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Als der legendäre Borgward fliegen lernte

Es ist eines der außergewöhnlichen Kapitel in der Geschichte der deutschen Automobilindustrie. Als mitten in der westdeutschen Wirtschaftswunderzeit Tausende Weißwandreifen aus den Werken rollten, hatte der Bremer Autobauer Carl Friedrich Wilhelm Borgward (1890 – 1963) eine visionäre Idee.

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Autor:

Dieter Störigund Lars Lindhorst

Mit dem „Kolibri“ wollte Borgward die Fortbewegung revolutionieren. Mit diesem Drehflügler wollte der Unternehmensgründer ein raffiniertes Fluggerät etablieren, dass nach seiner Ansicht alsbald sogar das Automobil als Hauptfortbewegungsmittel ablösen sollte. Unter Federführung des renommierten Flugzeugkonstrukteurs Henrich Focke ging im Jahr 1956 das Hubschrauber-Projekt in die Entwicklung. Es sollte Serienreife erlangen – so weit ist es aber nicht gekommen.

Die Borgward-Gruppe war in den 50er Jahren drittgrößter Autobauer Deutschlands. Mit den Marken Borgward, Goliath und Lloyd zählte das Unternehmen zu den erfolgreichsten und innovativsten Autobauern. Zu dieser Zeit bauten lediglich Volkswagen und Opel mehr Autos als die Ingenieure aus Bremen. Als Flaggschiff der norddeutschen Konstrukteure galt die legendäre „Borgward Isabella“.

Der Flugzeugbauer Henrich Focke hatte bereits im Jahr 1936 den ersten Hubschrauber entwickelt. Mit dem Bau der „FW 61“ gelang Focke zu dieser Zeit etwas Bahnbrechendes: Sein neues Fluggerät ließ sich präzise steuern und war leistungsfähiger als alle Drehflügler zuvor. Focke, Mitinhaber der Focke-Wulf-Flugzeugbau AG, hatte damit den ersten gebrauchs- und voll funktionsfähigen Hubschrauber der Welt konstruiert.

Der Kontakt zwischen Carl F. W. Borgward und Henrich Focke entstand zufällig durch Wilhelm Grieschen, damaliger technischer Leiter bei den Bremer Borgward-Werken. Grieschen und Focke trafen sich zunächst zufällig in Brasilien zu Erprobungen neuer Drehflügler. Nicht viel später fand ein Treffen von Automobilchef Borgward und Hubschrauberkonstrukteur Focke auf dem Werksgelände in Bremen-Sebaldsbrück statt. Es kam zu einem ersten Gespräch mit anschließendem Hubschrauberflug von Hamburg nach Bremen.

Borgward war so begeistert von seinem ersten Flug mit einem Hubschrauber, dass er Professor Focke dankbar die Hände schüttelte und ihm seinen Entschluss mitteilte: „Sie haben mich überzeugt! Jawohl – wir werden Hubschrauber bauen – Autos der Lüfte!“ Ein wagemutiger Entschluss Borgwards – im Alter von immerhin 68 Jahren.

Am 1. Mai 1956 begann Focke die Hubschrauberentwicklung auf dem Firmengelände der Borgward-Werke. Zunächst sollten zwei Modelle entwickelt werden, die als Zubringer für die großen Verkehrsflughäfen gedacht waren und später als Vorstufe zum Bau eines Großhubschraubers für 35 Personen gelten konnten. Focke – ein mit allen Raffinessen und Tücken der Drehflügler „gewaschener Kopf“ – stellte dafür ein Spezialisten-Team von 25 Mitarbeitern zusammen. Die Konstruktion es dreisitzigen „Kolibri I“ nahm so ihren Lauf.

Bereits am 20. Dezember 1957 erfolgte ein erster Motorenlauf des Borgward-Helikopters. Gleichzeitig begann die Flugerprobung, die zuerst an Fesselseilen durch den erfahrenen Testpiloten Ewald Rohlfs erfolgte. Rohlfs hatte bereits 1936 mit dem Focke-Hubschrauber „FW 61“ die allerersten Flüge absolviert. Als Ergebnis der Fesselflüge entstand nun eine aus Stahlrohren bestehende Rumpfgitterstruktur. Mit dem offenen Stahlrohrgerüst erfolgte der erste vorsichtige Freiflug des „Kolibri I“ am 15. März 1958 auf dem Borgward-Werksgelände.

