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In seinen Tagebüchern protokolliert Ernst Jünger scheinbar ungerührt die Brutalität des Grabenkrieges

„Als Erster an den Feind kommen“

Ernst Jünger, Hamelner Oberrealschüler und prominenter Schriftsteller, hat im Ersten Weltkrieg Tagebuch geführt. Eine nüchterne Chronik der Gewalt.

Von Kerstin Wölki

krieg

Vier Jahre, drei Monate und elf Tage dauerte der Erste Weltkrieg. Ernst Jünger nahm fast die gesamte Zeit daran teil, bis ihn 1918 ein Lungenschuss ins Lazarett beförderte. Bekannt wurde Jüngers „In Stahlgewittern“, eine romanhafte Darstellung der Grausamkeiten in vereinfachter Sprache. Das Rohmaterial dafür lieferten seine Kriegstagebücher, die laut Autor nie zur Veröffentlichung vorgesehen waren. Aus heutiger Sicht wirken sie erschreckend unreflektiert und unberührt vom Grauen, das sich rings um den Diaristen abspielte.
Bei seinem ersten Fronteinsatz im Januar 1915 notiert Jünger, nachdem er auf einen französischen Soldaten geschossen hat: „Ich bin sehr neugierig, wie sich die Schrapnellbeschießung ausmacht.“ Im Allgemeinen, so schreibt er weiter, sei ihm „der Krieg schrecklicher vorgekommen, wie er wirklich ist. Der Anblick der von Granaten zerrissenen hat mich vollkommen kalt gelassen, ebenso die ganze Knallerei, trotzdem ich einige Male die Kugeln sehr nah habe singen hören. Im Allgemeinen sind mir die Kälte und die Nässe in unseren Erdlöchern das unangenehmste.“
Wer schreibt einerseits so distanziert und über den Dingen stehend, andererseits so fasziniert und beobachtend, als sei der Krieg ein Experiment, das es zu untersuchen gilt?
 Ernst Jünger, Sohn eines Chemikers, hat ein Faible für Abenteuerromane, nicht aber für die Schule. Seine dürftigen Leistungen führen innerhalb weniger Jahre zu elf Schulwechseln. Die Literatur ist seine Zuflucht. In diese taucht Jünger auch ein, während er die Schulbank drückt – er setzt sich hinter einen großen Mitschüler, um genügend Sichtschutz zu haben. Autoren wie Karl May, Alexandre Dumas, Daniel Dafoe oder Miguel de Cervantes befördern die Sehnsucht nach dem Nicht-Alltäglichen, nach Abenteuer und Bewährung. Zwei Jahre besucht Jünger die Oberrealschule in Hameln, das heutige Schillergymnasium. Obgleich er bereits an vielen Orten gelebt hat, scheint ihm diese Zeit in besonderer Erinnerung zu bleiben, immer wieder bezieht sich Jünger in seinen Notizen auf Hameln. So im Oktober 1915: „Zwischen den Mauerresten, in den Kornvorräten und in den verborgenen Brunnen und Kellern wimmelt es von Ratten und Mäusen, schlimmer wie wohl je in den Mauern von Hameln.“
Doch es hält ihn nicht an der Weser. Im November 1913 flieht Jünger nach Verdun und verdingt sich in der französischen Fremdenlegion, um endlich ins ersehnte Afrika zu gelangen. Nachdem der Vater ihn zurückgeholt und in einer neuen Schule untergebracht hat, kommt es zum Kriegsausbruch. Jünger, gerade 19 Jahre jung, ist unter den vielen Hunderttausenden Kriegsfreiwilligen. Sein Motiv: Abenteuerlust. So notiert er nach der ersten Nacht im Schützengraben, dass er ein Jahr zuvor ins Heer eingetreten sei, um Abenteuer zu erleben. „Traurig aber wahr!“
Jünger kämpfte im Grabenkrieg an der Westfront. Er tötete und wurde fast getötet, er galt als tapfer und erhielt mehrere Auszeichnungen. Dass er, im Gegensatz zu vielen Millionen Soldaten, den Krieg überlebt, lässt sich getrost als Zufall bezeichnen. Szenen wie diese notiert Jünger zuhauf: „Gerade als ich beim Essen war, wurden einige Dinger vor unsere Nase gesetzt. […] Wir flüchteten in ein in der Nähe stehendes Haus und stellten uns dort unter, da es regnete. Am Abend wiederholte sich derselbe Vorgang. Nur blieben wir vor dem Hause stehn, da es nicht regnete. Prompt sauste auch eine Granate heran und schlug mitten in das Haus, das darauf in sich zusammenbrach.“

