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Als junge Piraten die Weser eroberten

Morgen stechen sie zum 60. Mal in… nun ja, nicht in See, aber immerhin in die Weser: die „Weserpiraten“. Hervorgegangen sind sie aus der Idee eines Pastors, Jugendlichen mit wenigen Mitteln ein besonderes Erlebnis zu bieten. Viel Wasser ist seitdem die Weser hinuntergeflossen – doch so manche Tradition haben sich die „Piraten“ bis heute bewahrt.

Autor:

Marie Denecke

Wenn am morgigen Sonntag 28 Jugendliche und ihre Betreuer in Hannoversch Münden ihre Schlauchboote mit Namen wie „Poseidon“ und „Störtebeker“ zu Wasser lassen, dann folgen sie damit einer langen Tradition: Morgen wird es die 60. Fahrt der „Weserpiraten“ sein, die 60. Jugendfreizeit der Rintelner reformierten Gemeinde, die inzwischen aber weit über die Rintelner Stadtgrenzen hinaus bekannt und beliebt geworden ist.

Die erste Flussfahrt ihrer Art führte die damaligen Jugendlichen allerdings nicht weit: Einmal ging es über den Rintelner Doktorsee und ein Stückchen auf die Weser hinaus – bis zum Weserangerbad.

„Das war ziemlich abenteuerlich“, erinnert sich Helmut Weeke, heute 79 Jahre, pensionierter Konditor und „Weserpirat“ der ersten Stunde, noch bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Der Rintelner war dabei, im Jahre 1950, als sich zehn Rintelner Jugendliche aufmachten und unter Anleitung versuchten, ein Schlauchboot für eine mehrtägige Jugendfreizeit auf dem Wasser klarzumachen. „Wir waren Weserkinder“, sagt Weeke über sich und seine damaligen Mitfahrer: „Diese Fahrt hat uns begeistert.“

3 Bilder
Mit Gitarre und Matrosenhüten in den späten 60er Jahren auf der Weser unterwegs. Das Bild stammt von Ipke Wachsmuth, die hier auch auf dem Bild zu sehen ist.

Die erste Jugendfreizeit der reformierten Gemeinde, 1949, führte noch per Fahrrad zur Baccumer Mühle in die Nähe von Lingen. Doch die Weser war vor der Haustür, was also lag näher, als die Jugendfreizeit vom Radweg auf die Wasserstraße zu verlegen?

Diese besondere Idee hatte der frühere Pastor Carl Herlyn: 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurück, versucht er, den Jugendlichen eine Freizeit zu ermöglichen, die nicht viel Geld kosten würde. Von der amerikanischen Armee, unter deren Verwaltung das Gebiet damals stand, organisierte er sich ein Pontonboot, das am Doktorsee lagerte. Aus solchen Booten hatte man zeitweilig eine Pontonbrücke über die Weser errichtet anstelle der Rintelner Weserbrücke, die im Jahr 1945 gesprengt wurde. Die erste mehrtägige Flussfahrt kam schließlich 1951 zustande.

Helmut Weeke, der 2006 nach Rinteln zurückgezogen ist, erinnert sich, was die kirchliche Gemeinschaft ihm als Kind der 40er und 50er Jahre gegeben hat: Orientierung, einen Leitfaden fürs Leben, die Versicherung, dass es eine Zukunft geben kann. „Viele Kinder sind vaterlos aufgewachsen“, erzählt Weeke, weil die Väter im Krieg fielen oder durch Gefangenschaft erst Jahre später in die Heimat zurückkamen. Die Kirche habe ihnen das Gefühl gegeben: „Wir können etwas aus uns machen.“

Ab 1951 hat sich das Konzept der Jugendfreizeit schnell entwickelt: Von den anfänglichen Paddelversuchen auf dem Doktorsee wurden mehrtägige Fahrten, heute ist die alljährliche Fahrt der Weserpiraten eine feste Tradition, die über Gemeinde- und Glaubensgrenzen hinausgeht.

„Ich glaube fast, die Bereitwilligkeit, die Fahrten mitzumachen, war bei mir das Hauptanstellungskriterium“, berichtet Heiko Buitkamp, Pastor der Rintelner reformierten Jakobikirche, lachend. Die Gemeinde trage die Fahrten sehr stark mit – und auch einige Rintelner Ehen hätten ihren Anfang auf den Fahrten genommen, erzählt er. Dass Mädchen anfangs für die Bootsbesatzung nicht vorgesehen waren, hat sich schon bald geändert.

