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Bittere Versammlung: Schützenverein Rehren ohne Vorsitzenden - insgesamt vier Ämter nicht besetzt

"Alle wollen essen, aber keiner will kochen"

Rehren. Es ist 19.10 Uhr an diesem Freitagabend, als Bernd Wentzel auf der Jahreshauptversammlung des Schützenvereins seine Rede beginnt. Es wird seine letzte sein, Wentzel tritt nach zehn Jahren als Vorsitzender zurück, und, auch das ist klar, einen Nachfolger gibt es nicht. Nicht hier und heute.

Autor:

Frank Westermann

Um die letzten Monate, wenn nicht sogar Jahre, auf den berühmten Punkt zu bringen, sucht Wentzel nach einem Bild. Er findet es in der Küche. Er spricht nicht von den vielen Köchen, die den Brei verderben, ganz im Gegenteil, aber einen Zusammenhang zwischen der Nahrung und den Küchenarbeitern stellt auch er her: "Alle wollen essen, aber keiner will kochen", sagt Wentzel. Fast prophetische Worte, die sich später bestätigen werden. Der scheidende Vorsitzende will nicht nachtreten, das ist wohl auch nicht seine Art, aber er will auch nicht gehen, ohne ein Wort zu den Vorgängen der letzten Zeit gesagt zu haben. Beim Königsschießen am 1. September musste vom Marktplatz ohne Fahne losmarschiert werden, die Beteiligung ließ insgesamt zu wünschen übrig, beides ärgert ihn noch heute: "Für manche ist halt alles andere wichtiger als das viel gepriesene Zusammenseinim Verein." Weil er keinem namentlich auf den Schlips treten will, bedankt sich Wentzel stellvertretend für all diejenigen, "die mir treu zur Seite standen", bei seiner Frau. Es sei immer sein Ziel gewesen, Tradition und Schießsport miteinander zu verbinden, erklärt er: "Dazu gehört für jedes Vereinsmitglied aber immer auch gegenseitiges Verständnis und Toleranz gegenüber denen, die nicht genaudie gleichen Prioritäten haben." Den gesellschaftlichen Wandel würden alle Vereine und damit auch die Schützen deutlich zu spüren bekommen. Daher werde man künftig sicher über mehr gemeinsame Aktionen mit anderen Vereinen nachdenken müssen, sagt Wentzel, ehe er darum bittet, seinen Nachfolger und den Vorstand nach Kräften "mit offenen Worten und vor allem tatkräftig zu unter- stützen". Danach hat Schatzmeister Rainer Rodewald das Wort. 105 Mitglieder hat der Schützenverein, 29 Austritte wurden im letzten Jahr als Folge der Querelen verzeichnet, "einen ganz aktiven Aderlass" nennt es Rodewald, "auch rein sportlich ein Niedergang". Zwei Neuzugänge gab es. Und sinkt die Mitgliederzahl unter 100, "dann geht es finanziell ans Eingemachte", sagt Rodewald. Wie sich derÄrger hinter den Kulissen auf den Schießsport auswirkt, das erzählt danach Gert Kuhnt. Der Schießsportleiter, im September neu ins Amt gekommen, berichtet von einer deprimierenden Saison, in der die acht, neun Mitglieder, die er vorher für ihre sportlichen Leistungen ausgezeichnet hat, fast mit denen identisch sind, die überhaupt noch am sportlichen Betrieb teilnehmen. Auch Kuhnt sieht die Zeichen der Zeit an der Wand, auch er spricht davon, "die Ressourcen unseres Vereins bei anderen Vereinen einzubringen und die Ressourcen der anderen zu nutzen". Lutz Giesecke, Andrea Seiler und Bernd Wentzel werden namentlich genannt, weil sie sportlich auch dort eingesprungen sind, wo sie gar nicht hingehören - damit die Mannschaft antreten kann. Kuhnt spricht mit unüberhörbarem Respekt vor dem Trio, er sagt das Wort nicht, aber jeder spürt, was er den dreien attestiert: Charakter. Auch Christa Treder wird gelobt: "Erfolgeüber Erfolge", sagt Kuhnt und führt ihre beiden Landesmeistertitel an. Das traurige Ende des Abends ist damit noch nicht erreicht, das kommt bei den Neuwahlen. Für Bernd Wentzel findet sich niemand, der Schützenverein wird nun kommissarisch vom Vorstand geleitet. Aber was heißt hier Vorstand? Ein Schriftführer wird an diesem Abend nicht gefunden, ein Haus- und Gerätewart muss ebenfalls weiter gesucht werden, selbst ein arbeitsarmes Amt wie das des stellvertretenden Schatzmeisters kann nicht besetzt werden, obwohl Rodewald erklärt: "Ihr müsst doch gar nichts tun, nur ab und an mal kurz helfen." Alles vergebens. Und auch Kuhnt lässt sich nur unter Vorbehalt wiederwählen: Sollte sich herausstellen, dass er mit dem nächsten Vorsitzenden nicht kann, wird er das Amt abgeben. Was Kuhnt erwartet, fasst er in einem Wort zusammen: "Teamarbeit." Ziemlich fassungslosäußert sich ganz am Schluss Gabriele Kiers: "Will denn hier niemand mal Danke dafür sagen, dass Bernd den Verein zehn Jahre geleitet hat?" Nein, offensichtlich nicht, selbst einen Blumenstrauß erhält Wentzel nicht. Daher bedankt sich Kiers bei Wentzel. Wie geht es weiter? Ein halbes Jahr hat der Vorstand Zeit, um einen Nachfolger zu finden. Um im vom Wentzel gewählten Bild zu bleiben: Der Schützenverein sucht Küchenbullen.




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