer Radierung, die der Museumsverein jetzt erworben hat

Als Pyrmont noch der „Tempel der Spieler“ war

Von Titus Malms
Von E. T. A. Hoffmann stammt die Erzählung „Spielerglück“ aus dem Jahre 1819, die heute kaum jemand kennt, die aber den für die Zeitgenossen außerordentlich einleuchtenden Schauplatz Pyrmont zum Gegenstand der Handlung hatte. Denn in dieser Zeit war dieses Bad schon seit langem für die bis ins Maßlose gesteigerte Spielsucht sehr bekannt.

Von Titus Malms

Von E. T. A. Hoffmann stammt die Erzählung „Spielerglück“ aus dem Jahre 1819, die heute kaum jemand kennt, die aber den für die Zeitgenossen außerordentlich einleuchtenden Schauplatz Pyrmont zum Gegenstand der Handlung hatte. Denn in dieser Zeit war dieses Bad schon seit langem für die bis ins Maßlose gesteigerte Spielsucht sehr bekannt.

Davon lassen sich in der Gesellschaftspresse der Zeit um 1800 genügend aussagekräftige Spuren finden. Diese anschaulichen, aber wenig bekannten Texte werfen ein bezeichnendes Licht auf dieses Kapitel in der Geschichte des Bades. Denn die Autoren dieser Zeit bedienen uns mit ganz handfesten Berichten, „über das größte Gift für alle Brunnenkuren“, um mit dem Arzt Hufeland zu sprechen. So ist der jetzt geglückte Ankauf einer bislang unbekannt gewesenen Radierung durch den Museumsverein eine gute Gelegenheit, sich dem berüchtigten Thema zuzuwenden.

2 Bilder
Johann Heinrich Ramberg, Radierung von D. V. Denon, 1791 in Venedig entstanden.

Die „Zeitung für die elegante Welt“ oder das von dem berühmten Unternehmer Friedrich Justin Bertuch verlegte „Journal des Luxus und der Moden“, belieferten Jahr für Jahr das Publikum mit entsprechenden Artikeln: „Es ist mir glaubhaft versichert worden, dass die Gesellschaft der neuen Bankiers, die die Hasardspiele auf zwölf Jahre gepachtet, über 20.000 Taler seit einigen Jahren in jeder Bade-Saison an den Fürsten von Waldeck abgegeben haben, wenigstens ist gewiss, dass das bestimmte jährliche Pachtgeld 11.000 Taler beträgt, dass für jede Session von jedem Spieltisch ein Dukaten, und von dem reinen Gewinn 10% abgegeben wird. Ein durch das Spiel nicht begünstigter, schon verschuldeter Jüngling raubte sich durch einen Pistolenschuss das Leben. Wie mehrere Briefe ausweisen, nennt er das Leben prosaisch, wo der Klang des Louisdor alles entscheidet.

Mehr als jemals hat dieses Jahr (1802) die Sucht des Spiels in Pyrmont gewütet; nicht allein die Männer jung und alt, sondern auch mehrere Damen waren davon ergriffen. Eine angenehme junge Frau warf nicht selten ein allerliebstes Kind von ihrem Busen in die Arme der Fremdlinge, die es gerade aufzunehmen Lust hatten, um ihrem Glücks- oder vielmehr Unglücksstern zuzueilen. Ihre Züge verzerrten sich, die Physiognomie änderte sich konvulsivisch, wenn sie auf den Bankier gerichtet war.

Eine entsetzliche Folge dieses unseligen Zeitvertreibs, die sich diesen Sommer (1812) in Pyrmont ereignete, erregte lebhaft den allgemeinen Wunsch, dass dieses Übel ganz verbannt werden möchte. Der Bediente eines dortigen Brunnengastes, ein junger Schwede, hatte an der, zum allergrößten Verderb dieser Klasse geduldeten, Bedienten-Bank sein Geld verspielt. Die Begierde, seinen Verlust wieder zu ersetzen, erinnerte ihn an einen unseligen Volksglauben, dass der Finger eines unschuldigen Kindes, in der Tasche getragen, unfehlbares Glück am Spieltische bringe, und reizt ihn zu dem unmenschlichen Vorsatz, sich eines solchen Fingers zu bemächtigen. Nach mehreren misslungenen Versuchen lockt er eines Morgens einen am sog. Säuerling, einer Quelle bei Pyrmont, angestellten Knaben auf den nahen Bomberg, und hier schneidet er ihm erst die Gurgel und dann die Finger durch.

