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Alles eine Frage der Verpackung?

Können es sich die dauerklammen deutschen Krankenkassen tatsächlich leisten, jährlich rund 8,5 Milliarden Euro zu viel für die Gesundheitsversorgung von Heimbewohnern oder chronisch Kranken auszugeben? Zwei Studien, die von der AOK Bayern und der für Berlin zuständigen AOK Nordost gemeinsam mit mehreren anderen regionalen Krankenkassen in Auftrag gegeben und in den Jahren 2009 und 2010 durchgeführt wurden, scheinen dies zu belegen. Doch die Krankenkassen bleiben zurückhaltend.

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Auch in den Gesundheitsministerien in Hannover, München oder Berlin löst die gewaltige Summe bislang keinerlei politische Aktivitäten aus. Unisono erklärten die Sprecher der Ministerien auf Anfrage, man begrüße derartige Studien, halte deren Ergebnis jedoch für „noch nicht ausreichend fundiert, um daraus eine Verblisterung von Medikamenten für die infrage kommenden Patienten vorbehaltlos zu bejahen“. Zu den in den beiden Studien errechneten Einsparungen durch die Studie Patientenindividuelle Arzneimittel-Verblisterung für Bewohner von Pflegeheimen (PIVP) wollte das Bundesgesundheitsministerium in Berlin nicht Stellung nehmen. Die PIVP gehöre zu einer ganzen Reihe von Maßnahmen, die möglich seien, deren Einsatz aber den Kassen obliege. Dafür trügen diese die Verantwortung. Der Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums, Thomas Spieker, kommentierte lediglich: „Wir begrüßen alles, was dazu beiträgt, die Vergabe der Medikamente sicherer zu machen.“ Doch fehlt nach Ansicht des Ministeriums eine bundesweite Studie, die die Kosten-Nutzen-Relation wissenschaftlich belege.

Marcus Berz, Geschäftsführer des Hamelner Medikamentenverpackers Blister Care, sieht das natürlich ganz anders. Für ihn „grenzt die Tatsache, dass die Krankenkassen die PIVP noch immer nicht flächendeckend zur Anwendung bringen, an fahrlässige Körperverletzung“, sagt der Sprecher der Deutscher Blisterunion. „Denn durch die PIVP wurden die Heimbewohner unter anderem um 26 Prozent weniger in Kliniken eingewiesen.“ Britische und skandinavische Langzeitstudien kämen auf über 50 Prozent weniger Klinikeinweisungen durch die Verblisterung der Medikamente ambulanter Patienten.

In den beiden neuen Studien wurden die Auswirkungen der individuellen Verblisterung für Patienten in Pflegeheimen untersucht, deren Ergebnisse sich auch auf die Versorgung von rund fünf Millionen chronisch Kranken in der Bundesrepublik übertragen lassen. Beide Studien kommen zu ähnlichen Aussagen: Pro Pflegepatient – in deutschen Pflegeheimen gibt es rund 700 000 stationäre Patienten und bundesweit fünf Millionen ambulante Chroniker – lassen sich durch die PIVP jährlich rund 1500 Euro einsparen. Da in der Studie der AOK Bayern die Daten jener Bewohner von Pflegeheimen, die im Untersuchungszeitraum verstarben, nicht mit einbezogen wurden, lässt sich annehmen, dass die Einsparungen noch wesentlich höher sein könnten. Die durchschnittlichen Einsparungen – bezogen auf alle Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen – durch Rabattverträge, die bei einer PIVP nicht zur Anwendung kommen, betragen dagegen jährlich nur rund 25 Euro pro Kassenmitglied. Da bei Bewohnern von Pflegeheimen deutlich mehr Medikamente verordnet werden als dem Durchschnitt der Kassenmitglieder, dürfte die Einsparung durch die Rabattverträge bei ihnen etwa das Vierfache betragen – also rund 100 Euro. Auch bei Chronikern wird mit dem vier- bis fünffachen Betrag gerechnet – die Rabattverträge mit den Herstellern von Arzneien erbringen auch hier nur maximal 125 Euro pro Jahr.