Dennoch pflegen die Weserpiraten auch heute noch Traditionen: Der neue Pastor der reformierten Gemeinde wird während der ersten Fahrt getauft, ein Mädchen bei Kilometer 99, ein Junge bei Kilometer 100 – das ist auf Höhe Bodenwerder –, spezielle Taufen, „für Leute, die sich besonders verdienst gemacht haben“, erläutert Buitkamp, gibt es bei Kilometer 111.

Die Betreuer, oft „Piraten“, die schon seit Jahren dabei sind, heißen Offiziere. Morgens, noch vor dem Frühstück, wird eine Andacht gefeiert. Zum An- und Ablegen gibt es einen kleinen Fanfarenstoß auf Trompete „Emma“, die noch Pastor Herlyn gehörte und laut Buitkamp sogar noch in einem Stück eines seiner Hemden eingewickelt ist. Und noch immer gibt es jeden Morgen Haferschleim zum Frühstück: Bevor der nicht alle ist, gibt es für niemanden Brötchen.

Diese Traditionen und Bräuche, sie gefallen nicht jedem, genauso wie die zehntägige Flussfahrt nicht für jeden etwas ist. Auf der anderen Seite wird heute – wenn auch ohne Strom – auf Campingplätzen übernachtet, nicht mehr irgendwo auf einer Wiese, und die Versorgung ist inzwischen auch leicht über Supermärkte möglich, nicht mehr über spendenwillige Bauern – Veränderungen, die nicht jedem Traditionalisten gefallen haben.

Doch schließlich gibt es noch die Sache mit der Technik: Handys bei einem zehntägigen Aufenthalt auf dem Wasser, das kann nicht nur risikoreich fürs Telefon sein, sondern ist auch nicht unbedingt gern gesehen.

Klar falle es manchen Jugendlichen schwer, für eine solche Zeit auf Technik zu verzichten, sagt Buitkamp, und es sei auch schon vorgekommen, dass Jugendliche deswegen nicht mitfahren wollten. Doch: „Anfangs war es der Versuch von Pastor Herlyn, mit wenigen Mitteln den Jugendlichen etwas zu bieten, heute, in der Zeit des Überflusses, geht es um das Naturerlebnis“, so Buitkamp. „Die Natürlichkeit bewahren, das ist das Wichtigste“, findet auch Helmut Weeke.

Einfach nur ein paar nette Tage auf der Weser zu verbringen und die Beine im Wasser baumeln lassen, das kann man sich hier abschminken: Es gibt Tisch- und Kochdienste, die Jugendlichen lernen, wie man Zelte flickt, Taue knotet oder seine Paddel selber herstellt – in der eigenen Holzwerkstatt unter dem Dach der Jakobikirche. Die Flussfahrt mache „viel Spaß, aber es geht auch um Werte“, formuliert es Buitkamp.

Die ersten „Neulinge“, die angesprochen werden, sind Konfirmanden, erläutert Buitkamp. Mitfahrer kommen inzwischen von weit her, auch aus Ostfriesland oder der Partnergemeinde in Halberstadt. Zur 60. Fahrt zieht es auch ehemalige „Piraten“ wieder ins Boot, darunter auch der frühere Pastor Martin Hausmann.

Noch heute ist die Fahrt der Weserpiraten im Vergleich zu anderen Jugendfreizeiten mit rund 110 Euro relativ günstig und zudem besonders. Möglich sei das durch gelegentliches Sponsoring, erzählt Buitkamp, einen Teil der Paddel zum Beispiel fertigt „Requart Holzbau“ an. Und natürlich lebt ein solches Projekt von viel Eigenarbeit, von erwachsenen Betreuern – zwei pro Boot –, die mitfahren und nicht nur ihre Zeit und ihre Bereitschaft opfern, sondern auch ihren finanziellen Beitrag zahlen, ohne den es nun mal nicht geht. „Das ist tolle Unterstützung“, sagt Buitkamp über dieses Engagement.

Natürlich wird er auch bei dieser Fahrt wieder mit an Bord sein. Verabschiedet werden die Weserpiraten am morgigen Sonntag ganz traditionell: mit einem Gottesdienst. Bevor es wieder hinaus auf die Weser geht.

Kontakt: Die Weserpiraten sind übrigens im Internet zu finden: unter www.weserpiraten.de.




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