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Abwechslung vom Arbeitsleben gab es nur in den Spinnstuben – bei Klönen und Schauergeschichten

Als es noch keine Massenmedien gab

Mehr als dreieinhalb Stunden verbringt der Durchschnittsdeutsche täglich vorm Fernsehapparat. Fast genauso lange sitzt er am Computer und hört – oftmals nebenher – MP3-Player oder Radio. Und weitere 60 Minuten gehen, den Statistiken zufolge, fürs Lesen von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern drauf. Angesichts eines solch ausgedehnten und vielfältigen Programms drängt sich die Frage auf: Was machten eigentlich die Leute, als es noch keine Massenmedien gab? Immerhin musste die Menschheit bekanntlich mehrere tausend Jahre ohne sie auskommen.

Bis in die Neuzeit hinein spiegelte sich die Bedeutung der häusl

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Die Antwort mag für zivilisationsverwöhnte Zeitgenossen erschreckend klingen: Freizeit und Unterhaltung nach heutigen Vorstellungen waren bis vor gar nicht allzu langer Zeit unbekannt. Einziger Lebensinhalt der kleinen Leute war die Sorge ums Überleben. Man war vom ersten Hahnenschrei bis zum Dunkelwerden auf den Beinen. Abwechslung gab es nur in den „Spinnstuben“.

Während die Menschen im Sommer nach dem Sonnenuntergang todmüde ins Bett fielen, blieben die Erwachsenen im Winter nach der letzten Mahlzeit noch ein paar Stunden an der Feuerstelle zusammen. Die Männer reparierten Arbeitsgeräte und Schuhe, und die Frauen häkelten und flickten. Die Hauptbeschäftigung aber war das Spinnen und Weben. In fast allen Häusern des häufig monatelang tief verschneiten Schaumburger Landes waren Spinnräder und Webstühle in Betrieb. Damit wurde der im Sommer angebaute und geerntete Flachs verarbeitet – hierzulande wegen des Endprodukts schlicht „Lein“ genannt. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg-Preußen („Der Große Kurfürst“) soll die heimische Region bei den Friedensverhandlungen nach dem Dreißigjährigen Krieg im Jahre 1648 als „Spinn- und Linnenländchen“ bezeichnet haben.

Im Laufe der Zeit pflegten bei der winterlichen Heimarbeit auch die Nachbarsfamilien mitzumachen. Und in späterer Zeit kamen ganze Ortsteile und Stadtviertel zu Spinnabenden zusammen. Daneben gab „Spinnstubengemeinschaften“ junger Leute.

Mancherorts hatten sich im Laufe des Mittelalters in den Spinnst
  • Mancherorts hatten sich im Laufe des Mittelalters in den Spinnstuben ungezügelte oder gar unsittliche Zustände breitgemacht – hier eine Holzschnitt-Darstellung aus dem Jahre 1524.

Während des gemeinsamen Werkens wurden Geschichten erzählt, Erfahrungen und Erlebnisse ausgetauscht und althergebrachte Lieder gesungen. Besonders beliebt waren Sagen, Märchen sowie Hexen-, Gespenster und andere Schauergeschichten. Daneben ging es um Wetter, Ernte, Krankheit, den lieben Gott und das Kinderkriegen. Kein Zweifel: Ohne die über Jahrhunderte hinweg gepflegte „Spinnstuben-Unterhaltung“ würde es unser heutiges Wissen von „Volkes Kunde“ und „Volkes Kultur“ nicht geben. Und auch über das Treiben der „Spökenkieker“ und „Böxenwülfe“ und die gruseligen Mord- und Totschlaggeschichten, die sich um die heimischen Kreuz- und Sühnesteine ranken, wüssten wir nichts. „Sie (die Spinnstuben) gehören zu den großen Schlagadern, in welche sich das warme Herzblut des Volkes ergießt, um ihm in Gestalt heldenhafter Lieder und erschütternder Erzählungen die erforderliche Lebenskraft zuzuführen“ heißt es einem 1904 erschienenen Werk zur Landes- und Volkskunde der ex-hessischen Grafschaft Schaumburg.

Von der Obrigkeit wurden die winterlichen Zusammenkünfte – allerdings nicht wegen ihrer kulturellen, sondern aufgrund der beträchtlichen wirtschaftlichen Bedeutung – mit Wohlwollen betrachtet. „Es gewehnen sich mit dem Flachs und Spinnen auch die müssigen Leute, die Kinder und das Gesinde auf’m Lande und in den Städten zu stetiger Arbeit, und erwehren sich viele damit des schändlichen Bettlens“, heißt es in der 1615 gedruckten Polizei-Ordnung des berühmten Schaumburger Grafen und späteren Fürsten Ernst. „Deshalben sollen unsere Amten auch Bürgermeister und Räthe in Städten mit höchstem Fleisse auf eine Ordnung gedencken, wie man dieselbe Handthierung in Unsern Grafschaften anrichten und erhalten möge“.

Eine besonders intensive Flachsverarbeitungs- und Spinnstuben-Kultur entwickelte sich im Amt Hagenburg mit dem „Seeprovinz“-Zentrum Steinhude. Als Hochburgen in der Grafschaft Schaumburg galten Deckbergen, Ronnenberg, Rohden, Segelhorst, Goldbeck und die Gegend um Fischbeck.

Inoffizieller Start der Wintersaison war Martini (11. November). Während des Mittelalters waren einfach gearbeitete und schwer zu bedienende Handspindeln in Gebrauch. Im 16. Jahrhundert setzte sich mehr und mehr die komfortablere Spinnradtechnik durch. Allerdings wiesen die ersten, hierzulande genutzten Geräte noch Mängel auf. „Et mangelt an goden Raden, de sein eindrechtig teen den Faden un nich so ramenten in den Staven“, reimte der in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebende Bückeburger Kanzleirat Anton Rulmann. Die besten Räder könne man in Hagen (Stadthagen) und Overnkerken (Obernkirchen) zusammenbauen.

Im Laufe der Zeit machten sich in etlichen Spinnstuben Unmoral und Sittenlosigkeit breit. Statt kultureller Erbauung war von Tanz, Saufgelagen und sonstigen Ausschweifungen die Rede. Vor allem während der Nachwuchstreffs soll beim trüben Licht der Ölfunzeln („Krüsel“) nicht nur „geflachst“, sondern auch unzüchtiges Handeln vorgekommen sein. „Und tat oft eine mit dem Hintern rütteln und konnt ihr wohl unten warten zum Leib“, heißt es in den lustvollen Erinnerungen eines jungen Burschen. Kein Wunder, dass die Spinnstuben mancherorts geschlossen und verboten wurden.

In den Schaumburger Einrichtungen scheint es den Überlieferungen zufolge überwiegend anständig zugegangen zu sein. Hier beschränkte sich die Unterhaltung offensichtlich aufs gemeinsame Singen. Noch vor 100 Jahren gehörten Spinnstuben-Highlights wie „Mariechen saß weinend im Garten“, „Nach der Heimat zieht’s mich wieder“, oder „Gold und Silber hab‘ ich gern“ zu den Klassikern des hiesigen Unterhaltungs-Repertoires.

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