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  • Kann allein die patientenindividuelle Verpackung von Medikamenten Milliarden Euro im Gesundheitssystem einsparen?

Die Einsparung von 1500 Euro jährlich wird nicht etwa bei den Arzneimittelkosten erreicht, sondern durch deutlich weniger Klinik-Einweisungen der Patienten, die therapiegenau verblisterte Arzneimittel erhalten: Nach den Ergebnissen des Berliner Modellprojekts sank die Zahl der Klinikeinweisungen um rund 26 Prozent, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der Klinik von 10,6 auf 7,8 Tage. Dadurch sanken die Kosten für die stationäre Versorgung in einer Klinik pro Patient und Woche aufgrund der verbesserten pharmazeutischen Versorgung um durchschnittlich 33,60 Euro. Werden die Mehrausgaben für die Vergütung der Apotheker und für die ambulante ärztliche Versorgung den Minderausgaben durch reduzierten Arzneimittelverwurf im Todesfall sowie allgemeine Minderausgaben in der Arzneimittelversorgung einander gegenübergestellt, ergibt sich sogar eine Einsparung in Höhe von durchschnittlich 1600 Euro pro Patient und Jahr. Kämen dabei die Rabattverträge zur Anwendung, verbliebe jährlich eine Einsparung von rund 1500 Euro pro Heimpatient oder Chroniker, insgesamt eine Summe zwischen acht und neun Milliarden Euro.

In Schweden verblistert die staatliche Apothekenkette in regionalen Blisterzentren Medikamente für rund 160 000 Personen. Auch in Dänemark gewährleisten für die Verblisterung lizenzierte Apotheken seit 2003 eine großflächige Versorgung der Bevölkerung. Nicht so in Deutschland, wo nur partiell Blisterzentren Pflegeheime bedienen, mithin ein Großteil der potenziellen Abnehmer weiterhin traditionell versorgt wird und damit die Therapietreue nicht optimiert werden kann. Wie die Studie der AOK Bayern gezeigt hat, führt der Einsatz eines Blisters vor allem dazu, dass die Medikamente im Pflegeheim „einnahmezeitpunktgenau auf die jeweiligen Patienten zuordenbar“ sind. Dadurch, so heißt es im Bericht „Patientenindividuelle Arzneimittel-Verblisterung für Bewohner von Pflegeheimen“ des Instituts für Gesundheitsökonomik (IfG) in München, verbessere der Arzneimittel-Blister den zweckgebundenen Einsatz. Was gleichbedeutend mit einer besseren Wirkung der Medikamente ist.

Tatsächlich belegen laut PIVP-Bericht zahlreiche Studien, dass bezüglich der Therapietreue noch „deutliches Verbesserungspotential besteht“. Immerhin beantworteten 82 Prozent der in der IfG-Studie befragten Heimbewohner, „dass sie durch den Medikamentenblister seltener vergessen haben, eine Tablette einzunehmen, und dass der Blister dazu führte, dass sie die Tabletten zur richtigen Uhrzeit einnahmen“. Auch das Pflegepersonal berichtet von deutlichen Verbesserungen der Abgabegenauigkeit und der hygienischen Bedingungen durch verblisterte Medikamente.

Seit vier Jahren erhalten die Bewohner des Senioren-Domizils in Klein Süntel bei Bad Münder ihre Medikamente verblistert, wie Pflegedienstleiterin Romana Freitag berichtet. „Das hat die Medikationssicherheit klar verbessert“, erklärt sie. Als besonderen Vorteil bezeichnet sie den engeren Kontakt zwischen Arzt und Apotheker. Das habe die Erkenntnisse über Wechselwirkungen von Medikamenten verbessert und unnötige Doppelverordnungen deutlich verringert. „Außerdem kontrollieren wir bei jeder Lieferung die Bestückung der Blister und gleichen sie mit den Verordnungen ab.“ Auch wegen des Mangels an qualifiziertem Fachpersonal sei das Verblistern sinnvoll. „Und viele Bewohner des Domizils sind froh, dass sie die Medikamente verblistert erhalten. Denen ist schon klar, dass damit die Therapietreue verbessert wird.“

