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Nach 30 Jahren: Hamelner Grüne der ersten Stunde erinnern sich an die Anfänge ihrer Partei

„Als Partner waren wir nicht erwünscht“

Hameln. Selbstgestrickte Schlabberpullis und Gesundheitsschuhe, Bärte bis zum Brustbein, das Baby im Tragetuch vor den Bauch gebunden und prinzipiell gegen alles, was die etablierten Parteien zusammenhielt – das waren „Die Grünen“ vor 30 Jahren, wie sie den Bundesbürgern via Fernsehen ins Haus gebracht wurden: eine bunte Truppe aus Friedens- und Frauenbewegten, Öko-Aktivisten und Atomkraftgegnern, die alles infrage stellte, was in den Zentren der Macht als politisches Allgemeingut galt. Die ersten Grünen in Hameln und im Landkreis hatten mit diesem Klischee nur wenig gemein.

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Autor:

Brigitte Niemeyer

Hameln. Selbstgestrickte Schlabberpullis und Gesundheitsschuhe, Bärte bis zum Brustbein, das Baby im Tragetuch vor den Bauch gebunden und prinzipiell gegen alles, was die etablierten Parteien zusammenhielt – das waren „Die Grünen“ vor 30 Jahren, wie sie den Bundesbürgern via Fernsehen ins Haus gebracht wurden: eine bunte Truppe aus Friedens- und Frauenbewegten, Öko-Aktivisten und Atomkraftgegnern, die alles infrage stellte, was in den Zentren der Macht als politisches Allgemeingut galt. Die ersten Grünen in Hameln und im Landkreis hatten mit diesem Klischee nur wenig gemein. „Wir waren eher bürgerlich“, erinnert sich Jürgen C. Kruse an die Anfänge der Anti-Parteien-Partei, die auf der lokalen Ebene ihren Ursprung in der Protestbewegung gegen den geplanten Bau des Atomkraftwerkes in Grohnde hatte.

Die Entwicklung hin zur Partei begann in Hameln im Wohnzimmer von Walter Hedemann, der damals noch Lehrer am Viktoria-Luise- Gymnasium war. Er hatte im Herbst 1977 die Vorsitzenden der neuen niedersächsischen „Umweltschutzpartei“ (USP), Carl Beddermann und Helmut Neddermeyer, zu sich nach Hause eingeladen, dazu einen kleinen Kreis interessierter Bürger. Kruse, Carsten und Heidrun Winkler und Adelheid Brunotte waren dabei, „lauter Wertkonservative“, sagt Kruse. Die vier gehörten auch der kleinen Gruppe an, die im Winter in Hameln einen USP-Kreisverband gründete. Er war sozusagen die Keimzelle der Grünen in Hameln, die 1981 zur Kommunalwahl antraten. Mit Gisela Jehle und Heidrun Winkler zogen die ersten grünen Abgeordneten in den Hamelner Rat ein; Heinz-Jürgen Bredemeyer und Harald Gruhl errangen für die Grünen Mandate im Kreistag.

„Von den Alternativen wurden wir damals nicht so richtig gemocht, aber den etablierten Ratsparteien waren wir nicht bürgerlich genug. Wir sind mit allen Anträgen gescheitert“, erinnert sich Kurse, der 1983 für die ausgeschiedene Gisela Jehle nachgerückt war, an eine eher frostige Atmosphäre bei den Sitzungen im Rathaus. Die Forderung der Grünen nach einem Umweltticket als Anreiz für die Autofahrer, der Umwelt zuliebe auf die Busse der KVG umzusteigen, wurde von der Ratsmehrheit genauso gnadenlos abgebügelt wie ihr Vorstoß, im Gebiet des Tünderangers Trinkwasserschutzzonen auszuweisen. Beide Anliegen, stellt Kruse mit später Genugtuung fest, „wurden später doch noch umgesetzt“.

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Die prinzipielle Ablehnung alles „Grünen“ trieb seltsame Blüten, als es um die heiß umstrittene Frage ging, ob die Pfortmühle abgerissen oder erhalten bleiben soll. Die SPD wollte den Abriss, CDU und Grüne wollten den Erhalt. Aber an eine schwarz-grüne Zusammenarbeit war gar nicht zu denken. Kruse: „Als Partner waren wir von keinem gewünscht.“

Von keinem, außer von Gerhard Paschwitz. Der Christdemokrat war damals Vorsitzender des Grünflächenausschusses und durchaus offen für Umweltfragen. In seiner eigenen Fraktion habe er in den frühen Achtzigern mit seinen „grünen Themen allerdings nicht immer ein Heimspiel gehabt“. Und sei darum auch gar nicht unglücklich gewesen, als ihm mit Heidrun Winkler, („eine ganz Liebe“) und Gisela Jehle („eine ganz Energische“) plötzlich Mitstreiter zur Seite standen. „Wir haben zusammen Krötenzäune an der Klütstraße aufgestellt, wir haben in dem heißen Sommer Anfang der 80er Jahre Grünanlagen gegossen und im Winter irgendwann Mitte der 80er auf dem alten Bauhof an der Königstraße die Tauschaktion ,Splitt gegen Streusalz‘ durchgezogen“. Auch eine „Grüne Mappe“ mit einer Sammlung von Ideen zum lokalen Umweltschutz entstand bei dieser parteiübergreifenden Kooperation in der Nische des Grünflächenausschusses.

