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Selbst Hinrichtungen durften ohne Genehmigung der Regierung vorgenommen werden

Als der Grundherr noch Richter war

Schaut man auf das Blatt 131 Hameln der Hannoverschen Topographischen Landesaufnahme von 1773, so erblickt man südöstlich von Hameln einen umrandeten Bereich um die Ortslage und die Feldmark Hastenbeck, der groß mit „Gericht Hastenbeck“ bezeichnet ist. Im Nordwesten des Ortes, nahe der Umrandung, sind das Symbol für einen Galgen und das Wort „Gericht“ zu erkennen. Was hat die Beschriftung zu bedeuten?

Ausschnitt der Hannoverschen Topographischen Landesaufnahme von

Autor:

Horst Knoke

Zurzeit der Landesaufnahme war das Kurfürstentum Hannover in drei Arten von Gebietsherrschaften aufgeteilt: 1. die herrschaftlichen Ämter, 2. die Stadtgebiete und 3. die adligen oder Patrimonialgerichte. Verwaltung und Rechtsprechung waren nicht getrennt, der kurfürstliche Amtmann verwaltete den Amtsbezirk und übte dort auch die Gerichtsbarkeit, zumindest die niedere, aus. Dasselbe galt in den Städten und in den Patrimonialgerichtsbezirken, in denen der adlige Grundherr oder Rittergutsbesitzer die Gerichtsgewalt über seine Hintersassen, das heißt über die Einwohner seines Gutsbezirks, hatte. 1838 gab es im Königreich Hannover noch 88 Patrimonialgerichte, Ende des 18. Jahrhunderts hatte es allein in Calenberg 189 Rittergüter gegeben; wenn auch viele in einer Hand waren, so war doch keinesfalls mit jedem Rittergut die Patrimonialgerichtsbarkeit verbunden. Die Patrimonialgerichtsbarkeit war an den Besitz eines Gutes (patrimonium) gebunden, der Bezirk musste mindestens 50 Familien umfassen.

Die Patrimonialgerichte entwickelten sich aus dem Lehnswesen des Mittelalters; die Entwicklung vollzog sich in Anlehnung an den Grundbesitz des Adels. Rittern wurde von ihrem Lehnsherren für ihre Dienste oft ein Hof oder Dorf mit seinen Bauern und nicht selten die niedere Gerichtsbarkeit verliehen, oder der Ritter erwarb durch gewohnheitsgemäßen Gebrauch die Untergerichtsgewalt über seine dörflichen Hintersassen. Hin und wieder gelang es auch auf ähnliche Weise Gutsherren, sich öffentliche Rechte zu verschaffen: polizeiliche Befugnisse, Unterverteilung der Steuern, Wegeangelegenheiten, gewisse Bannrechte wie den Mühlenzwang, die Braugerechtigkeit, die Kruggerechtigkeit, Schäfereigerechtsame, Holz und Mastgerechtsame, Jagd- und Fischereigerechtsame, Kirchenpatronate. So gab es am Ausgang des Mittelalters eine größere Zahl kleiner, mehr oder weniger selbstständiger Herrschaftsbezirke, in denen wesentliche Hoheitsrechte des Staates als private Rechte von gewissen Familien ausgeübt und als verkäufliches Privateigentum vererbt und verkauft werden konnten.

Im hiesigen Raum bestanden: Patrimonialgericht Hastenbeck (1838: 60 Wohnhäuser, 355 Einwohner) im Besitz der Herren von Reden, die 1639 von Herzog Georg von Calenberg mit Schloss, Dorf und Unter- und Obergericht belehnt wurden; Adliges Gericht Ohr, das die Herren von Hake bereits Anfang des 14. Jahrhunderts zu Lehen bekamen; Gericht Hämelschenburg (1838: 46 Wohnhäuser, 328 Einwohner) der Herren von Klenke, deren ältester Lehnsbrief aus dem Jahre 1436 stammt; Schwöbber (1838: 80 Wohnhäuser, 487 Einwohner) mit dem Dorf Grupenhagen, das 1511 in den Besitz derer von Münchhausen kam; Gericht Diedersen, das seit 1551 im Besitz der Herren von Hake ist wie auch Hasperde, das sie 1775 von den Herren von Kipe erbten.