Der Tagebuchautor erklärt seinen lakonisch-unbekümmerten Schreibstil mit einem „Trieb zum Dokumentarischen“, der das eigene Erleben festhalten soll. Als immer existent bezeichnet Jünger diesen Drang, sei es bei einem Ausflug oder anlässlich der beiden Kriege, an denen er teilnahm. Die existenzielle Bedrohung – Jünger sah seinen Tod als wahrscheinlich an – machte das Aufschreiben der Eindrücke noch notwendiger: Wenn schon nicht das Leben sicher war, sollten wenigstens sie dem Tod entrissen werden. Während des Ersten Weltkrieges widmet er sich dem Kampfgeschehen ebenso wie naturkundlichen Beobachtungen. Wann immer möglich, hält Jünger in einem separaten Notizbuch Informationen zu gesichteten Käfern fest. Solchen Hobbys wird ein gleiches Maß an Aufmerksamkeit zuteil wie den Grausamkeiten.
Da wird ein Soldat bei dem Versuch, Essen zu bringen, in den Hals getroffen. Jüngers Kommentar: „Hoffentlich kommt er durch. Ja nun muss ich sehen, wo ich Essen herbekomme. C’est la guerre!“
Bei einer anderen Schreckensszene beobachtet Jünger an sich selbst einen „verrohenden Einfluss des Krieges“. Jünger beobachtet alles distanziert wie ein Naturwissenschaftler, der Wirklichkeit seltsam entrückt. Doch bisweilen stellt sich ein „merkwürdiges Gefühl“ ein oder „kommen traurige Gedanken“. Anlässlich einer Beerdigung gesteht er sich einen solchen Moment des Bedauerns ein: „Ja, da kommen traurige Gedanken, wenn man auf solchen Sarg starrt, den schon die Fliegen umspielen. Wozu, wozu --- Und doch, der heroische, großartige Eindruck, den dieser unendliche Zug des Todes ausübt, erhebt und stärkt uns Überlebende.“ Der Moment des Bedauerns währt nur einen Augenblick. Aufkeimende Emotionen werden in die Mystifizierung des Todes und die ideelle Erhöhung des Leidens gelenkt.
Jünger schlägt, wie an dieser Stelle, in den Tagebüchern auch pazifistische Töne an. So fragt er sich: „Wann hat dieser Scheißkrieg ein Ende?“ Oder: „Was soll dieses Morden und immer wieder morden? Ich fürchte, es wird zu viel vernichtet. […] Der Krieg hat in mir doch die Sehnsucht nach den Segnungen des Friedens geweckt.“ Doch auch hier folgt umgehend die Korrektur, indem er sich auffordert, die „Wachstubenphilosophie“ zu beenden. Die Sehnsucht nach Bewährung schien größer zu sein als die nach Frieden.
Der erste industrialisierte Krieg, der an der Front durch den Einsatz von Artillerie und Maschinengewehr bestimmt war, ermöglichte es, den Gegner aus der Ferne zu bekämpfen. Doch die Folgen waren alles andere als anonym: „Als ich am Vormittag durch den Graben ging, bekam grade ein Mann einen Schuß durch beide Backenknochen. Es war ein ekliger Anblick. Er wurde sofort verbunden, das Blut plätscherte wie ein Wasserfall auf den Boden. Wie ich nachher erfuhr, kommt er doch mit dem Leben davon. Ich vergnügte mich damit, auf ein Schießloch zu zielen, hinter dem ein Engländer einen Sack auf einer Stange schwenkte.“ Jünger reagiert mit Ekel, Verdrängung und auch einem Gefühl von Freude. Er ergibt sich dem chaotischen Krieg nicht, sondern gibt sich ihm hin und dokumentiert dies in aller Rohheit.
Mehr noch als ein Abenteuer erscheint der Erste Weltkrieg durch Jüngers Augen wie ein überdimensioniertes Spiel, in dem es darum geht, den Gegner zu besiegen und selbst nicht vom Spielfeld gefegt zu werden. Es geht darum, den anderen entscheidend zu schwächen: „Auf dem Höhenzuge nach Hanneschamps sah ich heute einen aufrechtgehenden Mann. Ich schoss mit Visier 800. Er verschwand, es machte den Eindruck, als ob er getroffen wäre. Hoffentlich hat er ordentlich eins mitbekommen.“ Macht der Gegner einen guten Zug, wird dies mit Respekt bedacht: Mit „dem Amerikaner, der mit dem Sportsgeist eines jungen Kämpfers angreift“, habe man „keinen schlechten Gegner gefunden“.
Die permanente Lebensgefahr scheint einen zusätzlichen Reiz zu geben. So schreibt Jünger an seinem 21. Geburtstag: „Mir macht das Kriegsleben jetzt gerade den richtigen Spaß, das ständige Spiel mit dem Leben als Einsatz hat einen hohen Reiz. [...] Man lebt, man erlebt, man gelangt zu Ruhm und Ehren das alles nur um den Einsatz eines armseligen Lebens. Ich habe wie bei Kriegsbeginn noch immer die Meinung von Mir, als erster des Zuges an den Feind zu kommen.“
Gedanken eines jungen Mannes – aus heutiger Sicht befremdlich und doch nur ein Versuch, sich mit dem Ungeheuerlichen irgendwie auseinanderzusetzen.

Ernst Jünger mit Hamelner Schulkameraden bei der Feier seiner Primarreife (Jünger re. am Tisch). Foto: Deutsches Literaturarchiv Marbach
  • Ernst Jünger mit Hamelner Schulkameraden bei der Feier seiner Primarreife (Jünger re. am Tisch). Foto: Deutsches Literaturarchiv Marbach
Ernst Jünger 1913 bei der Fremdenlegion
  • Ernst Jünger 1913 bei der Fremdenlegion. Foto: Deutsches Literaturarchiv Marbach
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