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Alopecia Areata: Haarausfall und trotzdem glücklich

BAD MÜNDER/EIMBECKHAUSEN. Hin und wieder streicht sie mit ihrer Hand über die Kopfhaut, berührt mit ihren Fingern die Stellen, wo keine Haare mehr wachsen. Früher hatte Ines Unger lockige Haare, die weit über ihre Schultern fielen. Dann fielen sie aus. Erst einzelne Haare, dann werden es mehr.

Ines Unger hat ihre Haare an die Krankheit verloren. Heute trägt sie ihre Glatze mit Stolz und eine Perücke (kleines Bild) nur, wenn sie Lust dazu hat. Foto: Dittrich
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Benedikt Dittrich Redakteur zur Autorenseite

Am Ende verliert sie auch Wimpern und Augenbrauen. Die Diagnose: Alopecia Areata, Kreisrunder Haarausfall. Die Ärzte wissen nicht, woher es kommt, können nicht helfen. Der Blick in den Spiegel wird zur Qual. Bis sie zum Rasierer greift.

„Meine Schwester war zu Besuch“, berichtet die Eimbeckhäuserin von jenem Tag im Jahr 2014. Zu dem Zeitpunkt hatte sie schon einen Großteil ihrer Haare verloren, kämpfte mit Depressionen. „Das fing über den Ohren an“, erzählt sie und zeigt auf eine Stelle über der Brille. „Irgendwann war es dann überall.“

Statt täglich im Spiegel zu sehen, wie die kahlen Stellen wuchsen, schlug ihre Schwester die Totalrasur vor. Unger lässt sich überreden – rückblickend war es vielleicht die beste Entscheidung, die sie in den vergangenen vier Jahren getroffen hat. „Es war eine unglaubliche Erleichterung.“ Sie staunt, als sie ihre Glatze das erste Mal sieht – und wird von Euphorie gepackt. Das neue Aussehen gefällt ihr so gut, dass sie direkt zu einem Fotografen geht. Sie hält ihre Emotionen, ihr neues Lebensgefühl auf Bildern fest.

„Man hat das Gefühl, dass man ein Alien ist“, beschreibt Unger ihre Gedanken, die sie während des Haarausfalls belasten. Es wird viel getuschelt, aber wenig offen gesprochen. Frauen mit Glatze werden aus ihrer Sicht nach wie vor nur mit einer Krankheit in Verbindung gebracht: Krebs. Und über Krebs spricht man nicht.

Das stört sie bis heute: „Die Gesellschaft ist verkrampft.“ Sie will nicht mit Krebs-Patienten verglichen werden. „Ich möchte gegen die Gerüchte angehen, über die Krankheit aufklären.“ Indem sie anfing, über den Haarausfall zu sprechen, habe sie die Diagnose Alopecia Areata erst verarbeiten können. Bis dahin sei es aber ein langer Weg gewesen.

Auch jetzt gebe es noch Tage, an denen sie depressiv ist. „Aber ich kann das viel besser regulieren, dagegen ankämpfen.“ Die Stimmungsschwankungen sind schwächer geworden, sie weiß heute, wie sie damit umgehen muss. Was Unger auch geholfen hat: Sie hat sich über Facebook mit anderen Alopecia-Geplagten ausgetauscht, steht in Kontakt mit anderen Frauen ohne Haare. In einem Blog im Internet spricht sie offen über die Entwicklung ihrer Krankheit.

Heute nimmt sie die Veränderungen mit Humor – anders würde es auch gar nicht gehen. In den Achselhöhlen habe sie zum Beispiel wieder Haare bekommen. „Da wo man sie gar nicht gebrauchen kann“, sagt sie und lacht. „Ich hab schon überlegt ob ich Pfeile auf die Haut male, damit die Haare wissen, wo sie wachsen sollen.“ Seit ein paar Tagen sind auch ein paar kurze, dünne Härchen auf ihrem Kopf erschienen – Unger nennt sie Flusen: „Die waren voriges Jahr auch da.“ Damals verschwanden sie nach dem Sommer wieder, sie vermutet, dass es auch in diesem Jahr wieder so sein wird.

Statt auf die Rückkehr ihrer Haare zu hoffen, hat die heute 34-jährige Mutter lieber die Zukunft im Blick, die sie beeinflussen kann. Ihre Krankheit ist ein fester Bestandteil davon: „Ohne Alopecia wäre ich nicht der Mensch, der ich heute bin.“ Eine Echthaar-Perücke besitzt sie auch, trägt sie aber nur hin und wieder, wenn sie Lust dazu hat.

Ihren alten Job in der Orthopädie hat sie an den Nagel gehängt, stattdessen ein Fernstudium als psychologische Beraterin begonnen. „Die Noten sind super“, berichtet sie, „und es wird nie langweilig.“ Wenn sie ihren Abschluss nächstes Jahr schafft, will sie bei sich Zuhause eine kleine Beratungspraxis eröffnen. „Ich will Menschen helfen, besser mit Alopecia umzugehen“, sagt sie. „Man kann sich entscheiden, ob man aufstehen oder sitzen bleiben will. Ich bin aufgestanden.“

Der Blog von Ines Unger: www.alopeciaundich.de



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