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Herrenhaus Gut Ohr.
  • Herrenhaus Gut Ohr.
Schloss Hämelschenburg.
  • Schloss Hämelschenburg.

Nach ihren juristischen und verwaltungsrechtlichen Zuständigkeiten unterschied man zwei Arten, denn nicht alle Patrimonialgerichte, deren Inhaber auch Bürgerliche sein konnten, hatten das gleiche Maß an Selbstständigkeit: a) Geschlossene Gerichte (Hastenbeck, Hämelschenburg) übten neben der Zivilgerichtsbarkeit auch die Polizeiangelegenheiten und alle anderen Hoheitssachen wie die königlichen Ämter aus und bildeten damit einen eigenen obrigkeitlichen Bezirk. b) Ungeschlossene Gerichte (Ohr, Schwöbber, Diedersen) besaßen nur die niedere Polizeigewalt neben der Zivilgerichtsbarkeit.

Besaß der Gerichtsherr die Befähigung zum Richteramt, durfte er die richterlichen Aufgaben selbst wahrnehmen, im anderen Fall ließ er diese Aufgaben von einem angestellten, juristisch gebildeten „Gerichtshalter“ ausüben, oder er übertrug sie, was oft vorkam, nebenamtlich einem königlichen Amtmann, Amtsassessor oder dem Bürgermeister, Syndikus oder Rechtsanwalt der nächsten Stadt. „Das erwählte Individuum war dem königlichen Ministerium des Inneren zu präsentieren.“ In früherer Zeit, noch im 18. Jahrhundert, hatten besonders die geschlossenen Gerichte viel weitergehende Befugnisse. Ohne Rücksicht auf die Schwere des Falles durften sie in Kriminalsachen entscheiden. Auch wenn das Urteil auf Todesstrafe lautete, war dafür keine landesherrliche Bestätigung erforderlich. In solchem Fall musste die Entscheidung aber gemäß der Halsgerichtsbarkeitsordnung Karls V. durch drei gelehrte Richter getroffen werden, oder die Akten mussten der juristischen Fakultät einer Universität vorgelegt werden. Selbst Hinrichtungen durften ohne Vorwissen und Genehmigung der Regierung vorgenommen werden. Aufgrund dieser Befugnisse hatten die geschlossenen Gerichte wie auch die Ämter oder die Städte ihre eigene Gerichtsstätte, wo Schwerverbrecher hingerichtet wurden, so in Hameln (Galgenberg), bei Hastenbeck und nordwestlich des Schlosses Hämelschenburg.

In der Zeit des Königreichs Westphalen galt die französische Gerichtsverfassung. Die Patrimonialgerichte wurden aufgehoben. Nach dem Ende der Fremdherrschaft wurden die alten Verhältnisse bezüglich geschlossener und ungeschlossener Gerichte wiederhergestellt. Nachdem durch die Ablösungsgesetze Anfang des 19. Jahrhunderts schon alte grundherrliche Rechte aufgehoben worden waren, wurde der Ruf nach Beseitigung der Patrimonial-Gerichtsbarkeit und der sonstigen Hoheitsrechte der Adligen über ihre „Gerichtsuntertanen“ immer lauter. Einige Adlige verzichteten schon früh auf die Gerichtsbarkeit, so die Grundherren von Diedersen und Ohr. 1846 wurde auch das Gericht Hastenbeck aufgehoben, nachdem die Gerichtsbarkeit an die Landesherrschaft abgetreten worden war. 1850 wurden die Patrimonial-Gerichtsbarkeiten Schwöbber und Hämelschenburg aufgegeben. Das damalige Amt Hameln übte fortan in diesen Bezirken die Gerichtsbarkeit aus. Die neue hannoversche Gerichtsverfassung von 1850 brachte dann mit der Trennung von Justiz und Verwaltung die entschädigungslose Aufhebung aller adligen Gerichte bis spätestens 1. Oktober 1852.

Schloss Hastenbeck

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