Erschreckt durch ein Geräusch verlässt er jedoch das Kind, ohne sein Vorhaben vollständig vollführt zu haben. Das Kind rafft seine Kräfte zusammen und kommt glücklich bis zu Menschen, die ihm Hilfe verschaffen. Der Bösewicht, der bald ergriffen wurde, gestand die schreckliche Tat und das empörende Motiv. Als ich Pyrmont verließ, lebte der Knabe noch, nur ein Finger war ihm abgenommen, den der Unmensch hatte abdrehen wollen. Die häusliche Lage der sonst schon höchst bedauernswürdigen Familie des Knaben, machte die Folgen der Tat noch entsetzlicher. Doch fehlte es nicht an Geldunterstützung.“

Wir verdanken dem hannoverschen Hofmaler Johann Heinrich Ramberg (1763 - 1840) die satirisch-ironische, von eigener Hand kolorierte Umrissradierung, die dieses Milieu auf eine so noch nicht gesehene Art illustriert. Das Blatt ist mit sage und schreibe 34 Personen und drolligem Spott bis in jeden Winkel ausgefüllt. Es folgt dem Stil der Hogarthischen Kupferstiche, die Ramberg in seiner Londoner Studienzeit kennengelernt hatte. Durch die ebenbürtigen Erklärungen G. Chr. Lichtenbergs sind diese Bilder seinerzeit (1794) in Deutschland populär geworden. Es ist reizvoll, auch unser Blatt in dessen typischer Manier zu skizzieren:

Der Ausdruck in diesen Gesichtern und Figuren ist sehr mannigfaltig und umfasst den größten Teil der Tonleiter der menschlichen Gemütsstimmungen: Von der schlaf-fen Leere auf niedrigster Stu-fe, bis zum moralischen Nichts und wieder Nichts; vom bedächtigen Ernst durch erworbene Gefühllosigkeit bis zum Missmut mit Äußerungen von angehender Verzweiflung. Bei günstigem Glück zeigt sich dagegen kaltes Blut und behagliche Freude mitten in dem tobenden Gewühl von Verwünschungen der Unglücklichen, auf deren Ruin es sich stützt. In mancherlei Gestalt sieht man Furcht und Betrug, die für alles andere fühllos machen, in bunter Mischung durcheinander.

Man meint es fast auch noch hören zu können, etwa das Umstürzen eines Stuhls, das Klingen einzelner Taler und das schwerfällige Rauschen der über den Tisch geschleiften Goldstücke; dazu die mit aller Macht ausgestoßenen Flüche, Drohungen, mit teilnehmendem Hundegebell vermischt: Ja, so spielten sie und erwarteten den Spruch des Zufalls über den Besitz ihrer Güter. Vorn kehrt der Jüngling dem Glück endlich den Rücken, weil es ihm unerträglich ist, den Rücken des Glücks noch länger anzuschauen. Dahinter verschachert eine Witwe die hervorstehenden Reize ihrer Tochter an den verknöcherten Gewinner, dem schon die Einflüsterungen eines Glücksritters gelten. Dem jungen Galan daneben sind alle Schätze dahin, und nichts ist ihm übrig als – sein Schätzchen. Dem Hasardeur vorne rechts, dessen Hut mit Schuldscheinen gefüllt ist, greift ein Gauner schamlos in die Tasche, um doch noch seinen Schnitt zu machen.

So erzählt jede Figur eine Geschichte. Die durchdachte Komposition beherrscht aber in der Mitte ein unverwechselbarer Kopf: Generalmajor Gebhard Leberecht von Blücher (der spätere General-feldmarschall). Der weit gereiste Carl Julius Weber bezeichnete Pyrmont als „Tempel der Spieler“, in dem der Husaren-General selten an der Bank fehle: „Hier trieb Blücher das Hasardspiel, wie den Krieg, bei Tabak und Punsch!“ Die größten Kriegshelden sind die wildesten Spieler, behauptete auch der Schriftsteller Carl Nicolai („Lebenserfahrungen und Lebensbeobachtungen“ 1816) und schrieb: „Ein großer Held neuerer Zeit, den Ramberg an die Pyrmonter Bank trefflich in dem schönen, radierten Blatt – die Pharo-Banque – hinstellt, ist Beweis.“ Im Ent-stehungsjahr 1799 hat Blücher im Badehaus gewohnt und vom 5. Juli bis 1. August auch über einen Schlüssel zu einem der „Sekreta“ (Abtritte) ver-fügt. Es liegt nahe, dass Ramberg eigene Eindrücke von der im Ballsaal gehaltenen Pharo-Bank genauso inspirierten wie von der im Kaffeehause eingerichteten Bedienten-Bank, mit dem dort hinter der Tür dargestellten dramatischen Kopfschuss eines Verzweifelten.

Goethe hatte 1801 beobachtet: „Was aber in Pyrmont apprehensiv (reizbar) wie eine böse Schlange sich durch die Gesellschaft windet und bewegt, ist die Leidenschaft des Spieles und das daran bei einem jeden – selbst wider Willen – erregte Interesse... überall zischt das Ungeheuer durch die Reihen.“ Dieses „bedeutende Blatt“ (Ramberg-Biograph Jacob Hoffmeister 1877) führt uns das nun wieder drastisch vor Augen.




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