Dass Gisela Jehle eine gemeinsame Ratssitzung akustisch mit dem leisen Geklapper ihrer Stricknadeln untermalte, irritierte Paschwitz allerdings. Und veranlasste ihn unter dem Tagesordnungspunkt Verschiedenes zu dem Antrag, „das Mitbringen von Bastelsachen oder Malkästen“ in eine Ratssitzung künftig zu untersagen. „Hätte vielleicht nicht sein müssen“, sagt Paschwitz heute, „aber so war das damals eben.“

Auch im Kreistag schlug den Grünen 1981 keine Sympathie entgegen. Man hielt Distanz zu den Exoten. „Das änderte sich aber, als die Vertreter der anderen Parteien merkten, wie lieb wir im Vergleich zu dem einzigen Abgeordneten der Alternativen Wählergemeinschaft (AW) waren“, erzählt Harald Gruhl. Eher linksorientiert und in ihrer Ablehnung bürgerlicher Parteipolitik viel radikaler als die Grünen, sei die AW zum „Feindbild“ der anderen Fraktionen geworden. Als die beiden Grünen ein Jahr später mit zwölf Anträgen zum Haushalt eine Mammutsitzung des Kreistages provozierten, machten sie sich allerdings auch keine Freunde. Und genauso wenig, als sie bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an CDU-Landrat Fritz Saake zwar im feinen Zwirn, aber mit der Plakette „Atomkraft – Nein Danke“ am Revers auftauchten.

Die Hoffnung, dass grüne Abgeordnete nur ein kurzes Gastspiel auf der kommunalpolitischen Bühne geben, mussten die gestandenen Parteien spätestens nach der Kommunalwahl 1986 begraben. Zwei Sitze im Rat und drei im Kreistag – die Neulinge hatten sich etabliert. Hatten parteiinterne Auseinandersetzungen um Kurs und Köpfe überstanden und waren entschlossen, den Bürgerlichen in Kreistag, Rat und Verwaltung das Leben weiter unbequem zu machen.

Helmut Vogt, der als 32-Jähriger in den Kreistag einzog, sagt im Rückblick auf diese Zeit: „Für mich war das damals aufregend und für alle anderen Beteiligten wohl auch.“ Worum im Einzelnen gestritten wurde, fällt ihm heute nicht mehr ein. Aber „dass man als Grüner damals gar nicht anders konnte, als Opposition zu machen, was natürlich zu entsprechenden Auseinandersetzungen geführt hat“ , das weiß er noch. Um die etablierte „Altherrenrunde der Bürgermeister“ in den Zustand kollektiver Entrüstung zu versetzen, hätten schon Kleinigkeiten gereicht. Wie etwa den Vorwurf von Vogt, die Grünen stießen mit ihren Vorschlägen ja sowieso auf taube Ohren. „Im Nachhinein wundert man sich, dass so ein harmloser Satz damals für so viel Aufregung gesorgt hat“, sagt Vogt heute.

Dass er sich im Wahlkampf mit dem Christdemokraten Klaus Arnold „vehement und teilweise auch sehr emotional“ wegen des dritten Kessels für die Müllverbrennungsanlage gestritten hat und sich dann zusammen mit dem gleichen Klaus Arnold im Kreistag für die Sumpfblume ins Zeug legen konnte, zählt Vogt zu seinen guten Erfahrungen. Sie haben ihm deutlich gemacht: „Trotz unterschiedlicher politischer Standpunkte kann es Gemeinsamkeiten geben.“

Heute ist die Anti-Parteien-Partei längst salon- und koalitionsfähig geworden, ihr ureigenstes Thema Ökologie Allgemeingut. In ihrer Forderung nach dem Ausstieg aus der Atomenergie wissen sie die meisten Bürger des Landes hinter sich, und auch die grüne Kleiderordnung als sichtbarer Ausdruck alternativer Gesinnung haben sie überwunden. Als sie 1981 in Hameln und im Kreistag auftauchten, waren sie die Störenfriede, mit denen keine der anderen Fraktionen etwas zu tun haben wollte. Doch die Berührungsängste legten sich mit den Jahren – auf beiden Seiten. Die Annäherung fand jenseits programmatischer Grundsatzdiskussionen durch funktionierende Zusammenarbeit in Sachfragen statt.

1996 verließ die mit fünf Abgeordneten bislang stärkste Fraktion der Grünen im Kreistag erstmals die Oppositionsbank. Sie bildete eine Koalition mit der SPD und wechselte an der Seite der Sozialdemokraten ins Regierungslager. 2001 verlor Rot-Grün die Mehrheit; seit der Kommunalwahl 2006 mischen zumindest die Grünen wieder mit, diesmal allerdings als Partner in einer Gruppe mit CDU und FDP. Die Hamelner Grünen schafften es 2001 an die Macht, indem sie ein Bündnis mit CDU und Bürgerliste eingingen. Seit der Wahl 2006 geben sie zusammen mit Sozialdemokraten und Liberalen den Ton in der Stadt an.

Plakate, mit denen die Anti-Parteien-Partei bei Wahlkämpfen in den achtziger Jahren in Hameln und im Landkreis um die Stimmen der Bürger warb.

Sie gehörten damals zu den Gründungsmitgliedern der Grünen in Hameln: Jürgen C. Kruse, Carsten und Heidrun Winkler (v. li.).

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