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Alphornklang am Weserhang

Durch die schweren Holztüren der Klosterkirche St. Marien in Kemnade dringt der satte Klang der Alphörner. Im Innern der romanischen Basilika stehen die Musiker in Reih und Glied und kerzengerade vor dem Altar: Die Alphorngruppe Weserbergland probt. Fest im Griff beider Hände: das Ende des Horns; die Lippen auf das Mundstück gelegt und aufgeblasen die Backen, entlocken die zwei Frauen und acht Männer den gut vier Meter langen „Pfeifen“ ungewöhnliche, aber herrliche Laute. Opulent ist der Schall, der den Kirchenraum erfüllt und Holzbänke und Holzboden zart beben lässt.

Alphorn-Gruppe Foto: amg

Autor:

Alda Maria Grüter

Durch die schweren Holztüren der Klosterkirche St. Marien in Kemnade dringt der satte Klang der Alphörner. Im Innern der romanischen Basilika stehen die Musiker in Reih und Glied und kerzengerade vor dem Altar: Die Alphorngruppe Weserbergland probt. Fest im Griff beider Hände: das Ende des Horns; die Lippen auf das Mundstück gelegt und aufgeblasen die Backen, entlocken die zwei Frauen und acht Männer den gut vier Meter langen „Pfeifen“ ungewöhnliche, aber herrliche Laute. Opulent ist der Schall, der den Kirchenraum erfüllt und Holzbänke und Holzboden zart beben lässt. Heinz Hugo Noack spielt einige Stücke ohne Notenpapier. Bei den anderen wandert der Blick immer wieder von dem kleinen Ständer mit den Notenblättern am oberen Ende des Alphorns zum „Maestro“.

Dort, wo sonst die Gläubigen während der Gottesdienste Platz nehmen, steht Fritz Eberhard am „Dirigentenpult“. Mal weit ausholend, mal in kleinen Bewegungen schwingt er die Arme im Takt der Musik. Manchmal summt er leise die Töne mit, nickt zufrieden. Aber plötzlich unterbricht er das Spiel. Was ist los? Insgesamt hörte sich doch alles ganz und gar nicht unharmonisch an, oder? Eine Einschätzung, die wohl nur jemand mit ungeübtem Ohr formulieren kann … Aber nicht Fritz Eberhard, der ein Studium für Trompete am Konservatorium in Bern bei Raimond Boccio absolvierte, Musikvereine, Orchester und Musikcorps dirigierte, außerdem nicht nur zeit seines Lebens ein Blasinstrument spielt und unterrichtet, sondern dazu das Orgel- und seit 1983 auch das Alphorn-Spiel beherrscht. Energisch tippt Fritz Eberhard die ausgestreckten Finger auf die Rückenlehne der Holzbank vor ihm. Und die Klänge verstummen. Es ist das „Echo“, mit dem der musikalische Leiter nicht zufrieden ist: „Wir wollen versuchen, nacheinander einzusetzen.“ Der Gründer der Alphorngruppe, die 2002 mit drei Musikern angefangen hatte und heute 16 Bläser zählt, bittet zur Wiederholung. Da wird an der Lautstärke gefeilt, mal soll’s richtig forte tönen, mal piano, mal sollen die Töne kräftig anschwellen oder eben auch nicht – jeweils immer an der richtigen Stelle, versteht sich. Aber manchmal posaunen die Alphornbläser schlichtweg die falschen Töne heraus. Was folgt, ist klar: „Wir wiederholen noch einmal.“ Gemächlich-melodiös ist der Akzent des gebürtigen Schweizers, der 1996 ins Weserbergland kam und seitdem in Dohnsen zu Hause ist. Seine Ansagen sind trotzdem bestimmend. Weshalb die Bläser später beteuern werden, dass Fritz Eberhard absolut kein strenger Lehrer sei. Nur die musikalischen Ansprüche, die er stelle, die seien schon hoch. Und das ist gut so, wird Conny Bainka-Bosse am Ende der Proben sagen. Dass Fritz auf jeden Fall immer sehr geduldig ist, soll sich während der zwei Übungsstunden bestätigen. Mehrere Durchgänge sind manchmal erforderlich, bis ein Stück perfekt gespielt wird. Dabei sei das Alphorn ein einfaches Instrument – so wie Schwyzerdütsch auch eine ganz einfache Sprache sei, scherzt Fritz Eberhard in der Pause. Ob es nun musikalisch „Uf de Schafweid“, ins „Jämmertäli“, zu dem in abgelegenen Tälern wohnenden „Horngräbler“ geht oder der „Hirtaruef“ geblasen wird – die Titel der eigens für Alphorn komponierten Stücke sind wahrlich so schwer nicht zu verstehen. Wie in dem Instrument, das weder Klappen noch Ventile oder Züge besitzt, die „urchigen“ Töne angeregt werden, hingegen schon. Verblüffend einfach gebaut ist das Alphorn zwar, doch gerade deswegen ist es umso anspruchsvoller.