Auch der zweite Prototyp des Hubschraubers, der „Kolibri II“, mit aerodynamisch voll verkleidetem Rumpf, der sogenannten Zelle, befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in der Fertigung. Das zweite Modell des „Kolibri“ hatte nun eine feste Kabine, die Platz für einen Piloten und zwei Passagiere bot. Der 260 PS starke Motor ermöglichte eine maximale Geschwindigkeit von 150 Stundenkilometern und eine Reichweite von etwa 350 Kilometern. Die Freiflüge wurden über dem Borgward-Gelände wurden ausgedehnter, und es erfolgte der von der Presse begeistert aufgenommene offizielle Erstflug am 1. Juli 1958.´In den Presseberichten wurden Borgwards Pläne gefeiert, sie seien eine Sensation. Parallel zu der Entwicklung der beiden Kolibris hatte das Konstruktionsbüro von Focke ab Mitte 1958 drei Grundtypen von mächtigen Lastenhubschraubern auf den Zeichentischen – dies auf Veranlassung des Bundesverteidigungsministeriums auf der Bonner Hardthöhe, das mit Datum vom 21. Mai 1958 „Technische Forderungen für einen fliegenden Kran“ erstellt hatte.

Aber es gibt auch immer wieder auftretende Störungen bei der Kolibri-Entwicklung: Innerhalb der Konstruktion müssen noch viele Schwachstellen durch Änderungen oder Austausch vieler Einzelkomponenten beseitigt werden. Ein ärgerlicher Dauerbrenner blieb die Kupplung zwischen dem Getriebe und dem amerikanischen 6-Zylinder Lycoming-Motor. Die vielen kritischen Flugberichte und Protokolle des Testpiloten Rohlfs sprechen Bände. Und das von Prof. Focke entwickelte Rotor-Stabilisierungssystem funktioniert bei böigem Wetter ab 120 Stundenkilometern in der „Quersteuerung“ nicht zufriedenstellend.

Diese Probleme lassen sich auch bis zum tragischen Ende der Borgward-Firmengruppe nicht ganz beseitigen, obwohl bereits eine Serienfertigung von der Firmenleitung ins Auge gefasst worden war. Für Januar 1961 war schon die technische Abnahme des „Kolibri“ durch das Luftfahrtbundesamt in Braunschweig geplant. Dazu kam es nicht mehr: Der zu dieser Zeit finanziell stark angeschlagene Borgward-Konzern konnte die Prüfgebühren nicht mehr aufbringen.

Im Frühjahr 1961 ist dann die legendäre Borgward-Geschichte zu Ende. Das Unternehmen war nicht mehr liquide und meldete Konkurs an. Das „Kolibri“-Projekt wurde gestoppt, die beiden Prototypen wurden verschrottet. Die Kosten für die Entwicklung der beiden Hubschrauber in Höhe von rund 4,3 Millionen Mark waren damit in den Sand gesetzt. Vom „Kolibri“ sind heute nur noch Reste vorhanden. Im Bückeburger Hubschraubermuseum befindet sich der von Focke entwickelte Zwillings-Heckrotor und zwei weitere Komponenten des „Kolibri“. Sie haben die Verschrottung überlebt. Zurzeit entstehen im Museum die Modell-Rekonstruktionen des unverkleideten Kolibri I und des Kolibri II mit Kanzel mit einer Rumpflänge von 1,87 Meter. Beide Modelle und die Zeichnungen der insgesamt acht geplanten Kranhubschrauber sind als Ergänzung zu den vorhandenen abstrakten Resten der Kolibris vorgesehen, um Besuchern den historischen Zusammenhang der Hubschrauberaktivitäten von Borgward und Focke anschaulich zu vermitteln.

Es ist eine gänzlich andere Seite eines technischen Vordenkers: Der Automobilhersteller Borgward entwickelte in den 50er Jahren die ersten Hubschrauber in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Zur Serienproduktion kam es aber nie: Die Prototypen wurden verschrottet. Heute sind nur noch Reste davon übrig – zu finden in Bückeburg.

Im Bückeburger Hubschraubermuseum sind nur noch Reste der originalen „Kolibri“-Prototypen zu sehen wie der Doppel-Heckrotor. Die Hubschrauber wurden größtenteils verschrottet. Foto: tol

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