Dass Medikamente nur dann optimal wirken, wenn sie regelmäßig eingenommen werden, hat die Apotheker in Niedersachsen in diesem Jahr veranlasst, Qualitätszirkel zu gründen, um die Beratung spezieller Patientengruppen zu verbessern. Grundsätzlich lässt laut der IfG-Studie eine verbesserte Therapietreue erwarten, dass „unerwünschte arzneimittelbedingte Wirkungen seltener auftreten und außerdem die Arzneimittel besser wirken“. Weiter heißt es in der Studie, als Folge daraus sei anzunehmen, dass derart mit Medikamenten behandelte Personen weniger häufig ärztliche Behandlungen beanspruchten. „Dies wiederum würde zu geringeren Versorgungsausgaben der Krankenkassen führen. Das gilt besonders im stationären Bereich, da hier für die Kasse bei jedem Behandlungsfall relativ hohe Ausgaben entstehen.“ Annahmen, die durch die Studien bestätigt wurden. Auch der Vorstandschef der AOK Bayern, Dr. Helmut Platzer, bestätigt, es deute einiges darauf hin, „dass negative und vermeidbare Nebenwirkungen bei Arzneimitteln reduziert werden können und somit weniger Krankenhausaufenthalte nötig sind als bisher“. Doch seien weitere Analysen erforderlich.

So hieß es von der Pressestelle der AOK Bayern, es müssten erst noch widersprüchliche Ergebnisse der Studie überprüft werden. So sei bei Heimbewohnern mit Pflegestufe, denen nach der neuen Methode ihre Medikamente zugeteilt wurden, die Kosten für die Kassen nicht gesunken. Sie stiegen sogar wöchentlich pro Patient um 16,89 Euro, während sie bei Patienten ohne Pflegestufe um 15,79 Euro pro Woche niedriger waren. Gleichwohl stehe bei der AOK Bayern nun eine Entscheidung darüber an, die PIVP in einem nächsten Schritt auf die AOK-Pflegenetze auszuweiten. Einen Zeitrahmen dafür nannte Platzer nicht.

Auch die AOK Nordost will nach Angaben ihrer Sprecherin Gabriele Rähse die Erfahrungen aus dem Projekt nutzen, um weitere Konzepte der Verblisterung und eine Ausweitung auf weitere Versichertenkreise der AOK zu prüfen. „Hier denken wir auch an einen Einsatz im ambulanten Bereich.“ So könnte etwa bestimmten Gruppen von chronisch Kranken im Rahmen von Versorgungsprogrammen der AOK Nordost die Versorgung mit Arzneimitteln in Blistern angeboten werden. Für die Techniker Krankenkasse hat das Thema Verblistern hingegen „einen eher untergeordneten Stellenwert, da es in der Masse nicht so oft vorkommt“, wie die Pressestelle mitteilt.

Als ökonomischen Vorteil für die Kassen bezeichnen die Studien auch die Möglichkeit einer tablettengenauen Abrechnung. Bei Medikationsänderungen oder dem Tod eines Patienten würden weniger Arzneimittel im Abfall landen. Nach der Berliner Studie wurden im Untersuchungszeitraum 743 Heimbewohnern 797 121 Tabletten verordnet, aber es wurden nur 674 050 abgerechnet – eine Einsparung von rund 30 000 Euro. Hochgerechnet auf bundesweit 700 000 Heimbewohner wären dies rund 30 Millionen Euro allein durch diese präzisere Abrechnung.

Immer höher steigen die Ausgaben für Medikamente. Dabei könnten die Krankenkassen Milliarden sparen, wie Studien vorrechnen. Die Voraussetzung: Medikamente für Pflegeheimbewohner oder chronisch Kranke müssten nach deren individuellem Bedarf portioniert und verpackt werden. Therapiefehler würden so minimiert, heißt es.

Bei der Verblisterung werden Tabletten mit genauer Angabe der Wirkstoffe, einer Beschreibung der Medikamente, dem Namen des Patienten und dem genauen Einnahmezeitpunkt in kleine Kunststoffschläuche verpackt. Patienten behalten so leichter den Überblick.

Fotos: wft/ Bilderbox



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