„Es kann nicht die gesamte Tonleiter, sondern nur die Naturtöne gespielt werden“, erklärt Fritz Eberhard. Das Alphorn umfasst mindestens 15 Töne – und „wenn man gut ist, kann man sie alle spielen“, sagt der Alphorn-Ausbilder. Die besondere Technik, mit der diese Naturtöne hervorgebracht werden, war den Bläsern der Weserbergland-Gruppe nicht völlig fremd, als sie bei ihm das Alphorn-Spielen erlernten. Denn allesamt sind sie „Mehrfach-Bläser“, spielen neben Alphorn beispielsweise auch Trompete. Oder Jagdhorn, wie Dr. Mechthild Winnicker-Bosch, die vor fast einem Jahr hinzukam: Für jemanden, der Jagdhorn spiele, sei es nicht so schwer, die Technik umzusetzen, meint die 46-jährige Tierärztin aus Bremke.

Bosch-Alphornzerlegen Foto: amg
  • Bosch-Alphornzerlegen Foto: amg

„Tonerzeuger ist beim Alphorn, wie überhaupt bei Blechblasinstrumenten, der Körper des Bläsers“, erklärt Fritz Eberhard. Genauer gesagt: die Lippen – „die im Mundstück schwingen und nicht gepresst werden sollen“ –, die Zunge, der Gaumen, der gesamte Atmungsapparat. Die gespannten Lippen des Bläsers bilden einen Widerstand gegen die in das Instrument geblasene Luft, erzeugen durch ihre Vibration Töne mit immer größer werdenden Schwingungszahlen. Die Höhe der Frequenzen entsteht durch die unterschiedlich leichte oder starke Lippenspannung. Das bedeutet: Je höher die Lippenspannung, desto schneller sind die Schwingungen. Und folglich umso höher der Ton. Umgekehrt werden tiefe Töne durch eine schwächere Lippenspannung erzeugt, erklärt Fritz Eberhard, bevor er in die Hände klatscht und die Bläser zum „Schlussakkord“ bittet.

Es ist kalt in der Kirche, und nach zwei Stunden ist genug des Übens: Mit dem „Abendfrieden“ sollen die Proben enden. „Einmal noch durch und dann war es das für heute – aber bitte keine falschen Töne“, sagt Fritz Eberhard. Unterdessen trudeln jedoch die verspäteten Pilger ein, die der Vorsitzende des Fördervereins der Klosterkirche St. Marien, Horst Trahm, schon mehr als eine halbe Stunde zuvor angekündigt hatte. Und so geben die Alphornbläser noch zwei Zugaben. Eigens für die Gäste aus Hannover, die auf dem Pilgerweg Loccum–Volkenroda unterwegs sind. Mit Alphorn-Musik hatte Familie Hohmann allerdings nie gerechnet: „Alphörner zu hören, obendrein hier in der Region, ist schon etwas ganz Besonderes“, sagt Nicola Hohmann und ist erstaunt über die wunderschönen Klänge. Reaktionen, die Fritz Eberhard immer wieder feststellt, wenn die Alphornbläser Konzerte geben: „Die Leute sind erstaunt und fasziniert.“ Fritz Eberhard selber war 1983 dem Ruf des Alphorns gefolgt, als er den bekannten Alphorn-Solisten Joseph Molnar in einer Kirche im schweizerischen Adelboden spielen hörte. „Ich beschloss, ein Alphorn zu kaufen und es mir im Selbstunterricht beizubringen“, erinnert er sich. Es folgten Konzerte in der Schweiz – und auch im Weserbergland: „Die Alphorngruppe Weserbergland hat im Jahr etwa 15 Auftritte“, sagt Eberhard. Dabei hatte er anfangs noch befürchtet, man würde ihn belächeln, wenn er, der Schweizer, mit Trachtenjackl und Alphorn daherkäme. Das Gegenteil aber trat ein. Schnell fanden sich Gleichgesinnte, „die schon immer Alphorn spielen wollten“. Und je mehr die Musik in die Öffentlichkeit dringt, desto mehr Zuspruch werde den Alphornbläsern entgegengebracht, die ihr Hobby mit Leidenschaft ausüben. Und keinen noch so weiten Weg scheuen, um an den Proben teilzunehmen: Von den zehn Musikern, die heute in der Klosterkirche in Kemnade üben, sind je drei aus Celle und Eschershausen, zwei aus Hessisch Oldendorf und je einer aus Ottenstein und Holzminden. Aus der Düftestadt kommt Manfred Nesius, der nie ohne sein Alphorn verreist. Bis nach Davos hat er das Instrument schon befördert. Am liebsten, erzählt der 71-Jährige, würde er in den Bergen und am ruhigen See spielen, weil dort der Klang besonders schön zum Ausdruck kommt. Der lange Lulatsch aus Holz lässt sich klein machen und somit überallhin transportieren.

Termin: Die Stammbesetzung der Alphorngruppe probt dienstags von 16.30 bis 18 Uhr in der katholischen Kirche in Eschershausen; 14-tägig wird eine Probe an wechselnden Orten angeboten: Am heutigen Samstag, 28. November, um 16 Uhr in der evangelischen Kirche in Boffzen. Infos m Internet: www.alphorngruppe-weserbergland.de



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